Reiche Russen horten Beatmungsgeräte: Dabei wären die Spitäler jetzt dringend auf die Maschinen angewiesen

Derweil folgt Putin dem Vorbild Chinas und lässt Notfallspitäler errichten. Ein Augenschein.

Inna Hartwich, Golochwastowo
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Zuerst meldete es das Onlinemedium «The Moscow Times», schon war in Russland die Nachricht in aller Munde: Um für das Coronavirus gerüstet zu sein, horten Reiche Beatmungsgeräte, die jetzt dringend in den Spitälern gebraucht würden. Knapp zwei Millionen Rubel (knapp 25000 Franken) hat ein Millionär für ein Gerät ausgegeben, zwei weitere wolle er noch kaufen, doch die Warteliste sei auf mehrere Monate hinaus voll. Und das obwohl das russische Gesundheitsministerium an die Käufer appelliert, es sei sinnlos, die Geräte zu kaufen. Ohne komplexe Vorrichtungen und geschultes Fachpersonal brächten sie gar nichts.

Russland hat rund 43000 Beatmungsgeräte, 29 auf 100000 Einwohner, viermal mehr als Italien. Das riesige Land scheint also gut ausgestattet zu sein. Was fehlen sind Ärzte und Intensivbetten.

Monster-Spital in 43-Seelen-Dorf

Das will man jetzt ändern. Russland steht erst am Anfang der Corona-Welle. Bislang gibt es offiziell 495 Infizierte und einen Toten. Die Vorbereitungen auf die Krise laufen auf Hochtouren. Zum Beispiel in Golochwastowo, einem Dorf im Südwesten Moskaus mit gerade mal 43 Einwohnern. Hier entsteht in diesen Tagen ein Infektionskrankenhaus für die Behandlung von Corona-Patienten, ganz nach dem Vorbild der chinesischen Stadt Wuhan, wo innert weniger Tage ein neues Spital aus dem Boden gestampft worden war.

Anfang März hatte die Moskauer Stadtverwaltung das Gelände ausgewählt. Noch zu der Zeit, als Präsident Wladimir Putin von «so einem Virus, das da angeflogen kommt» höhnte. Bereits am 13. März war in Golochwastowo aber nichts mehr wie zuvor. «Die Baustelle des Jahrhunderts», nennen manche russischen Medien den Neubau. Bis zu 600 Patienten sollen hier versorgt werden.

Putin hält an umstrittener Abstimmung fest

All dies geschieht, ohne dass man die Dorfbewohner im Voraus informiert hätte. Sie sind wütend. Anatoli, zum Beispiel. Der 69-Jährige will eine Absperrung an die Pfosten seiner Hauseinfahrt schweissen. Er will zeigen, dass hier noch sein Zuhause ist. «An einem Morgen waren plötzlich all diese Lastwagen da», sagt er. Vom riesigen Krankenhaus, das 250 Meter von den Wohnhäusern entfernt entsteht, erfuhr er aus den Nachrichten im Fernsehen. Ruhig stellen will man die Bewohner jetzt mit einem gratis Gasanschluss für jeden Haushalt.

Das zeigt: Die Lage ist ernst, auch in Russland. Doch die Staatsführung spielt die Gefahr noch immer herunter, schliesslich will man sich politisch nicht selber im Wege stehen. Denn eigentlich sollen die Russen am 22. April über die von Putin erlassenen Änderungen der Verfassung abstimmen. Daran hält der Präsident fest, auch wenn die Staatsgrenze für Ausländer längst geschlossen ist, alle Schulen zugemacht haben, Massenveranstaltungen abgesagt sind, die Über-65-Jährigen in Moskau in Quarantäne gehen sollen und die Menschen quer durchs Land Kühlschränke und Buchweizen hamstern.

Mit den Änderungen könnte Putin noch bis 2036 Präsident bleiben. Die Abstimmung soll den ungewöhnlichen Schritt ein Stück weit legitimieren. Für eine Absage, so der Kreml, gebe es «keine objektiven Gründe». Nur zur Not, sagte Putin schliesslich, lasse sich der Termin verschieben. Politik und Virus liefern sich in Russland einen unsichtbaren Kampf, der die Menschen, die ohnehin kaum Vertrauen in die Behörden und ihr Gesundheitssystem haben, noch weiter verunsichert.

In Golochwastowo rasen Polizeiwagen mit Sirenen an Anatolis Haus vorbei, im Minutentakt fahren die Lastwagen die Erde aus der Grube, Tag und Nacht. «Die Mächtigen sagen, sie machten all das für die Menschen. Halten sie uns hier wohl auch für Menschen?», fragt er. Ende April soll die Klinik ihren Betrieb aufnehmen. Anatoli zieht sich schon mal die Schweisserhandschuhe an.