Saudi-Arabien: Putschpläne und Gerüchte über einen todkranken König

Während sich der Gesundheitszustand von König Salman weiter verschlechtert habe, wird eine Gruppe von saudischer Prinzen verhaftet.

Michael Wrase aus Beirut
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Der saudische Koenig Salman (rechts), hier beim Empfang von Finanzminister Ueli Maurer, soll sich in einem schlechten Gesundheitszustand befinden.

Der saudische Koenig Salman (rechts), hier beim Empfang von Finanzminister Ueli Maurer, soll sich in einem schlechten Gesundheitszustand befinden.

Spa / SPA

Er nennt sich «Mutjahidd» – zu Deutsch: Der Erneuerer – und gilt als der einflussreichste saudische Whistleblower. Seine «Leaks» aus dem Umfeld der Königsfamilie, aus der auch «Mutjahidd» stammen soll, stellten sich fast immer als korrekt heraus. So war es nicht weiter erstaunlich, dass auch sein letzter «Twitter-Leak» allergrösste Beachtung fand.

«König Salman ist entweder tot oder auf dem Sterbebett», verkündete Mutjahidd am Samstagabend in dem Kurznachrichtendienst. Zwölf Stunden zuvor hatten das «Wall Street Journal» und die «New York Times» die Verhaftung einer Gruppe prominenter saudischen Prinzen gemeldet. Unter ihnen sei auch der Bruder des saudischen Monarchen, Prinz Ahmed bin Abdelasis al-Saudi sowie Prinz Mohammed bin Naif bin Abdelasis al-Saud gewesen, der im Juni 2017 von König Salman als Kronprinz abgesetzt wurde und seither unter Hausarrest steht.

Kronprinz will seine Alleinherrschaft besiegeln

Angeordnet wurden die Verhaftungen von Mohammed bin Salman. «MBS», wie er von Freund und Feind genannt wird, war nach der Entmachtung von Prinz Naif von seinem schon damals dementen Vater zum Kronprinzen ernannt worden. Seither gilt der 35-Jährige als mächtigster Mann in Saudi-Arabien. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters sollen die Prinzen «mit ausländischer Unterstützung, darunter Amerika und andere Staaten, eine Verschwörung gegen das Königshaus geplant haben». Ihnen drohten lange Haftstrafen, möglicherweise sogar die Todesstrafe.

Kenner von Saudi-Arabien betrachten den Wahrheitsgehalt der an die Auslandsmedien geleakten Begründung für die Verhaftung der Prinzen als eher gering. Sowohl Prinz Naif als auch Prinz Achmed seien zwar als erbitterte Gegner von MBS bekannt. Sie stünden wie andere prominente Dissidenten unter Hausarrest und seien daher vermutlich nicht in der Lage, eine Palastrevolution vorzubereiten, betonte Jamal al Shayyal.

Der Chefanalyst des Fernsehsenders Al Jazeera sieht die Verhaftungen im Zusammenhang mit dem schlechten Gesundheitszustand von König Salman. Bereits vor dessen sich abzeichnendem Tod, so al Shayyal, müsse MBS sicherstellen, dass es «bei der Nachfolge keinerlei Hindernisse mehr gibt».

«Mit den Verhaftungen will MBS seine Alleinherrschaft in dem Wüstenkönigreich endgültig besiegeln», glaubt auch Rami Khoury. Der saudische Kronprinz, so der an der amerikanischen Universität von Beirut lehrende Politologe, wolle sicherstellen, dass kritische Stimmen schon vor seiner Vereidigung zum König verstummen.

MBS habe schon immer «jede Bedrohung für seinen Aufstieg beseitigt und Kritiker seines Regimes ohne jedes Nachspiel ins Gefängnis gebracht oder ermordet», erklärte Becca Wasser von der amerikanischen Denkfabrik «Rand Cooperation».

Trotzdem sei der Verhaftung der Prinzen eine «neue Dimension», die weit über die im Herbst 2017 erfolgte Geiselnahme von 200 führenden Persönlichkeiten im Luxus Hotel Ritz Carlton von Riad hinausgehe, heisst es in einer Analyse des arabischen News Portals «Middle East Eye». Die der Korruption beschuldigten Saudis waren nach einer «Ausgleichszahlung» von mehr als 80 Milliarden Dollar wieder freigelassen worden.

Das Bild des Reformers gilt längst nicht mehr

Die Verhaftung der Prinzen erfolgt in einer für den saudischen Kronprinzen überaus kritischen Zeit. Das Bild von MBS als dynamischer und mutiger Reformer, der Saudi-Arabien in die Moderne katapultiert, hat in den letzten Jahren massive Risse bekommen. Nicht zuletzt die in Riad angeordnete Ermordung von Jamal Khashoggi führte zu internationaler Investitionsunlust in Saudi-Arabien, welche die Verwirklichung der ambitionierten Reformpläne von MBS stark beeinträchtigt. Für zusätzlichen Druck sorgt der massive Ölpreisverfall als Folge der Corona-Krise. So sank die Aktie der Ölgesellschaft Aramco stark.

Um die Gerüchte über den schlechten Gesundheitszustand von König Salman zu entkräften, veröffentlichte die saudische Nachrichtenagentur gestern zwei wenig aufschlussreiche Fotos des Monarchen. Das Land, so eine von der französischen Nachrichtenagentur AFP zitierte «Palastquelle», sei «unter der Kontrolle von MBS», der «zwei Prinzen wegen ihres fortgesetzten schlechten Benehmens diszipliniert» habe.