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REISEN: Wie gefährlich ist Indien?

Die Meldungen über vergewaltigte Touristinnen schrecken auf. Reiseveranstalter beschreiben Indien als sicheres Reiseland. Allerdings gelte es ein paar Regeln zu beachten.
Andrée Stössel
Das Reiseland Indien zieht jährlich fast 50'000 Schweizer Touristen an. (Bild: Getty/Keystone)

Das Reiseland Indien zieht jährlich fast 50'000 Schweizer Touristen an. (Bild: Getty/Keystone)

Klick macht es plötzlich wieder von vorne. Klick von der Seite. Ein junger Mann, der heimlich mit seinem Handy ein Foto von einem schiesst. Als gestandene Indien-Reisende fällt es einem eigentlich gar nicht mehr auf, man schmunzelt höchstens. Als der junge Inder merkt, dass er beobachtet wird, verzieht er verlegen die Mundwinkel, steckt das Handy ein und geht weiter.

Die Aufmerksamkeit, die eine Indien-Reisende zuweilen von indischen Männern erfährt, kann einem schmeicheln, aber auch recht mühsam sein. Zum Beispiel, wenn man von der x-ten Gruppe Halbwüchsiger um «one more photo» gebeten wird und der Arm eines Jungen beim Posieren plötzlich über der Schulter landet. Oder wenn am Farbenfest Holi, bei dem alles, was sich bewegt, mit Farbpulver eingestäubt wird, Hände an Orte wandern, an denen sie nichts zu suchen haben.

Indien ist mit über 1,2 Milliarden Einwohnern das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde. Da wird es schon mal eng. Und überall wollen die Menschen einem etwas verkaufen, wollen mit einem sprechen – oder eben posieren. Aber muss man in Indien – gerade als Frau – tatsächlich Angst haben? Zumal sich in den letzten Monaten nicht nur die Meldungen über Gewaltverbrechen an Inderinnen häuften, sondern jüngst auch zwei Touristinnen – eine Schweizerin und eine Amerikanerin – Opfer von Vergewaltigungen wurden.

Organisierte Reisen sind sicherer

Laut Hans Wettstein, Inhaber des Schweizer Indien-Spezialisten Insight Reisen, sind Reisen nach Indien unbedenklich: «Indien ist ein sehr sicheres Reiseland.» In seiner 20-jährigen Tätigkeit als Reiseveranstalter habe er noch nie einen Kunden gehabt, dem etwas Schlimmeres als etwa ein Taschendiebstahl zugestossen sei. «Wer auf organisierten Touren reist, ist auf jeden Fall sicher. Bei selbst organisierten Reisen ist die Gefahrenquelle etwas grösser.» Wichtig sei bei Individualreisen, dass man sich über die örtlichen Gegebenheiten erkundige, sagt auch Vijay Kumar Singh, Inhaber von Indira Reisen GmbH und Indien-Journalist aus Zürich. Sowohl beim Fall der vergewaltigten Schweizerin, die mit ihrem Partner im Bundesstaat Madhya Pradesh gezeltet hatte, als auch bei der Amerikanerin, die in der nordindischen Gebirgsregion Manali per Anhalter reiste und vergewaltigt wurde, seien die lokalen Gegebenheiten nicht berücksichtigt worden. «Natürlich rechtfertigt das kein Verbrechen», sagt Hans Wettstein. «Doch gerade die Gegend, in der die Schweizerin campierte und überfallen wurde, meiden auch Inder in der Nacht, weil sie als gefährlich gilt.»

Nicht im Freien übernachten

Er selber würde nirgendwo in Indien im Freien übernachten, sagt Wettstein, der zwölf Jahre auf dem Subkontinent lebte. Im ganzen Land gibt es nur in einzelnen Grossstädten Campingplätze, und das Zelten kennt man eigentlich nicht. «Nur bei indischen Zigeunern ist das Zelten ein Brauchtum», sagt Vijay Kumar Singh, der in Indien geboren wurde und dort und in der Schweiz studierte. Er empfiehlt für individuelle Reisen auf eigene Faust, sich mit der lokalen Kultur, den Sitten und Bräuchen vertraut zu machen, sich mit dem Kastenwesen zu beschäftigen und Reise-literatur zu lesen, bevor man losfährt. «Voraussetzung für bedenkenloses individuelles Bereisen von Indien ist, dass man sich mit der Reiseroute genau auseinandersetzt, sich den Gegebenheiten anpasst und eine gewisse Achtsamkeit pflegt gegenüber der ansässigen Bevölkerung.»

Wer auf Nummer sicher gehen will, reist mit einer in der Schweiz organisierten Tour durch das Land. «Bei unseren Touren sind die Fahrer beispielsweise angewiesen, mit den Kunden nicht nachts zu fahren, weil die Strassen oft nicht beleuchtet sind. Die lokalen Fahrer kennen die Gefahren mancher Gegenden oder wissen zum Beispiel auch, wo gerade eine Demonstration stattfindet», erklärt Denise Lanz, Geschäftsführerin des Reiseveranstalters Intens Travel. Rucksackreisende hingegen müssen selber à jour sein und wissen, wo es gerade weswegen unsicher ist. Indien ist ein sehr günstiges Reiseland. Deshalb mache es Sinn, 2, 3 Franken mehr für ein Taxi zu bezahlen, das einem vom Hotel vermittelt wurde, statt auf der Strasse zu feilschen. Und selbst für kurze Strecken empfiehlt Denise Lanz Frauen, abends ein Taxi zu nehmen. An den Flughäfen und den Bahnhöfen gibt es staatlich geführte Taxiunternehmen, die lizenzierte Autos mit Fahrer vermieten.

Auch Zugfahrten in den reservierten Abteilen seien grundsätzlich sicher, sagt Hans Wettstein. «Man wird von den Passagieren angesprochen, die Leute wollen mit einem reden, und am Schluss weiss das ganze Abteil, wer ihr ausländischer Mitreisender ist», sagt Wettstein. Auch das erhöht die Reisesicherheit. «Allerdings muss man an den Bahnhöfen auf seine Sachen aufpassen.»

Regionale Unterschiede

In einem Land mit 3,3 Millionen Quadratkilometern Fläche (Schweiz 41 300 Quadratkilometer) gibt es natürlich regionale Unterschiede», sagt Indien-Spezialist Singh. Der indische Subkontinent ist grösser als ganz Westeuropa. Zwischen der Grenze im Norden und der Südspitze des Kontinents liegen über 3000 Kilometer. Zwischen Bombay im Westen und Kolkata im Osten erstrecken sich ebenfalls mehr als 2900 Kilometer Land. Indien hat 35 Gliedstaaten und Unionterritorien und umfasst alle Klimazonen. Entsprechend unterscheiden sich die Reisedestinationen innerhalb des Subkontinents. Der Süden ist im Allgemeinen konservativer als der Norden. Jedoch gibt es laut Singh auch in letzterem Gebiete, die geprägt sind durch islamischen Einfluss (beispielsweise Teile von Gujrat) oder geografische Abgeschiedenheit und niederen Ausbildungsstand mit rückständigen moralischen Vorstellungen (beispielsweise Teile von Bihar, Madhya Pradesh und Utter Pradesh). «In den Gebieten wie Mumbai, Delhi oder Goa, in denen der Einfluss vom Westen gross ist, hat sich eine grosse Offenheit auch gegenüber Fremden entwickelt», sagt Singh.

In traditionell touristischen Gebieten wie der ehemaligen portugiesischen Kolonie Goa im Südwesten Indiens seien es sich die Menschen gewohnt, Touristen zu begegnen und deren Mode zu akzeptieren. Deshalb ist es dort laut Singh auch kein Problem, im Trägertop auf die Strasse zu gehen. «Obwohl sie neugierig die Fremden beobachten, werden diese trotzdem nicht belästigt», erklärt Singh. Andere Gebiete wie der nordwestliche Rajasthan, die heilige Stadt Varanasi im Nordosten oder der Süden Indiens leben laut Singh hingegen von einer grossen religiösen Inbrunst. «Deshalb wird hier die offene Körperkultur eher abgelehnt, und die Fremden werden mit verachtenden Blicken abgestraft.»

Was Frauen in Indien lassen sollten

Gegen verachtende oder lüsterne Blicke kann man sich schützen. «Es gibt in jedem Land Dinge, die man unterlassen sollte», sagt Denise Lanz. Sie selber war erst kürzlich während dreier Wochen allein in Indien unterwegs. Angemessene Kleidung – insbesondere beim Besuch religiöser Stätten oder abgelegener Dör- fer – ist in Indien eine Anstandsfrage. «Man geht ja auch nicht im Trägerkleid in die Klosterkirche von Einsiedeln», sagt Wettstein. Als Frau sollte man zudem nicht mit Männern flirten, weil das missverstanden werden kann.

Selbst den Blick eines Mannes zu erwidern, kann schon als Gesprächseinladung interpretiert werden. Das hat gesellschaftliche Gründe: Flirten ist unter Indern tabu, Inderinnen halten den Blick gesenkt. «Indische Männer dürfen indische Frauen nicht einmal ansprechen», erklärt Wettstein. «Bei den als aufgeschlossen geltenden Westlerinnen getrauen sie sich das eher.» Wer mit seinem Partner nach Indien reist, sollte aus Rücksicht auf die Kultur zudem auf Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit verzichten.

Zur Not etwas lauter werden

Angst müsse man aber nicht haben, sagt Denise Lanz: «Nur weil sich eine Frau unangemessen kleidet oder mit einem Mann spricht, wird sie aber nicht gleich Opfer eines Gewaltverbrechens.» Mit einer resoluten Ansage lassen Drängler in der Regel umgehend von einem ab. Und wenn man als Touristin etwas lauter wird, sind innert Sekunden zehn Leute da, die helfen. «In Indien muss man hin und wieder eine gewisse Bestimmtheit an den Tag legen, damit allzu aufdringliche Leute das Interesse verlieren», sagt Denise Lanz, «auch wenn das für unser Empfinden unhöflich wirkt.»

«Jedes Jahr reisen Tausende Frauen allein nach Indien», resümiert Hans Wettstein. «Wer gesunden Menschenverstand walten lässt, ist auch sicher.» Und wer erst einmal vom Virus Indien angesteckt worden ist, kehrt auch immer wieder auf den Subkontinent zurück.

Fast 50'000 Schweizer pro Jahr besuchen Indien

Indien ast.«Indien ist eine Frauendestination», sagt Denise Lanz, Geschäftsführerin von Intens Travel. Besonders Angebote wie Ayurveda, Yoga und Meditationswochen in Ashrams sind bei Frauen beliebt. 2011 reisten gemäss des Schweizer Branchenmagazins «Travel Inside» 47 579 Schweizerinnen und Schweizer nach Indien. Das waren rund 5 Prozent mehr als 2010.

Die Zahlen für das Jahr 2012 werden im Herbst erhoben. Ob die jüngsten Gewaltverbrechen gegen Frauen einen Einfluss auf das Reiseverhalten der Schweizer und vor allem Schweizerinnen haben, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden. Laut Reiseberater und Indien-Journalist Vijay Kumar Singh ist die Buchungslage gut. «Wir können bisher keine Unterschiede zum Vorjahr feststellen», sagt er. Bei Denise Lanz liegen die Buchungen leicht unter Vorjahr. «Allerdings sind Wellenbewegungen bei den Indienbuchungen normal.» Insight Reisen hatte sogar einen markanten Zuwachs von Januar bis April zu verzeichnen. «Von einem Buchungsrückgang kann keine Rede sein», sagt Inhaber Hans Wettstein.

Glaubt man diversen Medienberichten, fährt die indische Tourismusindustrie weltweit derzeit allerdings Einbussen ein. Laut der «International Herald Tribune» sind die Besuche von Touristinnen in den ersten drei Monaten diesen Jahres gegenüber dem Vorjahr um 35 Prozent zurückgegangen. Demzufolge brach der Tourismus ein, nachdem es im Dezember in Neu- Delhi zu der tödlichen Massenvergewaltigung einer jungen Studentin gekommen war.

Tourismusexperte Hans Wettstein hält die Zahl jedoch für falsch. Und sie widerspricht auch den Angaben des Tourismusministeriums Indien; demnach gibt es 2013 sogar einen Zuwachs von mehr als 2 Prozent.

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