Revolution
Rebellin Nora Astorga: Sie versprach Liebe – es wurde Mord

Vor 30 Jahren starb die junge Frau als Wrack. Eine einzige Nacht hatte sie von innen her aufgefressen. Trotz zweier glänzender Karrieren. Die Geschichte von Nora Astorga – einer 68erin aus der Dritten Welt.

Max Dohner, aus Managua
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Nora Astorga, Medizinstudentin in den USA, Jurastudentin in Italien, Rebellin in der Heimat Nicaragua.

Nora Astorga, Medizinstudentin in den USA, Jurastudentin in Italien, Rebellin in der Heimat Nicaragua.

HO

Jeder hat schon einmal seltsame Leute am Nebentisch essen sehen. Aber diese Frau war die neurotischste Person, der ich jemals in einem Restaurant begegnet bin. Auf dem Teller hatte sie eine Languste al Thermidor. Mit der linken Hand gabelte sie darin, in der rechten hielt sie eine Zigarette, teurer US-Import.

Jeden Bissen hätte sie sich neben der im Winkel klebenden Zigarette in den Mund geschoben, wäre das gegangen. Das Essen verschlang sie achtlos, an der Zigarette sog sie gierig. Und zündete mit der Kippe die nächste an. Die Fingerkuppen wirkten im Licht grün vom Teer. Öffnete sie den Mund, entströmte ihm jedes Mal ein Dunst von Nikotin, Meergetier und Käsesauce.

Die Frau war nicht allein. Wie viele Typen mit am Tisch sassen, weiss ich nicht mehr; ich glaube drei. Alle in olivgrüner Uniform, auch sie: Nora Astorga. Es war im April 1984. Gerade war bekannt geworden, dass Nora als UNO-Botschafterin für Nicaragua nach New York gehen sollte, nach zähem Widerstand der Amerikaner. Vier Jahre später starb sie an Krebs, den Zigaretten – nicht mal vierzig Jahre alt.

«Die Mata Hari der Revolution»

Nora Astorga war berühmt; im schicken Restaurant erkannte sie jeder auf Anhieb. Die «Times» schrieb damals, Nora «könnte perfekt die Mata Hari der sandinistischen Revolution geben». Nora war die stellvertretende Justizministerin des Landes, zuständig für die Gerichtsprozesse gegen 7500 «Guardias», Ex-Mitglieder der berüchtigten Nationalgarde von Diktator Somoza. An diesem Revolutionstribunal mit Samthandschuhen angefasst zu werden, darauf durfte keiner zählen.

Berühmt war Nora Astorga aber nicht deswegen, sondern wegen einer einzigen Nacht. Vor 40 Jahren, am 8. März 1978, «spielte sie das Spiel von Verführung und Verrat mit tödlicher Leichtigkeit»: So drückte es die «Times» aus. Nora war zu jenem Zeitpunkt eine erfolgreiche Juristin in der grössten Baufirma des Landes Sovipe. Daran massgeblich beteiligt war Diktator Somoza, der sich vor allem nach dem verheerenden Erdbeben 1973 schamlos daran bereicherte. Nora war nach kurzer Ehe wieder Single, gebildet, «aus gutem Haus», jung, liberal, attraktiv.

Es gibt Dinge, die sich mit Ideologie nicht rechtfertigen lassen. Bild aus Managua (Nicaragua), vom ersten Jahrestag der Revolution 1980.

Es gibt Dinge, die sich mit Ideologie nicht rechtfertigen lassen. Bild aus Managua (Nicaragua), vom ersten Jahrestag der Revolution 1980.

Picasa

Bald fiel das lauernde Auge eines älteren dicklichen Mannes auf sie, ebenfalls verbandelt mit Sovipe, wenn auch von Hause aus General: Reynaldo Pérez Vega. Kein allzu grosser Sympathieträger, wie es scheint; sein Spitzname war «el perro», der Hund. Nun ficht joviale Señores in Lateinamerika weder der grosse Altersunterschied zu einer Angebeteten an, noch schüchtert Schönheit sie im Geringsten ein.

Komplizen fackelten nicht lange

In Nicaragua waren Chefs immer schon schlau. Sie erfanden etwa einen nationalen «Dia de la Secretaria», einen «Tag der Sekretärin». Einmal im Jahr entführen sie, unter dem Vorwand, deren Leistung zu würdigen, die Sekretärinnen zum Essen und zum Tanz in irgendein Motel am Rand der Stadt oder am Strand. Die jungen Frauenstehen damit jährlich vor dem quälenden Dilemma: hier der onkelhaft zudringliche Chef, der sie mit einem Fingerschnippen befördern oder feuern kann, zu Hause der eifersüchtige Ehemann, der häufig nichts sagt, nur zuschlägt, mittendrin sie mit ihrem Ekel und Elend. So etwas interessiert keine Schwester in Europa, wie auch Drittweltopfer keine Rolle spielen in völlig westzentrierten Me-too-Debatten.

Nora Astorga wartete nicht erst einen offiziellen Rahmen ab, es sei denn, sie hätte an jenem 8. März, da sie den «Hund» in ihr Bett lockte, an den Internationalen Tag der Frau gedacht. Er offenbar an Weihnachten. Blöd vor Seligkeit, streckte sich der General aus neben der Geliebten, als sie spielerisch-kokett seine Pistole weglegte und sagte: «Schatz, ich schicke deine Leibgarde schnell zum Laden rüber, um Rum für uns zu holen.»

Nora schlüpfte hinaus, der General wartete auf die Nacht aller Nächte. Er bekam sie: Als sich die Tür öffnete, stürmten drei Revolutionäre herein. Es gab ein Gerangel, der General wehrte sich, liess sich nicht fortschleppen. Noras Komplizen fackelten nicht lang. Sie schnitten dem Mann von Ohr zu Ohr die Kehle durch. So verröchelte in einem eleganten Haus an der Carretera Sur, eingewickelt in eine sandinistische Flagge, der stellvertretende Kommandeur der Nationalgarde und, wie sich herausstellte, wichtiger Agent der CIA.

Hier endete Noras Doppelleben als Mutter, Juristin und Agentin der Revolutionäre. Sie hinterliess eine Botschaft und tauchte ab: «Ich will, dass allen bekannt wird, dass ich teilgenommen habe an der Operation, welche den blutigen Handlanger der Gerechtigkeit zuführte.» Liebesabenteuer in Zeiten des Befreiungskriegs.

Heldin und Heilige im Staat

Die Eltern hatten früh geahnt, dass Nora «verrückte Ideen» im Kopf hatte. Darum schickten sie sie 1967 für zwei Jahre vorsorglich in die USA. Nora wurde zwanzig; das Jahr 1968 wurde schicksalhaft – auch für Amerika. Vor allem der Rassismus gegen Schwarze schärften ihr politisches Bewusstsein. Nora heiratete einen studentischen Aktivisten. An der Zentralamerikanischen Universität (UCA) kam sie in Kontakt mit Revolutionären. Für einen ihrer Anführer suchte sie konspirative Wohnungen.

Mit dem Ehemann ging sie ein Jahr nach Italien, kam zurück, liess sich scheiden und bekam eine Stellung in der Firma Sovipe. Im Januar 1978 wurde der demokratische Oppositionsführer ermordet. Das war der Funke zur Zündung des Volksaufstands, der den Sandinisten anderthalb Jahre danach die Macht und den Sieg über die Diktatur eintrug.

Pamphlete herumzutragen, bei Protesten mitzumarschieren, war in Lateinamerika lebensgefährlich, anders als in Berlin oder Paris. Tausende wurden verhaftet und gefoltert, Hunderte verschwanden. Nora sagte: «Endlich war klar, dass bewaffneter Kampf die einzige Lösung war, dass du einem Gewehr nicht mit einer Blume begegnen kannst. Entweder ich griff mit ganzem Einsatz zu den Waffen, oder ich würde überhaupt nichts verändern.»

Gleichwohl muss es ein tiefer innerer Konflikt gewesen sein, einen Liebestrunkenen noch im Schlafzimmer abschlachten zu lassen, CIA-Schwein hin oder her. Tücke, Schuld und Sühne – all das wirkt im Inneren fort und lässt sich nicht mildern mit ideologischer Rechtfertigung. Der Staat hatte es versucht.

Nach dem Triumph der Revolution wurde Nora mit Orden überhäuft, mit dem Titel Heldin ausgestattet. Als eine der zwölf Apostel hat man sie gar sakralisiert. Das sandinistische Fernsehen zeigte ein Dokudrama, Patriotismuskitsch statt Liebesverrat. Es nützte nichts: Das Volk umhüllte Nora Astorga stets mit einem Vakuum; liess alle Stilisierung über sich ergehen und schwieg.

Vielleicht war es eine Flucht, als Nora als Botschafterin in die USA gehen sollte. Der damalige Präsident Ronald Reagan lehnte kategorisch ab. Nora wechselte als UNO-Botschafterin nach New York. Sie wurde von innen her aufgefressen... ist heute vergessen.