Fussball-WM
Putins Spiele: Der russische Präsident verspricht ein «wunderbares Fest»

Kaum hatte 2010 der damalige Präsident des Fifa-Weltfussballverbandes, Joseph Blatter, den Zettel mit dem Wort «Russia» hochgehalten, fingen bereits die Diskussionen über eine gekaufte WM an.

Inna Hartwich, Moskau
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Wer macht den ehrfürchtigeren Eindruck, Wladimir Putin (r.) oder der WM-Pokal? Fifa-Präsident Gianni Infantino hat jedenfalls nur Augen für einen. Maxim Shemetov/Reuters

Wer macht den ehrfürchtigeren Eindruck, Wladimir Putin (r.) oder der WM-Pokal? Fifa-Präsident Gianni Infantino hat jedenfalls nur Augen für einen. Maxim Shemetov/Reuters

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Es hätte Grossbritannien werden können. Auch Spanien und Portugal. Oder Belgien und die Niederlande. Doch an einem späten Moskauer Abend im Dezember 2010 titelte die russische Internetzeitung gazeta.ru – damals noch regierungskritisch – gewohnt ironisch: «Russland hat die Fussball-WM gewonnen.»

Gewonnen war da natürlich noch nichts oder zumindest wenig. Gewonnen war lediglich der Zuschlag für die Ausrichtung der Spiele, gemeinsam mit Katar, wo der Ball in vier Jahren quasi im Sand rollen soll. Kaum hatte der damalige Präsident des Fifa-Weltfussballverbandes, Joseph Blatter, den Zettel mit dem Wort «Russia» hochgehalten, fingen bereits die Diskussionen über die Farce der Vergabe an, die eine systemimmanente Logik offenbarte. Diskussionen über die gekaufte WM.

Russland kam im Zuge des Entsetzens über den Zuschlag für Katar fast schon milde davon. Da war die Rede von gekauften Stimmen, auch mit teuren Bildern, man prangerte die in Russland üblichen «Otkaty» bereits für die Ausschreibungen an, so heissen Bestechungsgelder für Beamte und Politiker im Russischen. Es blieb jedoch lediglich bei den Korruptionsvorwürfen, die sowohl Russland als auch Katar bis heute vehement bestreiten.

Bestechung nicht bewiesen

Selbst der Prüfbericht zur WM-Vergabe des US-Anwalts und Fifa-Ethikkommissionsermittlers, Michael Garcia, erbrachte keinen zwingenden Beweis, dass die WM gekauft worden war. Der Bericht zeigt zwar die Abgründe der Fussball-Welt in der Ära Blatter auf, doch er liefert keine Fakten, die juristisch relevant wären.

Die Veröffentlichung so mancher Details passt allerdings nicht zu dem, was der Blatter-Nachfolger, Gianni Infantino, pathetisch versprochen hatte: einen moralischen Neuanfang im Weltfussball. Putin und Infantino brauchen einander, sie brauchen diese Weltmeisterschaft. Der Schweizer, um zu zeigen, dass die Blatter-Ära wirklich vorbei ist, der Russe, um seine Legitimation zu stärken, um von strukturellen Problemen in seinem Land abzulenken.

Ein solches Grossereignis lässt Russland nach aussen sich als das Land präsentieren, wie es die Führung wünscht: modern und weltoffen. «Es wird ein wunderbares Fest», sagte Russlands Präsident bei der kürzlich erfolgten Sitzung mit den Vertretern des russischen Sicherheitsrates. Ein Fest, um vor allem seinem Volk zu zeigen: Seht her, wir sind nicht isoliert, die ganze Welt kommt zu uns, die ganze Welt achtet uns! Damit sendet er wieder einmal das Signal, dass solche «Errungenschaften» nur funktionieren, weil er an der Macht ist und Russland sich mit ihm als selbstbewusstes Land zeigen kann. Auch wenn die Beziehungen zum Westen spätestens seit der Krim-Annexion durch Russland schwer beschädigt sind.

Jede Kritik aber prallt an der Führung in Moskau ab. Sie verkauft sie gern als Verschwörung gegen Russland. Selbst der Rückzug des Vize-Premiers Witali Mutko als Vorsitzender des russischen Fussballverbandes, weil der internationale Druck auf russische Sportfunktionäre immer grösser geworden war, ist nichts weiter als Kosmetik.

Staatsdoping? Wir doch nicht!

Mutko, ein langjähriger Vertrauter Putins, nimmt sich zur WM aus der Schusslinie und sieht seinen auf sechs Monate angelegten Verzicht nicht als Schuldeingeständnis ein. Den Kritikern gilt der einstige Sportminister als staatliches Übel im russischen Sport. Ein Wille zur ehrlichen Aufarbeitung des Doping-Systems ist im offiziellen Moskau nicht vorhanden. Staatliche Orchestrierung von Doping streitet die russische Führung kategorisch ab.

Auch mit dem Abschluss der Ermittlungen zur WM-Vergabe ist in Bern dann zu rechnen, wenn von Kaliningrad bis Jekaterinburg längst der Ball rollt. Umgerechnet rund 17 Milliarden Franken soll der Neubau von Stadien – die Spiele finden in zwölf Arenen von elf Städten statt –, Flughäfen, Bahnstrecken, Hotels gekostet haben. Selbst Kritiker betrachten die WM als «Motor für die Stadtentwicklung», zumindest in den Orten der Spiele. Die Austragung der Meisterschaft im Land erfüllt die meisten Russen mit Stolz – und oft mit vollkommener Gleichgültigkeit. Als «Land der hoffnungslosen Fussballfans» wird Russland zuweilen beschrieben, der «Sbornaja», wie die Nationalmannschaft heisst, werden kaum Chancen aufs Weiterkommen zugerechnet. Fussball gilt als Rüpelsport im Land. Niemand, der klug sei, interessiere sich dafür, sagen die Russen oft.

Die Klagen über die Korruption bei der Vergabe der Spiele scheinen den meisten im Land egal zu sein. Sie halten die Vetternwirtschaft in Russland ohnehin für gegeben – und sagen: «Wenn da schon Geld hin- und hergeschoben wird, dann wollen wir etwas für unseren Alltag davon haben.» Mit der Weltmeisterschaft, so sind sie sich sicher, haben sie das.