RAZZIA
Kokain-Drehscheibe Europas: In Belgien arbeiten Ndrangheta und Albaner-Mafia Hand in Hand

Der Hafen in Antwerpen dient als Brückenkopf für den Kokain-Import aus Südamerika. Aus Brüssel heraus wird die Droge auf ganz Europa verteilt. Jetzt haben 1100 belgische Polizisten der internationalen Mafia mit einer Gross-Razzia einen Schlag versetzt.

Remo Hess, Brüssel
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Drogen-Kontrolle eines Schiffscontainer im Hafen von Antwerpen (Archiv).

Drogen-Kontrolle eines Schiffscontainer im Hafen von Antwerpen (Archiv).

Keystone

Dienstag, vier Uhr morgens in der EU-Hauptstadt Brüssel. Während die meisten Bewohnerinnen und Bewohner noch schlafen, fahren in verschiedenen Quartieren der 1,2 Millionen-Metropole und ihrer Agglomeration 1100 schwerbewaffnete Spezialeinheiten und Polizeikräfte auf. In einer strenggeheimen und lange geplanten Aktion werden rund 120 Hausdurchsuchungen durchgeführt.

Das Ziel: Die Zerschlagung eines internationalen Drogenrings, der hunderte Tonnen von Kokain aus Südamerika von Belgien aus nach ganz Europa verteilt.

Allianz zwischen Albaner-Mafia, Ndrangheta und südamerikanischem Kartellen

«Es gibt keinen Zweifel: Die internationale Kriminalität hat sich bei uns sehr tief eingenistet», sagt Eric Snoeck, Generaldirektor der föderalen Kriminalpolizei bei einer Pressekonferenz. Konkret geht es um die albanische Mafia, die in einer Allianz mit der süditalienischen Ndrangheta den europäischen Kokainhandel von Belgien aus steuern soll, wie der TV-Sender «RTBF» berichtet.

64 Personen wurden bei der Mega-Razzia in Brüssel festgenommen und sechs Drogenlabore ausgehoben, wo Kokain weiterverarbeitet und für den Grosshandel vorbereitet wurde. Die Behörden gehen davon aus, dass mindestens eine Tonne Kokain pro Woche die Brüsseler-Labore verliess. Über Kuriere wurde der Stoff in etliche europäische Länder gebracht, zum Beispiel nach Italien, Deutschland, Schweden, England, Frankreich, die Niederlande oder Portugal. Neben dutzenden von Schusswaffen und Produktionsutensilien wurde auch über eine Million Euro in Cash, eine grössere Menge an Goldbarren, über 50 Luxusautos, Luxusuhren, Drohnen und Störsender beschlagnahmt.

Häfen in Antwerpen und Rotterdam als Einfallstore

Die Razzia ist bloss die letzte in einer ganzen Reihe der vergangenen Monate. Im vergangenen März zum Beispiel fand die bis dahin grösste koordinierte Aktion gegen die Drogenmafia in Belgien statt, bei der 14 Tonnen Kokain abgefangen und dutzende Personen verhaftet wurde. Erst vergangene Woche konnten in der Region Lüttich rund zwei Tonnen Kokain im Wert von 80 Millionen Euro sichergestellt und 22 Personen verhaftet werden. Insgesamt wurden in Belgien im laufenden Jahr über 77 Tonnen Kokain konfisziert- ein absoluter Rekord, aber trotzdem nur ein kleiner Bruchteil der importierten Gesamtmenge, wie die Behörden schätzen.

Abertausende Container kommen täglich in Antwerpen an. Die Drogenmafia hat längst ihre Leute in das Hafenpersonal eingeschleust.

Abertausende Container kommen täglich in Antwerpen an. Die Drogenmafia hat längst ihre Leute in das Hafenpersonal eingeschleust.

Keystone

Das Bild wird immer klarer: Der Hochseehafen im flämischen Antwerpen, der zweitgrösste in Europa, dient mit jenem im niederländischen Rotterdam als Brückenkopf für die Kokainbanden aus Südamerika und ihren europäischen Verbündeten. Von hier aus und über Städte wie Brüssel wird das Kokain nach ganz Europa weiterverteilt. Andere grosse Anlandestationen sind der nordfranzösische Le Havre oder auch Hamburg.

Der Antwerpener Bürgermeister Bart De Wever hat längst Alarm geschlagen. Die Drogenbanden hätten die gesamte Gesellschaft infiltriert. Nach zahlreichen Verhaftungen in Polizei, Justiz und den Hafenbehörden vom Antwerpen bilanziert er: «Du kannst wirklich niemanden mehr trauen, es ist einfach viel zu viel Geld im Spiel», so der Politiker der rechtspopulistischen N-VA gegenüber «ARD». Tatsächlich werden mit dem Kokainschmuggel nach Schätzungen Milliarden im hohen zweistelligen Bereich umgesetzt.

In einer niederländischen Lagerhalle wurden mehrere Schiffscontainer gefunden, die zu einer schalldichten Folterkammer umgebaut wurden.

In einer niederländischen Lagerhalle wurden mehrere Schiffscontainer gefunden, die zu einer schalldichten Folterkammer umgebaut wurden.

Whatsapp für Gangster zeigt: Alles noch viel Schlimmer, als gedacht

Ans Tageslicht kommt das ganze Ausmass der grassierenden Drogenkriminalität und der damit verbundenen Korruption dank zwei Enthüllungen: Im vergangenen Juli haben niederländische und französische Ermittler das verschlüsselte Kommunikationsnetzwerk «EncroChat» geknackt und zig Millionen an Nachrichten abgefangen. Es ist eine Art «WhatsApp» für Gangster und wurde von diesen auch als solches benutzt.

In ungekannter Offenheit tauschten die Verbrecher Nachrichten über Drogengeschäfte, aber auch Attentatspläne aus. Im Frühjahr dieses Jahres folgte in einer internationalen Aktion unter Beteiligung der europäischen Polizeibehörde Europol die Offenlegung von «SkyECC», einem ähnlichen Messenger-Dienst, auf den die Mafiosi nach dem Auffliegen von «EncroChat »ausgewichen sind. Wieder wurden Millionen von Nachrichten sichergestellt. Ermittler sprechen von einer Goldgrube: «Es ist, wie wenn wir mit den Kriminellen am Tisch sässen», sagte die niederländische Polizeichefin Janine van den Berg 2020.

Mitten in Amsterdam erschossen: Der niederländische Kriminalreporter Peter de Vries.

Mitten in Amsterdam erschossen: Der niederländische Kriminalreporter Peter de Vries.

Keystone

Die Nachrichten geben auch Einblick in eine Welt, die durch ihre Brutalität schockiert: Nach den «EncroChat»-Enthüllungen konnte die niederländische Polizei in der Provinz Brabant zum Beispiel eine regelrechte Folterkammer ausfindig machen. Entführungs- und Mordpläne standen kurz vor der Ausführung.

Ohnehin scheint in den Niederlanden der Drogenkrieg zunehmend ausser Kontrolle geraten zu sein: Regelmässig kommt es zu Anschlägen und Abrechnungen, bei denen neben Kalaschnikows auch Handgranaten und Panzerfäuste verwendet werden. Im Juli wurde der bekannte niederländische Kriminalreporter Peter de Vries in Amsterdam auf offener Strasse hingerichtet. Mutmasslich in den Anschlag verwickelt dürfte der mächtige Kokainbaron Ridouan Taghi sein, dem wegen seiner Drogengeschäfte und vorgeworfener Morde als Kopf der marokkanisch stämmigen «Mocro-Mafia» gerade der Prozess gemacht wird. Im Umfeld der «Mocro-Mafia» sollen zuletzt sogar ein Anschlag oder Entführung gegen den niederländischen Premier Mark Rutte geplant worden sein.

Die Mafia ist vernetzt - es handelt sich um ein europäisches Problem

Nach der jetzigen Gross-Razzia in Brüssel kommen die belgischen Behörden zum Schluss, dass ein koordiniertes europäisches Vorgehen so dringlich ist, wie noch nie: «Die aufgedeckten Tatsachen sind so gefährlich für unsere Gesellschaft, dass es wichtig ist, zu handeln», so der belgische Bundesstaatsanwalt Frédéric Van Leeuw. Und: «Da Belgien eine zentrale Rolle bei der Einfuhr und dem Vertrieb von Kokain aus ganz Europa zu spielen scheint, haben wir eine grosse Verantwortung gegenüber internationalen Partnern», so Van Leeuw.

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