Lockvogel Facebook
Rechtsextreme locken auf Facebook mit scheinheiligem Inhalt

Über 760'000 Menschen haben die Facebook-Veranstaltung «Die Welt gegen Kinderschänder» unterstützt. Doch hinter der Kampfansage steckt eine ganz andere Absicht - nämlich das Verbreiten von rechtsextremen Botschaften.

Simon Michel
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Das Profilbil der Facebook-Seite «Deutschland gegen Kindesmissbrauch»

Das Profilbil der Facebook-Seite «Deutschland gegen Kindesmissbrauch»

facebook.com

Die Veranstaltung gegen Sexualtäter stiess auf Facebook auf grosse Zustimmung. Zu Recht, könnte man meinen.

Sie führt den User auf die Profilseite «Deutschland gegen Kindesmissbrauch». Mit 39'000 «Likes» ist sie zwar im Web nicht so erfolgreich wie die Veranstaltung mit 760'000. Doch immerhin stossen Zehntausende auf teilweise kritischen Inhalt, nach dem sie nicht gesucht haben.

Bei einem ersten flüchtigen Besuch der Seite ist nichts zu erkennen, was vom eigentlichen Thema ablenkt. Auf dem Profil steht gross geschrieben: «Opferschutz statt Täterschutz». Darunter ein Foto, auf welchem ein blondes Mädchen durch ein Kornfeld spaziert.

Wenn jedoch die Seite mit «Gefällt mir» angeklickt wird, kommen in regelmässigen Abständen Beiträge der «Identitären Bewegung Deutschlands» zum Vorschein. Es handelt sich dabei um eine junge Strömung der Neuen Rechten, die besonders die zunehmende Islamisierung in Deutschland beklagt und die Zuwanderung stark ablehnt. Die eigentliche Thematik verschwindet unter «geposteten» Debatten über Ausländer und Religion.

Wer die Betreiber der Seite sind, ist unklar. «Aufgrund der Beiträge, die erstellt und geteilt werden, muss es eine Sympathie und ideologische Nähe zum Rechtsextremismus geben» sagt Experte Johannes Baldauf gegenüber «RTL aktuell». Er nimmt an, dass es sich um eine Art Satelliten-Seite der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands NPD handelt.

Die Macher der Seite sind daran interessiert, die Seite so weit wie möglich zu verbreiten - sie fordern den Benutzer mehrmals auf, die Seite möglichst vielen zu empfehlen und weiterzuleiten. Mit dem Vorwand, gegen Kindesmissbrauch vorzugehen, wird das wohl auch Erfolg haben.

Versteckte rechtsextreme Facebook-Seiten in der Schweiz?

Bislang ist dem Experten für Rassismus und Diskriminierung, Johan Göttl, kein vergleichbarer Fall aus der Schweiz bekannt. «Wir haben es auf Facebook vereinzelt mit rassistischen Kommentaren oder beleidigenden Äusserungen zu tun. So werden Fotos beispielsweise kränkend kommentiert.»

Rechtsextremismus-Experte Göttl gibt jedoch keine Entwarnung: «Es existieren weiterhin rechtsextreme Gruppierungen in der Schweiz, wenn auch nicht in der Grösse der NPD in Deutschland.» Und dass sie das Internet nutzen, um rassistisches Gedankengut zu verbreiten, ist spätestens seit dem norwegischen Attentäter Anders Breivik bekannt, der problemlos rechtsradikale und islamfeindliche Botschaften im Internet veröffentlichte.

Somit können mit der steigenden Popularität und der Möglichkeit von Facebook, viele zu erreichen, getarnte rechtsextreme Inhalte auch hierzulande nicht ausgeschlossen werden. Genau hinschauen lohnt sich.