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REBELLIN: «Lady Di»: Immer noch geliebt

Morgen jährt sich der Todestag von Diana zum 20. Mal. Ihre Söhne, die Prinzen William und Harry, versuchen das Vermächtnis ihrer tragisch verunglückten Mutter weiterzutragen. Dianas Tod löste 1997 weltweite Bestürzung aus.
Sebastian Borger, London
Die unreflektierte Anbetung von Lady Diana ist einer realistischeren Bewertung gewichen. (Bild: Mark Lennihan/AP (11. Dezember 1995))

Die unreflektierte Anbetung von Lady Diana ist einer realistischeren Bewertung gewichen. (Bild: Mark Lennihan/AP (11. Dezember 1995))

Sebastian Borger, London

Er wirkt gelassen und entspannt, spricht mit ruhiger Stimme. Die obersten beiden Knöpfe seines blauen Hemdes stehen offen, als wolle Prinz Harry verdeutlichen, er spreche hier ganz ungeschützt in die BBC-Kamera. Die Botschaft aber klingt hart und unversöhnlich. Auch 20 Jahre danach habe er Schwierigkeiten, sagt der 32-Jährige, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Paparazzi im Alma-Tunnel von Paris Fotos machten, anstatt seiner sterbenden Mutter zu helfen. «Das waren die gleichen Leute, die den Unfall verursacht hatten.»

In derselben Dokumentation nimmt auch Harrys Bruder William Stellung zu dem Autounfall, bei dem 1997 Prinzessin Diana, ihr damaliger Begleiter Dodi Fayed und dessen Fahrer Henri Paul ums Leben kamen. «Wir konnten sie damals nicht beschützen», sagt der Zweite der britischen Thronfolge. «Jetzt ist es unsere Pflicht, für sie einzustehen und jedermann an sie zu erinnern.»

Verehrungshymnen und Verschwörungstheorien

In den Wochen vor dem 20. Jahrestag der schrecklichen Ereignisse haben die britischen Medien kaum einen Tag ohne eine Story über die schöne, tragische Lady Di vergehen lassen. Fast alles war ein Aufguss längst bekannter Bilder und Beschreibungen, Verehrungshymnen und Verschwörungstheorien. Umso genauer wurde jede neue Stellungnahme von Dianas Söhnen begutachtet und analysiert. Die Prinzen, in denen sie weiterlebt, beschäftigen bis heute rund um den Globus noch immer viele Menschen in ganz unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen.

Die meisten können sich noch erinnern an die Ereignisse vom 31. August 1997 und den Tagen danach. Die weltweite Bestürzung, die Pilgerfahrt von Millionen Briten zur Trauerfeier in London, die Milliarden Zuschauer an den TV-Schirmen. «Geburt einer Göttin», lautete die Überschrift einer deutschen Wochenzeitung, und tatsächlich entstand um die Tote so etwas wie ein religiöser Kult, mit dem damals frisch gewählten Labour-Premierminister Tony Blair als Hohepriester.

Eine emanzipierte, moderne Frau – verfolgt von Paparazzi

Die uneingeschränkte Anbetung ist längst einer realistischeren Bewertung gewichen. Diana war nicht einmal eine Halbgöttin, sondern ein widersprüchlicher, häufig einsamer, starken emotionalen Schwankungen unterworfener Mensch mit vielen Schwächen und einer grossen Stärke: ihre Mitmenschen, besonders die Schwachen, Unterdrückten und Kranken, zu ermutigen und für sich einzunehmen. Die Medien machten sie zur globalen Celebrity, und Diana spielte mit: eine moderne, emanzipierte Frau im Vollbesitz des gängigen Psycho-Jargons, verfolgt von Paparazzi und gleichzeitig die Aufmerksamkeit der Medien geniessend. Der Tod der Prinzessin war auf schmerzhafte Weise banal: unangeschnallt im Auto mit einem betrunkenen Raser am Steuer. Umso mehr wurden damals Schuldige gesucht. Erst mussten die Paparazzi herhalten und die Zeitungen, die ihre Bilder gedruckt hatten; dann richtete sich der Zorn der trauernden Massen gegen das Königshaus.

Die BBC hat neben der Dokumentation zum Jahrestag auch eine dramatische Aufarbeitung jener heissen Septembertage 1997 in Auftrag gegeben. Der Film «Diana und ich» beschreibt fiktiv die Auswirkungen des Unfalltodes auf vier ganz normale Briten. Damals seien «viele in emotionale Zonen katapultiert worden, die wir selten besuchen», glaubt Drehbuchautor Jeremy Brock. Den Trauerzug vom St.-James’s-Palast zur Westminster Abbey säumten biedere Vorstadtfamilien Seite an Seite mit Schwulen aus der Londoner Lederszene.

«Ich musste hinter ihrem Sarg herlaufen, Millionen sahen zu»

An der Seite seines Vaters und Grossvaters, begleitet von Onkel Charles Spencer und seinem Bruder William ging damals auch der knapp 13-jährige Harry hinter dem Sarg der Mutter her, auf dem ein einziges Blumenbouquet mit dem Wort «Mummy» (Mutti) lag. Die Szenen des langen Fussmarsches hat sich der Prinz im Magazin «Newsweek» ins Gedächtnis gerufen. «Ich musste einen langen Weg hinter ihrem Sarg herlaufen, während mir Millionen dabei zusahen.» Ein vermeidbares Trauma, urteilte der Erwachsene: «Kein Kind sollte jemals so etwas tun müssen. Heutzutage würde es wohl nicht passieren.»

Dass dies eine massive Kritik an seinem Vater darstellte, wurde dem früheren Soldaten, der neuerdings schwerpunktmässig für den offenen Umgang mit psychischen Störungen wirbt, wohl erst später bewusst. In der BBC-Doku jedenfalls rudert Harry zurück: Er habe keine Meinung dazu, «ob das richtig oder falsch war». Hat also die Institution den Prinzen in die Pflicht genommen, so wie es seine rebellische Mutter befürchtet hatte? Sein Bruder William räumt immerhin ein, der Gang hinter dem Sarg gehöre «zu den schwersten Situationen, die ich jemals zu bestehen hatte».

Die Wortmeldungen der Prinzen erfolgten kaum zufällig, weisen eher die Handschrift erfahrener PR-Berater des Königshauses auf. Natürlich kam eine Wiederbelebung des Hype um die einstige «Königin der Herzen» den Windsors ungelegen. Anders als in den heissen Septembertagen 1997, als die Institution einen kurzen Moment lang auf der Kippe zu stehen schien, gab es diesmal eine Entschlossenheit, das Gedenken mit eigenen Beiträgen zu steuern.

Das begann im Februar mit der Eröffnung einer neuen Dauerausstellung jener Kleider, mit denen Diana ihre Zeitgenossen bezauberte. Sie stellt den Beweis dar, dass man selbst in der Zentrale jener «Firma», gegen deren altmodische Sitten und Gebräuche die junge Prinzessin einst aufbegehrte, die Rebellin mittlerweile für harmlos hält. Oder jedenfalls für reif, sie posthum ins Narrativ der Monarchie aufzunehmen.

Emotional repräsentieren sie die Wandlung des Landes

Es gibt also den abgewetzten Schreibtisch zu bestaunen, an dem die Prinzessin ihre handgeschriebenen Dankbriefe zu verfassen pflegte. Daneben liegt ein Koffer mit Musikkassetten, die Dianas Lieblingsmusik repräsentieren: Diana Ross, Lionel Richie, berühmte Verdi-Arien. Musikkassetten? Die veraltete Technik verdeutlicht schlagartig, dass Diana ein Phänomen des ausgehenden 20. Jahrhunderts darstellt. Umso wichtiger für ihr Andenken ist die Präsenz der jungen Männer, in deren Gesichtszüge und charmantem Wesen sich die Mutter spiegelt. Die jüngere Generation setzt einen klar anderen Akzent als die durch stoische Pflichterfüllung bekannte Monarchin Elizabeth (91) und der häufig ein wenig wehleidig wirkende Thronfolger Charles (68). Scheinbar locker, emotional, verletzlich wollen sie die Wandlung des Landes repräsentieren, von der sprichwörtlichen «steifen Oberlippe» der Weltkriegsgeneration zur freimütigen Selbstbespiegelung der Millenials.

Seine karitativen Anstrengungen für psychisch Kranke gehe auf die verdrängte Trauer um seine Mutter zurück, sagte Harry. «Ich war mehrmals nahe am totalen Zusammenbruch.» Gespräche mit Psychologen hätten ihn gerettet, sagt der Prinz, der andere Menschen mit Traumata zu grösserer Offenheit ermutigen will: Dem TV-Sender ITV teilte Harry mit, Diana sei «die beste Mutter der Welt» gewesen. Sein älterer Bruder berichtete, er habe während seiner Hochzeit mit Kate Middleton 2011 die Präsenz der Toten gespürt und als wohltuend empfunden. «Wir fühlen uns immer noch geliebt, Harry und ich.»

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