Wenn aus dem Lieblingssohn ein möglicher Vergewaltiger wird – die Position von Queen Elizabeth II wird zunehmend schwächer

Prince Andrew reitet sich mit einem unvorteilhaften Interview selber in die Misere, Prince Charles wird dafür zur treibenden Kraft im Hintergrund. So kommt die Frage auf, wie viel Macht die Queen selber überhaupt noch hat.

Kevin Capellini
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Damals hatte er noch Grund zu lachen: Prince Andrew, der Duke of York, und Queen Elizabeth II zusammen.

Damals hatte er noch Grund zu lachen: Prince Andrew, der Duke of York, und Queen Elizabeth II zusammen.

Bild: Keystone

Das Interview, das Prince Andrew, der Duke of York, der BBC gegeben hat, ist schon jetzt legendär und wird in die Geschichte eingehen. Doch nicht im positiven Sinne. Denn mit seinen unvorteilhaften und teils stümperhaft geplanten Äusserungen rückte sich der Royal so unvorteilhaft ins Rampenlicht, dass er plötzlich der Mittelpunkt des Skandals war.

Weit verheerender war, dass weder der königliche Haushalt noch die Queen selber über das Vorgehen und das Interview des Prinzen in der BBC-Sendung Newsnight informiert waren. Die schlechte Vorbereitung und die Aussagen Andrews schlugen ein wie eine Bombe.

Und die einzig logische Konsequenz war, dass er sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen musste – auf unbestimmte Zeit. Auf eigenen Wunsch, wie er mitteilen liess. Doch das stimmte nicht. Es war der Buckingham Palace, der Andrew dazu zwang, seine Ämter niederzulegen, wie britische Medien kurz darauf aufzeigten.

Die Rücktrittserklärung des Duke of York – in Original und ungekürzt

It has become clear to me over the last few days that the circumstances relating to my former association with Jeffrey Epstein has become a major disruption to my family’s work and the valuable work going on in the many organisations and charities that I am proud to support.

Therefore, I have asked Her Majesty if I may step back from public duties for the foreseeable future, and she has given her permission.

I continue to unequivocally regret my ill-judged association with Jeffrey Epstein. His suicide has left many unanswered questions, particularly for his victims, and I deeply sympathise with everyone who has been affected and wants some form of closure. I can only hope that, in time, they will be able to rebuild their lives. Of course, I am willing to help any appropriate law enforcement agency with their investigations, if required. (20.11.19)

Doch was versteht man unter dem Buckingham Palace? Früher war es klar, dass solche Dinge die Queen und nur die Queen entscheidet. Doch heute wird ihre Position zunehmend als schwächer betrachtet. Die königliche Familie scheine schwach und führungslos, titelte etwa der Guardian in der letzten Woche. Die Mitglieder der «Firma», wie die Familie Windsor gerne genannt wird, würden tun, was sie wollten, nicht jedoch was die Queen wolle und was somit gut für das Königreich sei.

Die Spekulationen und Gerüchte, die Hinterfragungen und die Enttäuschung über die königliche Handhabe der Situation reichen soweit, dass darüber spekuliert wird, dass die Königin mit 95 Jahren, also in rund 18 Monaten in den Ruhestand treten und die Geschäfte an Prince Charles übergeben werde. Und diese Spekulationen mehrten sich während der vergangenen Tage zunehmend. 

Der Brexit, ein Familienstreit und der Skandal um Andrew

Denn der Skandal und die – bisher noch nicht bewiesenen – Anschuldigungen um Andrew sind nicht das einzige Problemfeld, auf dem die königliche Familie momentan immer wieder auf mediale Mienenfelder zu treffen scheint, die in einer negativen Berichterstattungswelle hochgehen.

So machte auch der Brexit und der britische Premierminister Boris Johnson der Queen abermals zu schaffen, als dieser die Königin mutmasslich absichtlich über seine genauen Motive und Brexit-Pläne im Dunkeln liess und die Queen einwilligte, das Parlament für mehr als fünf Wochen in einen Zwangsurlaub zu schicken.

Kaum unterzeichnete sie diesen Entscheid, kam die Frage nach ihrer Rolle im Staat auf. Denn – so ironisch das klingen mag – der Monarch wird in Grossbritannien gerne in der Position gesehen, in welcher er eine rechtsstaatliche Demokratie ermöglicht und auch kontrolliert. Doch dieses Mal habe sie vollständig versagt, lautete die gängige Meinung. Und auf Twitter machte die Forderung «abolish the Monarchy» die Runde: schafft die Monarchie ab!

Die Queen, seit über 65 Jahren das Oberhaupt des britischen Staates. Doch steht die Frage im Raum, wie lange sie dies noch sein wird.

Die Queen, seit über 65 Jahren das Oberhaupt des britischen Staates. Doch steht die Frage im Raum, wie lange sie dies noch sein wird.

Bild: Keystone

In diesem Zusammenhang wurde die Königin als führungsschwach und als wenig entscheidungsfreudig tituliert. Krisen wie diese würden nach einer harten Hand verlangen, die eisern führe. Doch die Queen, so lautete das Urteil vor allem von Boulevard-Zeitungen, sei mit ihren 93 Jahren dafür mittlerweile zu alt und zu wenig engagiert.

Immer mehr rückte dadurch Prince Charles in den Mittelpunkt, der seit jeher als politisch aktiv gilt, sich für Klimaschutz- und Umweltbelange einsetzt, und dafür bekannt ist, britischen Ministern und Staatssekretären Empfehlungen und Korrekturvorschläge per Brief zukommen zu lassen. Britische Medien stellten immer öfters die Frage, ob denn nun die Zeit von Charles gekommen sei und er die Queen, seine Mutter, ablösen werde.

Ein Rücktritt der Queen? «Niemals», sagte sie einst selber

Wie jedes Amt kann auch das der Queen abgegeben werden. Theoretisch hätte sie die Möglichkeit, abzudanken und die Krone an Charles zu übergeben. Während dies bei anderen Monarchien ohne allzu grosses Aufsehen möglich ist, ist eine Abdankung eines amtierenden Monarchen in Grossbritannien jedoch höchst selten.

Als König Edward VIII im Jahre 1936 abdankte, ging ein regelrechter Schock durch die Nation. Seitdem ist es nie mehr vorgekommen. Und die Queen selber, damals mit 21 Jahren noch eine junge Prinzessin, verkündete 1947 in TV-Ansprache, dass sie niemals abdanken und ihr Laben lang die Krone tragen werde. 

Dass die Queen also abdanken wird, gilt als höchst unwahrscheinlich. Viel grösser jedoch ist die Möglichkeit, dass die Monarchin zwar weiterhin Königin bleiben werde, das Amt des Staatsoberhauptes jedoch an Charles abgeben werde, der dann zum sogenannten Prinzregenten würde. Also ein Prinz, der die Führung der Familie und die royalen Pflichten anstelle des eigentlichen Staatsoberhauptes übernimmt.

Denn während Charles früher einen schlechten Ruf in der britischen Gesellschaft genoss und als schlechter und unsicherer Nachfolger der Queen galt, besserten sich seine Beliebtheitswerte während der vergangenen Jahre drastisch. Sosehr, dass ihn viele mittlerweile als geeigneten und gut aufgestellten Nachfolger der Königin handeln, der Politik und, viel wichtiger, die königliche Familie in der richtigen Dosis managen und zusammenhalten kann.

Drei Generationen vereint auf einem Bild: Queen Elizabeth II zusammen mit ihrem Sohn Prince Charles, dem Prinzen von Wales und Prince William, dem Herzog von Cambridge.

Drei Generationen vereint auf einem Bild: Queen Elizabeth II zusammen mit ihrem Sohn Prince Charles, dem Prinzen von Wales und Prince William, dem Herzog von Cambridge.

Bild: Keystone

Trotz all dem Trubel, der medial um die Sache mit Andrew, dem Brexit oder anderen Belangen aufgebauscht wird, so ist es nicht die erste Krise, welche die Queen durchstehen muss und womöglich auch überstehen wird. Denn immer wieder gab es Rücktrittsforderungen oder Bewegungen zur Abschaffung der Monarchie während der letzten Jahrzehnte.

Meist nicht wegen ihr selber, sondern wegen der Eskapaden und Entgleisungen ihrer Familienmitgliedern. Und auch wenn es dieses Mal wieder Menschen gibt, die dazu aufrufen, dass die Queen die Krone abgeben solle und «abolish the Monarchy» schreien, so gibt es gleichzeitig mindestens genau so viele Menschen, welche «God save the Queen» rufen und die Monarchie beibehalten wollen.

Denn für viele gilt Queen Elizabeth II nicht ohne Grund als «die ewige Königin». Also abwarten und Tee trinken.

Immer wieder wird Prince Andrew momentan in den Medien der Vergewaltigung beschuldigt. Zum aktuellen Zeitpunkt jedoch gilt erstens die Unschuldsvermutung und zweitens hat keine Strafverfolgungsbehörde Anklage erhoben oder eine Untersuchung eingeleitet. Auch werde dem Royal kein Fehlverhalten vorgeworfen, teilten britische Behörden mit.

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