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Putins Spione aus dem Aquarium

Der russische Militärgeheimdienst GRU wird nicht erst seit dem Fall Skripal blossgestellt. Was verbirgt sich hinter dem geheimnisumwitterten Aufklärungsdienst, der zum wichtigen Akteur russischer Auslandspolitik geworden ist?
Inna Hartwich, Moskau
Hauptquartier des russischen Militärgeheimdienstes GRU in Moskau, das auch «Aquarium» genannt wird. (Pavel Golovkin/AP, 14. Juli 2018)

Hauptquartier des russischen Militärgeheimdienstes GRU in Moskau, das auch «Aquarium» genannt wird. (Pavel Golovkin/AP, 14. Juli 2018)

Ein meterhoher Zaun aus Metallstäben umgibt das Gelände. Eine gelbliche Betonmauer erhebt sich als Sichtschutz. Kameras, Flutlichter, verspiegelte Fenster. Eine Hochsicherheitsanlage mitten in einem Moskauer Wohngebiet. In einer Ecke prangt die Adresse: Choroschowskoje Chaussee 76B. Doch kein Schild weist darauf hin, dass sich hinter der grauen Fassade das Hauptquartier des russischen Militärgeheimdienstes GRU befindet. «Aquarium» nennen die Russen den Bau, der so seltsam deplatziert wirkt zwischen den Plattenbauten und den Spielplätzen im Nordwesten der Stadt.

Die geheimnisumwitterte Behörde unter der Abkürzung GRU ist zu einem wichtigen Akteur russischer Auslandspolitik geworden. GRU-Agenten Ana­toli Tschepiga und Alexander Mischkin sollen im März dieses Jahres unter ihren Tarnnamen Ruslan Boschirow und Alexander Petrow im britischen Salisbury einen Giftgasanschlag auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia verübt haben. Offiziell gemeldet waren die beiden Männer lange Jahre unter Choroschowskoje Chaussee 76B.

GRU-Mitarbeiter werden zudem beschuldigt, sich in den amerikanischen Wahlkampf eingemischt zu haben. Sie sollen das Labor Spiez, das in der Skripal-Affäre ermittelt und den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien untersucht, genauso ausspioniert haben wie die Antidopingkonferenz in Lausanne. Der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis hatte Russland aufgefordert, die Spionagetätigkeiten einzustellen. Die schweizerische Bundesanwaltschaft will gegen zwei russische GRU-Agenten einen nationalen Haftbefehl erwirken.

Alle Brüche der letzten 100 Jahre überstanden

Den GRU (eigentlich «Hauptverwaltung für Aufklärung») aber gibt es formal gar nicht, obwohl selbst der russische Präsident Wladimir Putin stets diese drei Buchstaben benutzt, wenn es um den militärischen Aufklärungsdienst geht, dessen Aufgabe die offizielle Homepage wie folgt wiedergibt: Aufdeckung von Bedrohungen für das nationale Interesse und die militärische Sicherheit Russlands sowie deren Analyse. Nach Russlands Armeereform heisst der Nachrichtendienst seit 2010 nur noch GU («Hauptverwaltung») des Generalstabs des Verteidigungsministeriums.

Trotz seinem Namenswechsel, den niemand ernst zu nehmen scheint, hat der Auslandsaufklärungsdienst der russischen Armee alle Brüche der vergangenen 100 Jahre überstanden. Ein Jahr nach der Oktoberrevolution gegründet, behielt er auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Wesentlichen seine Funktionen. Damit unterscheidet er sich von seinem einstigen Erzrivalen, dem «zivilen» sowjetischen Geheimdienst KGB. Dieser wurde 1992 in den Inlandsgeheimdienst FSB und den Auslandsgeheimdienst SWR aufgeteilt.

Hauptaufgabe des GRU ist die Desinformation, das 1923 gegründete «Desinformbüro» besteht noch heute. Lediglich die technischen Mittel haben sich geändert. Der Umgang mit Daten aber scheint dem GRU zu schaffen zu machen. Enthüllungen von russischen Journalisten, nach denen Listen mit Namen, Passdaten und sogar Mobiltelefonnummern mutmasslich von GRU-Mitarbeitern aufgetaucht waren, legen nahe, wie schlecht der russische Staat seine Agenten schützt. Meist Männer, deren Risikobereitschaft sehr früh getestet wird.

Erfolgreich beim Einsatz in der Ukraine

Ausgebildet werden sie drei Jahre lang an der Militärakademie des Verteidigungsministeriums in Moskau, «Konservatorium» genannt. Hier, nur unweit des GRU-Hauptquartiers, soll es drei Fakultäten mit neun unterschiedlichen Richtungen geben, wo die angehenden Spione ihr Handwerk lernen: wie sie als sogenannte «Illegale» unter falschem Namen in fremden Ländern leben, wie sie als «Militärattachés» an Informationen in Botschaften gelangen, wie sie als Offiziere an Spezialoperationen teilnehmen. Rekrutiert werden sie oft an der Offiziersschule in Tscherepowez in Nordwestrussland und an der Moschajski-Militärakademie in St. Petersburg. Neue Studenten erwartet ein Härtetest, psychologischer wie physischer Natur. Vor allem für den Speznas, die Elite-Einheit des GRU, wird, so heisst es im Buch «Vorbereitung des Aufklärers: System des GRU-Speznas», ein «passiv-aggressiver Typ» gesucht. Übungen wie «Fange ein lebendes Kaninchen, zerschlage es an einem Baum, reiss ihm den Kopf ab und trinke sein Blut» gehören laut diesem Buch, geschrieben von GRU-Mitarbeitern, zum Psychotest eines angehenden Spions.

Der GRU-Speznas mischte im Afghanistan-Krieg mit, war in den beiden Tschetschenien-Kriegen aktiv, im Kaukasus-Krieg mit Georgien, er beteiligt sich aktuell an Operationen in Syrien und Libyen. Aus russischer Sicht war der GRU vor allem beim Einsatz in der Ukraine erfolgreich. Der Geheimdienst war an der Annexion der Krim genauso beteiligt wie an der Organisation der «Aufständischen» im Donbass. Er ist quasi die ausführende Hand von Russlands «Guerilla-Geopolitik», wie es der britische Geheimdienstexperte Mark Galeotti nennt. Einer Politik, die den verlorenen Einfluss wiederherstellen und gegnerische Nationen zermürben will.

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