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Raketentests in Nordkorea: Noch kein Grund zur Panik

Pierre Simonitsch zur Gefahr eines Krieges mit Nordkorea.
Pierre Simonitsch, Genf
Pierre Simonitsch (Bild: PD)

Pierre Simonitsch (Bild: PD)

Mit schöner Regelmässigkeit fordert der nordkoreanische Alleinherrscher Kim Jong Un den Rest der Welt heraus. Gestern feuerten die Nordkoreaner eine Kurzstreckenrakete des Typs Scud ab. Der ballistische Flugkörper fiel nach 450 Kilometern ins Meer.

Japan protestiert, die Medien gebären Schlagzeilen.Warum die Aufregung? Die im Nato-Code Scud genannte Rakete ist ursprünglich eine sowjetische Entwicklung aus den Siebzigerjahren. Moskau lieferte die auf Fahrzeuge montierten Raketen an zahlreiche Länder, darunter an den Irak und an die damals mit der Sowjetunion verbündete Regierung Afghanistans. Saddam Hussein setzte im ersten Golfkrieg Scud-Raketen gegen Israel ein, ohne dabei nennenswerte Schäden anzurichten. Zu den Empfängern gehörte aber auch Nordkorea. Die Nordkoreaner motzten die Scuds auf und verkauften eine Anzahl der gedopten Raketen an den Iran. Den Iranern diente die simple Technologie später als Grundlage für Eigenentwicklungen.

Nordkorea hat in den letzten Monaten aber auch Mittel- und Langstreckenraketen getestet. Kim Jong Un brüstet sich mit seiner angeblichen Fähigkeit, die USA in Schutt und Asche zu legen. Obwohl dieses Getöse wohl in erster Linie die eigene Bevölkerung von der Grossartigkeit des Regimes überzeugen soll, ist ein Kriegsrisiko nicht auszuschliessen. Der Direktor des Militärgeheimdienstes der USA, General Vincent Stewart, erklärte vergangene Woche vor dem Senat: «Wenn wir nichts dagegen tun, wird es Nordkorea unweigerlich gelingen, eine Rakete zu bauen, die Atomwaffen bis auf den Boden der USA tragen kann.»

Der renommierte US-Raketenexperte John Schilling schätzt,dass Nordkorea bis 2025 eine mit solidem Treibstoff gefüllte Rakete entwickeln wird, deren Reichweite die USA einschliesst. Grund zur Sorge lieferte ein Raketentest, den Nordkorea am 14. Mai durch­geführt hatte. Die Rakete stieg über 2000 Kilometer hoch und stürzte dann weniger als 800 Kilometer entfernt ins Meer. Die ungewöhnlich steile Bahn wurde offenbar gewählt, um den Radius des Versuchs zu begrenzen. Ballistische Raketen funktionieren im Grund wie eine Kanonenkugel: Sie fliegen einen Bogen, der von der Abschussenergie und der Erd­anziehung bestimmt wird.

Was den Test vom 14. Mai von früheren unterscheidet, ist die erstmalige Verwendung von solidem Treibstoff anstelle von flüssigem. Raketen vor ihrem Start mit flüssigem Treibstoff zu füllen, ist eine langwierige und brandgefährliche Operation. Eine mit solidem Treibstoff gefüllte Rakete hingegen ist jederzeit einsatzbereit. Der Flugtest vom 14. Mai stellt daher nach Ansicht von Schilling «eine bisher noch nie erreichte Leistung der nordkoreanischen Raketenbauer dar». Mittlerweile kennt man auch deren Namen. Laut westlichen Geheimdiensten handelt es sich um Ri Pyon Chol, Kim Jong Sik und Jang Chang Ha. Dieses Trio ist auf offiziellen Fotos mit dem Diktator Kim Jong Un abgebildet – aber nicht in unterwürfiger Geste und die Worte des grossen Führers notierend, sondern herzlich lachend. Alle drei tragen Generalsuniformen, kommen jedoch eigentlich aus der Wissenschaft.

Wenn die Nordkoreaner in der Raketentechnik dank ihrer langen Erfahrung Fortschritte ausweisen, sieht es für sie beim Bau von nuklearen Gefechtsköpfen weniger rosig aus. Nordkorea hat bisher fünf unterirdische Atomwaffenversuche unternommen. Dazu gehört nach den Angaben der Führung in Pjöngjang der Test einer thermonuklearen Atombombe. Klassische Atombomben lösen eine Kernspaltung von Uran- oder Plutoniumisotopen aus. Die 100-mal stärkeren thermonuklearen Waffen beruhen auf der Kernschmelzung von schweren Wasserstoffisotopen wie Deuterium.

Nach den Messungen der westlichen Beobachtungs­stationen waren bisher alle nordkoreanischen Atomwaffenversuche Flops. Der angebliche Wasserstoffsprengsatz erreichte etwa die Sprengwirkung der Hiroshima-Bombe. David Albright, ein früherer Waffen­inspektor der UNO im Irak und Leiter des Institute for Science and International Security in Washington, vermutet, dass die Nordkoreaner einen gewöhnlichen Atomsprengkörper mit thermonuklearen Elementen zu dopen versuchten. Nach den derzeitigen Erkenntnissen scheint es zweifelhaft, dass die Nordkoreaner in absehbarer Zukunft nukleare Gefechtsköpfe herstellen können, die auf ballistische Raketen passen. Die äusserst komplexe Zündung einer Atombombe über dem Ziel nach dem Wiedereintritt des Flugkörpers in die Atmosphäre übersteigt wohl ebenfalls ihre technischen Fähigkeiten. Das sind die Gründe, warum die betroffenen Staaten trotz aller Kriegsrhetorik nicht in Panik geraten.

Pierre Simonitsch, Genf

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