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Prager Frühling: «Auf einmal schien alles möglich»

Vor 50 Jahren trat in der Tschechoslowakei ein einmaliges Reformprojekt in seine Hochphase. Der «Prager Frühling» sollte zum «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» führen. Jene Monate galten als Zeit der Hoffnung, die im August 1968 jäh endete.
Stefan Welzel, Prag
Die Führungsriege der tschechoslowakischen Kommunisten mit Generalsekretär Alexander Dubèek (Mitte rechts) an der 1.-Mai-Kundgebung 1968 in Prag. (Bild: Keystone)

Die Führungsriege der tschechoslowakischen Kommunisten mit Generalsekretär Alexander Dubèek (Mitte rechts) an der 1.-Mai-Kundgebung 1968 in Prag. (Bild: Keystone)

Stefan Welzel, Prag

Miroslav Šik schaut durch die grosse Fensterfront des Kaffeehauses Louvre im Herzen Prags. Gegenüber spiegelt sich die Sonne in den goldenen Verzierungen der prächtigen Jugendstilfassaden. Šik lehnt sich zurück und bestellt ein Bier. Der 64-jährige Professor ist seit vielen Jahren Pendler zwischen zwei Grossstädten. Werktags lehrt er Architektur an der ETH in Zürich, an den Wochenenden fliegt er jeweils in seine Heimatstadt. Was heute selbstverständlich erscheint, war es vor 1989 ganz und gar nicht. Es galten erschwerte Bedingungen, wenn man den Eisernen Vorhang überschreiten wollte. Erst recht zählte dies für den Sohn Ota Šiks, den führenden Wirtschaftsreformer des Prager Frühlings 1968.

Šik war in der Tschechoslowakei der 1970er- und 1980er-Jahre nicht mehr willkommen. Denn in dem Jahrzehnt davor waren es unter anderem auch seine Ideen eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus, die dem kleinen Land eine kurze Phase der freiheitlichen Blüte brachte. Im Frühjahr 1968 schien für die Tschechoslowaken der Traum eines «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» greifbar nahe, ehe er am 21. August an der Invasionsstreitmacht des Warschauer Pakts zerbrach und die kommunistischen Hardliner das Ruder wieder übernahmen. Die Šiks emigrierten nach Basel, später nach St. Gallen. Miroslav Šik war 1968 15 Jahre alt und führte in Prag ein privilegiertes Leben. Spross eines hohen Parteimitglieds zu sein, hatte einige Vorteile. Er durfte mit langen Haaren zum Unterricht gehen und musste keine Konsequenzen fürchten. Mit auf den Schulhof nahm er Platten der Rolling Stones oder der Beatles, die der Vater aus dem Urlaub «im Westen» mitbrachte. «Die Jugendbewegung und Pop-Kultur gab es überall in Europa. Und ich war Teil dieser Bewegung, die gegen die Werte der Elterngeneration rebellierte. Was politisch in meinem Land abging, das habe ich damals nicht so richtig begriffen», räumt Šik ein.

Krise der Planwirtschaft

Trotzdem besuchte er im Frühling 1968 spontane Versammlungen von Studenten und Arbeiterbelegschaften in Prag. «Was ich dabei trotz meiner Jugend sehr wohl wahrnahm, war dieses unglaubliche Gefühl von spontaner Demokratie – oder sogar Anarchie», so Šik. Jeder habe frei reden können. «Die Debatten wurden hitzig und kontrovers geführt. Das war neu.» Zu jenem Zeitpunkt waren in dem sozialistischen Staat wirtschaftliche und politische Erneuerungen im Gange, die ein Jahrzehnt zuvor noch völlig undenkbar gewesen waren. Innerhalb des Apparates der Kommunistischen Partei (KSC) rumorte es schon zu Beginn der 1960er-Jahre. Die stalinistische Planwirtschaft zeitigte erste Krisen, aus denen man Auswege finden musste. Eine Gruppe pragmatischer Technokraten verschaffte sich in Gremien wie dem 200-köpfigen Zentralkomitee mehr Gehör.

1961 wurde Ota Šik als ein Vertreter dieser Gruppe Leiter des Ökonomischen Instituts der Akademie der Wissenschaften. «Die Partei gründete Kommissionen zur Bekämpfung der Krise und setzte meinen Vater an die Spitze», erinnert sich Miroslav Šik. Von den angedachten Reformen wurden jedoch immer nur kleine Elemente umgesetzt. Die Ziele von Ota Šik waren aber die Aufhebung der starren Planwirtschaft sowie das Herstellen einer Konkurrenzsituation unter den sozialistischen Betrieben. Ausserdem sollten die Unternehmen langfristig in den Besitz der Belegschaften übergehen und der Staat nur noch die makroökonomische Strategie fahren. Šik profilierte sich zum Vordenker des dritten Wegs, der aber nicht in den Kapitalismus münden sollte. «Es ging darum, die Effizienz der westlichen Wirtschaft zu erreichen, aber nicht darum, sie zu kopieren», sagt Martin Schulze Wessel vom Münchner Collegium Carolinum. Der Leiter des Forschungsinstituts für die Geschichte Tschechiens und der Slowakei sieht dabei Parallelen zur späteren Perestroika in der Sowjetunion, denn «in beiden Fällen ging es zunächst um eine Reform von oben, die dann eine gesellschaftliche Bewegung in Gang setzte».

Kampf gegen die Zensur

Den wirtschaftlichen Erneuerungen, die den konservativen Kommunisten um Generalsekretär Antonín Novotný gar nicht gefielen, folgten 1967 erste grössere Protestbewegungen. So forderten Schriftsteller – darunter bekannte Namen wie Pavel Kohout, Ludvík Vaculík oder Milan Kundera – am IV. Kongress des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes Ende Juni die Abschaffung der Zensur. Und am 31. Oktober marschierten über 2000 Studenten demonstrierend zur Karlsbrücke, weil die Stromversorgung in ihren Wohnheimen nicht ausreichte. Die Niederschlagung dieses Protests und der Ausschluss berühmter Schriftsteller aus der Partei sollte sich für Novotný kurze Zeit später rächen. Selbst innerhalb des Politbüros fand Novotný keinen Rückhalt mehr für seine harte Linie. Der Wind begann sich zu drehen. Der Funke der Freiheit sprang immer weiter in Form spontaner Versammlungen und dem Mut der Journalisten und Bürger, ihre Meinung frei zu äussern.

Kurz nach Jahreswechsel folgte der politische Paukenschlag. Novotný verlor am 5. Januar 1968 seine Macht. Der neue Generalsekretär hiess Alexander Dubcek, welcher als Kompromisskandidat in dieses Amt gespült wurde. Doch zunächst passierte einmal gar nichts, bis die Reformer Dubcek dazu drängten, die alten Weggefährten Novotnýs abzusetzen. Ende Februar verkündete das späteres Parteipräsidiumsmitglied Josef Smrkovský, dass das «Büro zur Kontrolle aller Presseerzeugnisse» aufgelöst wird. Nun durften Zeitschriften wie die «Literární listy» (Organ des Schriftstellerverbandes) ganz offiziell freien Meinungsjournalismus betreiben. «Die Zensur bestand aber schon nicht mehr, als sie aufgehoben wurde», so Historiker Schulze Wessel. Ab März folgten sukzessive Wechsel in wichtigen Partei- und Regierungspositionen. Unter anderem wurde Ota Šik Vize-Ministerpräsident.

Jaroslava Fournier war im Frühjahr 1968 Studentin und 18 Jahre alt. Wie Miroslav Šik nahm sie an Versammlungen und Kundgebungen teil. Die Gymnasiallehrerin erinnert sich gut an den Geist der Stunde. Bei einem Spaziergang durch die Prager Innenstadt funkeln die Augen der zierlichen Dame, wenn sie an die Ereignisse von damals denkt. «Auf einmal schien alles möglich. Es war die Zeit der grossen Hoffnungen. Man durfte Kritik üben und offen über die Entwicklung unserer Gesellschaft diskutieren. Überall brodelte es.» Anfang März bewarb sich der liberale ehemalige Schulminister Cestmír Císar als neuer Staatspräsident. «Wir Schüler und Studenten waren Fans von Císar, gingen auf die Strasse und skandierten ‹Císar auf die Burg!›», sagt Fournier.

Letztlich wurde mit Ludvík Svoboda ein ehemaliger General Präsident. Neu war aber, dass die tschechoslowakischen Kommunisten seit der Inauguration Dubceks es wagten, ihre Führungsleute selber zu bestimmen, ohne dies mit Moskau abzusprechen. Dort und in anderen Hauptstädten der sozialistischen Bruderstaaten wuchs die Skepsis immer mehr. «An eine Bedrohung durch diese Länder dachten wir zu diesem Zeitpunkt nicht im Traum. Wir wollten ja keine Konterrevolution . Das Ziel der meisten war die Demokratisierung und Reformierung des Sozialismus», erklärt Jaroslava Fournier. Dieser Prozess trat ab April in die nächste Phase. Weitere Wirtschaftsreformen, die die Handschrift Ota Šiks trugen, wurden angekündigt. Zudem wollte man die Rolle der Partei im Staat neu definieren. Jedoch «sind nicht viele Reformen als Gesetze realisiert worden», sagt Experte Schulze Wessel. Der Grund dafür ist simpel: Es dauerte nicht lange, bis die anderen Staaten des Warschauer Paktes dem Prager Frühling mit der Invasion am 21. August ein Ende setzten.

Die Panzer rollen

«Für mich war das wie ein Stich ins Herz», sagt Jaroslava Fournier, die damals noch ihren Mädchennamen Kvasilová trug. Sie arbeitete im Sommer 1968 in einem Reisebüro in der Nähe des Wenzelsplatzes und sah die ersten sowjetischen Panzer durch Prag rollen. Trotz Okkupation konnte man in den folgenden zwei Jahren noch relativ leicht ausreisen. Fournier machte mehrmals Ferien in Westeuropa, blieb aber der Heimat bis zur Heirat mit einem Franzosen 1976 treu. Rund 150 000 Landsleute entschieden sich bis Sommer 1970 für das Exil. Danach zogen die neuen Machthaber um Gustáv Husák die Schrauben der Repression wieder an. Alexander Dubcek musste zuvor alle seine Führungsämter abgeben. Ota Šik demissionierte schon am 27. August 1968.

Sohn Miroslav befand sich zur Zeit der Invasion in Jugoslawien. «Irgendwie hatte mein Vater das Gespür für die drohende Gefahr und schickte uns Anfang August in die Ferien», erzählt Šik. Sein Vater, der 2004 in St. Gallen stirbt, folgte kurz darauf in das blockfreie Land. Drei Wochen später emigrierten die Šiks in die Schweiz. Der jugendliche Rebell Miroslav reiste bis 1970 noch zweimal per Autostopp nach Prag, weil ihm «das Basel von damals zu provinziell war». Der ältere Bruder Jirí ging schon 1968 ganz zurück nach Prag. Er schickte Miroslav bei dessen letztem Aufenthalt mit Hilfe befreundeter Geheimdienstleute zurück. Von da an sollte es knapp zwei Jahrzehnte dauern, bis Miroslav Šik wieder nach Prag und zurück reisen kann. Der «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» bleibt eine kurze und einmalige Episode des Kalten Krieges.

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