RELIGION: Die Angst vor dem Sturz des Regimes

Die Christen in Syrien und Irak leben in ständiger Todesangst. Zwei Patres berichten in diesen Tagen in der Schweiz über das Schicksal ihrer Glaubensgenossen.

Kari Kälin
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Pater Georges Aboud aus der syrischen Hauptstadt Damaskus (links) und Pater Paulus Sati, der aus dem Irak stammt, haben gestern in Einsiedeln eine heilige Messe gefeiert. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Pater Georges Aboud aus der syrischen Hauptstadt Damaskus (links) und Pater Paulus Sati, der aus dem Irak stammt, haben gestern in Einsiedeln eine heilige Messe gefeiert. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Im diesjährigen Weltverfolgungsindex der christlichen Organisation Open Doors hat Syrien einen dramatischen Sprung nach vorne gemacht – von Rang 36 auf Rang 11. Open Doors untersucht, wie stark Christen in verschiedenen Lebensbereichen drangsaliert werden. Am schlechtesten schneidet Nordkorea ab, gefolgt von Saudi-Arabien.

Bis zu 400 000 Christen auf Flucht

Seit zwei Jahren wütet in Syrien ein blutiger Bürgerkrieg, der gemäss UNO-Angaben mehr als 70 000 Todesopfer gefordert und mehr als eine Millionen Syrer als Flüchtlinge ins Ausland getrieben hat. Rund 9 Prozent der syrischen Bevölkerung (rund 22 Millionen) sind Christen, die überwiegende Mehrheit sind Muslime.

Gemäss Schätzungen des melkitischen griechisch-katholischen Patriarchen Gregor III. Laham von Damaskus wurden seit 2011 mehr als 1000 Christen getötet, bis zu 400 000 sind ins Ausland geflohen oder sind Binnenflüchtlinge. Das grosse Problem der Christen, die unter Diktator Baschar el Assad ihre Religion frei ausüben können wie vor der Zeit des Regimes: Sie werden zwischen den Fronten zerrieben. Mit Kritik am Regime halten sie sich zurück, sie kämpfen nicht Seite an Seite mit den Aufständischen, obwohl sie die Gewalt des Regimes und der Rebellen verurteilen. Teile der zerstrittenen und zersplitterten Rebellen werfen den Christen deswegen Komplizenschaft mit Assad vor. Dass sich Gruppen von Aufständischen unter dem Einfluss ausländischer El-Kaida-Kämpfer stärker radikalisieren, verschärft die Lage der Christen.

Beiläufige Bombenexplosion

Die Organisation Kirche in Not nahm gestern ihre Jahreswallfahrt nach Einsiedeln zum Anlass, um auf das Schicksal der Glaubensgenossen im Krisengebiet hinzuweisen, und lud unter anderem Pater Georges Aboud aus der syrischen Hauptstadt Damaskus ein. Er feierte gestern zusammen mit dem irakischen Pater Paulus Sati in der Klosterkirche eine heilige Messe.

Hört man dem 45-jährigen Aboud im Gespräch zu, keimt fast ein bisschen Hoffnung auf. Die Reise in die Schweiz habe er «problemlos» antreten können. In Damaskus, sagt er, könne er die heilige Messe ohne grössere Schwierigkeiten zelebrieren. Wenn nicht gerade gekämpft werde, nehme das Leben seinen üblichen Lauf. Die Leute würden ihre Einkäufe tätigen, die wichtigsten Lebensmittel seien erhältlich. Allerdings seien die Preise in letzter Zeit gestiegen. Fast beiläufig erwähnt er, dass am letzten Donnerstag gegenüber seiner Kirche eine Bombe explodiert sei. Sie habe aber nur Sachschaden angerichtet. Im Alltag würden sich Christen und Muslime ganz normal begegnen.

Vermittlung statt Intervention

Am meisten fürchtet Aboud einen militärischen Eingriff aus dem Ausland, wie ihn zum Beispiel die USA im Irak vor zehn Jahren vorexerzierten. Die Angaben, wonach das Assad-Regime Giftgas eingesetzt habe, beurteilt er skeptisch. Auch andere Urheber kämen in Frage. Der allfällige Giftgaseinsatz kann jedoch dazu führen, dass der Westen einmarschiert.

In diesem Fall befürchtet Aboud eine Entwicklung wie im Irak, der nach der Intervention der USA in ein Bürgerkriegschaos mit unendlichem Blutvergiessen versank. «Die Syrer akzeptieren keine Einmischung von aussen», sagt Aboud.

Angst vor Radikalisierung

Vermittlungsangebote, auch von der Schweiz, würde Aboud begrüssen «Nicht Waffen, sondern Worte und Dialog können eine Lösung bringen.» Ein grosses Problem sei das Einsickern ausländischer El-Kaida-Kämpfer, die sich unter die Rebellen mischten. Aboud wünscht sich, dass sich der Westen ein differenziertes Bild von der Lage in Syrien macht.

Eigentlich hätte der chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphaël Sako aus der irakischen Stadt Kirkuk gestern in Einsiedeln den Wallfahrtsgottesdienst leiten sollen. Wegen der schwierigen Lage in seiner Heimat musste er jedoch die Reise absagen. An seiner Stelle pilgerte Pater Paulus Sati (35) nach Einsiedeln. Sati stammt aus dem Irak, lebt heute in der belgischen Stadt Antwerpen und betreut von dort aus die chaldä-ischen Gemeinden in Luxemburg, im Saarland sowie in Trier und Bitburg. Gerne würde er seiner Heimatstadt Mossul einen Besuch abstatten. Doch Freunde raten ihm davon ab, zu gefährlich sei die Lage.

Seit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein ist die Zahl der Christen im Irak gemäss Schätzungen von gut einer Million auf 400 000 gesunken. Gemäss dem Open-Doors-Verfolgungsindex ist der Irak für Christen das viertschlimmste Land. «Eine baldige Beruhigung der Lage ist nicht in Sicht. Die Angriffe auf einzelne Christen und die Bombenanschläge auf Kirchen und Gebäude von christlichen Institutionen reissen nicht ab», schreibt die Organisation.

Trotz dieser düsteren Perspektiven gibt Pater Paulus Sati die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren nicht auf. Auch heute noch würden im Irak Christen und Muslime gemeinsam beten. Ökumenische Begegnungen finden also statt. «Muslime und Christen, die seit Jahren Nachbarn sind, werden nicht einfach über Nacht zu Feinden», sagt Sati. Und wenn die Lage ein bisschen ruhiger sei, sehe man die Menschen sogar in der Hauptstadt Bagdad oder in Mossul durch Pärke schlendern.

Unterstützung von Europa

Bei seinem Schweiz-Besuch wird er für mehr europäische Unterstützung der Christen werben. Es genüge nicht, wenn die europäischen Staaten Menschenrechte und Demokratie propagierten und finanzielle Unterstützung böten. «Europa muss mit seinem moralischen Gewicht lauter gegen die Gewalt an Christen in muslimischen Staaten auftreten. Wir dürfen nicht das Gefühl haben, im Stich gelassen zu werden», sagt Sati. Europa und die Schweiz sollten die Stimme erheben gegen das Leid, das die unterdrückten Christen erleben.

Auftritte in der Zentralschweiz

Pater Georges Aboud feiert am nächsten Donnerstag in Rothenthurm (19.30 Uhr) eine heilige Messe. Am Freitag trifft man ihn um 11.30 Uhr im Kapuzinerkloster St. Anna in Zug, um 19 Uhr steht in der reformierten Kirche in Zug ein ökumenischer Gottesdienst auf dem Programm. Am Samstag folgt um 10.30 Uhr eine heilige Messe in der Mariahilfkirche in Luzern, bevor er um 17.30 Uhr in der Pfarrkirche St. Martin in Schwyz auftritt (um 9 und um 10.30 Uhr). Pater Paulus Sati kann man am Mittwoch in der Wallfahrtskapelle Hergiswald begegnen – um 14.15 Uhr findet ein Rosenkranz, um 15 Uhr eine heilige Messe statt.