Russland
Putins Kampf um Anerkennung – zur Not mit atombetriebenen Marschflugkörpern

Präsident Wladimir Putin hält eine Rede an die Nation – seine Art, Wahlkampf zu führen und dabei dem Ausland zu sagen: «Wir gehen unseren eigenen Weg.»

Inna Hartwich, Moskau
Merken
Drucken
Teilen
Wladimir Putin hält in Moskau eine Rede vor russischen Würdenträgern und spricht doch zur ganzen Welt. Über Atomraketen, Torpedos und Wirtschaftsstärke redet der Präsident – und liefert dabei Bilder wie aus Nordkorea.

Wladimir Putin hält in Moskau eine Rede vor russischen Würdenträgern und spricht doch zur ganzen Welt. Über Atomraketen, Torpedos und Wirtschaftsstärke redet der Präsident – und liefert dabei Bilder wie aus Nordkorea.

Alexei Nikolsky/Sputnik/AP

Es ist, als stünde da einer, der eines Tages unfassbar verletzt worden war. Der viel um die Anerkennung gerungen hatte und doch nur die kalte Schulter zu spüren bekam. «Niemand wollte mit uns sprechen», sagt Russlands Präsident Wladimir Putin, als er zur Mittagszeit vor der blauen Wand in der Moskauer «Manege» steht, einer früheren Paradehalle für Reitvorführungen.

Auf der Leinwand hinter sich hat er gerade Filme von neuartigen Interkontinentalraketen, atombetriebenen Marschflugkörpern und neuartigen Torpedos aus russischer Produktion präsentiert, eine Dreiviertelstunde lang die Errungenschaften russischer Streitkräfte gelobt.

Russlands Präsident Wladimir Putin in der Moskauer «Manege».     

Russlands Präsident Wladimir Putin in der Moskauer «Manege».     

KEYSTONE

Es ist die russische Art, zu zeigen: Wir sind mächtig, und ihr könnt uns nichts. Eine Aufteilung in «Wir» und «Ihr» ist unabdingbar im Politikverständnis des russischen Systems. «Niemand hatte uns zugehört. Hört uns jetzt zu», sagt er im Hinblick auf «Russlands Partner im Ausland». Sein Publikum – mehrere hundert Würdenträger aus russischer Politik, Kirche, Gesellschaft – springt auf und klatscht lange im Stehen.

Mit der grossen Rede an die Nation, so heisst es in der russischen Verfassung, wendet sich der Präsident ein Mal im Jahr an die beiden Kammern des russischen Parlaments und legt Rechenschaft über sein politisches Handeln ab. Dieses Mal ist vieles anders. Der Auftritt findet nicht wie gewohnt im Dezember statt, auch nicht unter schweren Lüstern des Kreml. Putin will in gut zwei Wochen erneut Russlands Präsident werden.

Ausblick auf die Präsidentschaft

Kaum ein Zweifel, dass er das Land in den kommenden sechs Jahren auch regieren wird. Ein Wahlprogramm war er dem Volk aber bislang schuldig geblieben. Die Rede, die die Russen «Botschaft» nennen, liefert genau das: einen Ausblick auf seine neue Präsidentschaft.

Mehrmals spricht der gealterte und immer wieder hustende Präsident vom «Sechsjahresplan» und zieht oft Vergleiche zur Sowjetunion heran – stets, um auch anhand von Grafiken zu zeigen, dass sich das moderne Russland davon entfernt und mehr zu bieten habe. Zahlen von der Steigerung der Ernteergebnisse erinnern dabei allerdings arg an sowjetische Lobhudeleien, wie hart doch das Volk zum Wohle der Nation arbeite.

In den kommenden Jahren sollen die Russen laut Putins Ausführungen reicher werden, sich vermehren, in neueren Häusern leben und besseres Wasser trinken. Jeder einzelne Mensch stehe im Fokus seiner Präsidentschaft. Er wolle für mehr Freiheit sorgen, die Zivilgesellschaft stärken, eine unabhängige Justiz schaffen, die Infrastruktur verbessern, mehr in Bildung, Gesundheit und Digitalisierung investieren.

Ein Idealbild eines Landes, in dem viele Strassen marode sind, die Dächer in den Schulen bröckeln, der Schnee in manchen Gegenden rot oder schwarz vom Himmel fällt und viele Menschen sterben, noch bevor sie Rentner werden. «Rückstand ist der Feind», sagt Putin und verspricht höhere Wirtschaftszahlen als in jedem anderen Land der Welt.

Probleme der Welt klären

Wie er die selbstbewusst dargelegten Träume finanzieren will, erklärt der Präsident nicht. Vielmehr bekräftigt er in den zwei Stunden seiner Rede die Rolle eines starken, mutigen Russlands, das «immer seinen eigenen Weg gehen wird». Deshalb der Stolz bei der Präsentation der Raketenvideos. Die Bilder, die an solche aus Nordkorea erinnern, mögen irritieren. Das sollen sie im Ausland wohl auch.

Im russischen Verständnis aber sind sie keine Drohung, keine Bestätigung Russlands als Aggressor. Nach innen sind sie ein Symbol der zuverlässigen Sicherheit. Für den Präsidenten gar eine Einladung ans Ausland, sich an den Verhandlungstisch zu begeben und die Probleme der Welt zu klären. «Ehrlich und gleichberechtigt», wie Putin betont. Wieder einmal kämpft hier einer um die unbedingte Anerkennung der anderen.