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Radikaler Islam gewinnt an Boden

Religion Er kam, um im Namen Allahs gegen «die Ungläubigen» zu kämpfen: Ein 23-Jähriger stürmte am vergangenen Sonntag eine Kirche im indonesischen Jogjakarta und hieb mit einem Schwert auf Priester und Gemeinde ein, bevor er von der Polizei überwältigt wurde. Der Geistliche und drei Gläubige wurden schwer verletzt. Der Täter war von der Terrortruppe «Islamischer Staat» inspiriert worden. Der Angriff auf die Kirche ist die jüngste in einer Serie Gewalttaten, die muslimische Extremisten in Indonesien an Andersgläubigen verübt haben: Da war der Brandanschlag auf eine Kirche im Osten des Landes, bei dem 2016 ein zweijähriges Mädchen umkam. Oder die Nacht vor zwei Jahren, in der ein Mob in der Stadt Medan drei buddhistische Tempel verwüstete.

Der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte, Zeid Ra’ad al-Hussein, warnte nach dem jüngsten Anschlag, dass «extremistische Ansichten» in Indo­nesien inzwischen weit verbreitet seien. Das Niveau von Gewalt, Hass und Diskriminierung sei «sehr besorgniserregend». Tatsächlich finden Hass­prediger reichlich Publikum in Indonesien: Mit 225 Millionen Muslimen ist das Archipel das bevölkerungsreichste islamische Land der Welt. Die schiere Zahl ihrer Anhänger gibt den Radikalen Macht. Angesichts mehrerer wichtiger Wahlen in diesem Jahr traut sich keine Partei, es sich mit den Frommen zu verderben. Man lässt sie gewähren oder hofiert sie gar.

Wachsender Einfluss aus Saudi-Arabien

Lange Zeit war man in Indonesien stolz darauf, als Vorzeigeland für einen gemässigten Islam zu gelten. Die Nahdlatul Ulama (NU), mit 50 Millionen Mitgliedern die grösste islamische Organisation weltweit, gab jahrzehntelang den Ton an und predigte Toleranz. Dass die NU nun ins Hintertreffen geraten ist, führen Experten auf den wachsenden Einfluss der Saudis zurück. Riad verbreitet seine orthodoxe Auslegung des Islam, den Wahhabismus, indem es für viel Geld weltweit Schulen und Universität stiftet. Allein auf der Insel Java gibt es heute über 14 000 islamische Internate.

So ist Indonesien in den vergangenen Jahren immer konservativer geworden. Viel mehr Frauen als noch vor zehn Jahren tragen Kopftücher. Die Mehrehe, in Indonesien traditionell nicht üblich, ist auf dem Vormarsch. Kürzlich machte eine Tinder-ähnliche App Schlagzeilen, mit der Muslime Zweit- und Drittfrauen suchen können. Die halbautonome Provinz Banda Aceh auf Sumatra führte bereits 2009 die islamische Gesetzgebung Scharia ein. Seitdem steht auf Ehebruch Steinigung, gleichgeschlechtlicher Sex wird mit Stockhieben bestraft. Eine Sittenpolizei wacht darüber, dass niemand Alkohol konsumiert. Die harschen Massnahmen sind populär: Eine aktuelle Umfrage ergab, dass über 30 Prozent der ­Indonesier sich die landesweite Ein­führung der Scharia wünschen.

Seit einigen Jahren wird auch Blasphemie scharf geahndet. 2017 wurde dem unter seinem Spitznamen Ahok bekannten Gouverneur von Jakarta der Prozess gemacht. Der chinesischstämmige Christ sollte angeblich den Koran ver­unglimpft haben. Das Verfahren wurde zum Spektakel, aufgebrachte Gläubige demonstrierten monatelang. Letztlich kostete der dubiose Prozess Ahok seinen Posten und seine Freiheit: Der 51-Jährige sitzt derzeit eine zweijährige Freiheitsstrafe wegen Gotteslästerung ab.

Ulrike Putz, Jakarta

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