RELIGION: «Niemand glaubt an den Kommunismus»

Viele Chinesen fasziniert das Christentum. Die Zahl der Konvertiten in den Mega-Städten wächst. Schon bald könnte das offiziell atheistische China zur grössten christlichen Gesellschaft der Welt werden.

Isabelle Daniel/Peking
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Mitglieder einer chinesischen Untergrundkirche feiern eine christliche Messe. (Bild: Jonathan Saruk/Getty (Peking, 15. Mai 2011))

Mitglieder einer chinesischen Untergrundkirche feiern eine christliche Messe. (Bild: Jonathan Saruk/Getty (Peking, 15. Mai 2011))

Isabelle Daniel/Peking

Wenn Xiaomei Gao* den Gottesdienst besucht, dann weiss davon auch der Staat. Pekings Hauskirchen – jene Gemeinden, die nicht zu den offiziell registrierten Kirchen in China zählen – werden von der kommunistischen Führung zwar weitgehend geduldet. Trotzdem setzt die Partei auch dort ihre Agenten ein. Von ihrem Priester erfuhr Gao, dass der chinesische Geheimdienst ihre Kirche beobachtet. «Mir und meiner Gemeinde ist das egal», sagt Gao. In ihren Ton mischt sich ein Trotz, der untypisch ist für die Betriebswirtin, die sonst ein eher mildes Auftreten hat.

Gao ist eine jener christlichen Konvertitinnen, deren Zahl in China steigt und deren Biografien sich ähneln: grossstädtisch verwurzelt, hoher Bildungsgrad, internationale Orientierung. Gao konvertierte im Jahr 2005 zum Christentum, da studierte sie in Deutschland. Mit ihrem Glauben geht sie auch in ihrer chinesischen Heimat offensiv um. Unser erstes Gespräch über Religion beginnt sie in einer der überfüllten Pekinger ­U-Bahnen, die am frühen Morgen Millionen Menschen quer durch die Metropole zu ihren Arbeitsplätzen bringen. Der gemeinsame Weg beginnt im Nordwesten Pekings, wo die Plattenbauten der chinesischen Mittelschicht nach und nach die traditionelle Hutong-Architektur verdrängen, und endet im internationalen Bezirk Chaoyang mit seinen leuchtenden Wolkenkratzern, die Aufbruch und Globalisierung signalisieren. In einem dieser Wolkenkratzer arbeitet Gao als Projektmanagerin bei einem deutschen Unternehmen.

Ausgrenzung wegen ihres Glaubens erfahre sie nicht, sagt Gao. Doch obwohl Gao in einem toleranten Umfeld lebt, kennt auch sie die antireligiösen Vorbehalte, die im atheistischen China häufig auftreten. «Meine Eltern finden, dass ich den Glauben zu ernst nehme. Sie verstehen nicht, warum ich sonntags lieber in den Gottesdienst gehe anstatt zu Hause zu entspannen.»

Sinnsuche im Staatsatheismus

Paul Zhangs* christliches Bekenntnis hätte fast zum Bruch mit seiner Familie geführt. Der 28-Jährige arbeitete früher in Peking als Fernsehjournalist, heute studiert er Evangelische Theologie in Grossbritannien. Auch er fand während des Studiums zu Gott. Das Christentum gebe ihm Antworten auf die «endgültigen Fragen», die er sich seit seiner Kindheit stelle. «Wie ist die Welt entstanden? Was ist der Sinn des Lebens? Warum müssen wir sterben? Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass die atheistische Weltsicht, mit der ich indoktriniert wurde, keine bedeutsamen Antworten auf diese Fragen liefert.» 2008 liess sich Zhang in einer Pekinger Untergrundkirche taufen. Eines Tages, so hofft er, wird er als Priester nach China zurückkehren. Indoktriniert, das klingt radikal. «Es ist keine Übertreibung», sagt Zhang.

Missionieren steht in China unter Strafe. Christlichen Studierenden ist es nicht erlaubt, sich an ihrer Universität zu organisieren. Trotzdem gäbe es viele solcher Gruppen auf dem Campus, sagt Zhang. Sie organisierten Netzwerke und Veranstaltungen, oft auf Englisch.

Universitäten spielen für das Wachstum des Christentums in China eine besondere Rolle, erklärt Kristin Shi-Kupfer, Sinologin am Merics-Institut für China-Studien. «Sie sind oftmals der erste Ort, an dem viele Chinesinnen und Chinesen in den Städten mit dem Christentum in Kontakt kommen – sei es über die sozialen Medien, durch Kontakt mit Ausländern oder Kommilitonen, die bereits Christen sind.» Zu den Besonderheiten des rasanten Wandels der chinesischen Städte gehört, dass auch die junge Generation ihn bewusst miterlebt. Mit den extremen sozialen Veränderungen beschäftigt sich zunehmend auch die Popkultur. Neue Kinofilme huldigen dem «alten Peking», in dem die Gemeinschaft im Mittelpunkt steht. Es ist der radikale Gegenentwurf zur Lebenswirklichkeit vieler junger Chinesen, die sich, aufgewachsen mit der Ein-Kind-Politik, in einer Umgebung voller Konkurrenz bewegen.

Die Wahrnehmung einer moralischen Krise in der chinesischen Gesellschaft sei eine wichtige Antriebskraft für chinesische Christen, schreibt der Philosoph Phil Entwistle in einem Bericht des Merics-Instituts. «Sie veranlasst Städter dazu, nach alternativen Quellen für Sinn, Moral, Trost und Gemeinschaft zu suchen.» Ähnlich würde es auch Zhang ausdrücken. Ein Grund für ihn, Christ zu werden, sei die Suche nach dem Sinn des Lebens gewesen, noch zentraler jedoch das Bedürfnis, geliebt zu werden: «In meiner Familie ist Liebe seitens der Eltern gegenüber ihren Kindern nicht bedingungslos, sondern an Leistung geknüpft.» Im christlichen Glauben habe er Erfüllung gefunden: «Ich empfinde Gottes Liebe als perfekt und bedingungslos.»

So viele Christen wie KP-Mitglieder

Die meisten Untergrundkirchen in China würden von der Regierung in Ruhe gelassen, sagt Zhang. Dies jedoch nur so lange, wie Gemeinden die Öffentlichkeit mieden. «Die Partei versucht, das Christentum aus dem öffentlichen Raum fernzuhalten, sodass der Glaube einzig eine private spirituelle Erfahrung bleiben kann.» Die intensivste Diskriminierung, sagt Zhang, erlebe er jedoch gerade im Privatleben. «Als meine Taufe bevorstand, drohten meine Eltern mir, mich zu enterben. Als ich darauf bestand, eine Untergrundkirche statt einer der offiziellen, von der KP beeinflussten Kirchen zu besuchen, drohten sie mir mit physischer Gewalt.»

Konservativen Schätzungen zufolge leben heute 50 Millionen Christen in ­China – eine Zahl fast so hoch, wie die KP Mitglieder hat. Bis 2030, schätzen Experten, könnte China die Vereinigten Staaten als grösste christliche Gesellschaft der Welt abgelöst haben.

Kommunismus und Christentum – geht das zusammen? Die Frage stellt sich im Gespräch mit Yinglu Tang und Yilin Wang. Tang, 28, ist Materialwissenschaftlerin und arbeitet in Zürich an ihrer Habilitation. Wang, 25, macht hier ihren Doktor in Mathematik. Beide gehören der chinesischen christlichen Gemeinde Zürich an, die insgesamt rund 50 Mitglieder hat. Yinglu Tang ist beides: Christin und Kommunistin – Letzteres jedoch nur auf dem Papier. Noch bevor sie volljährig war, kam die Partei auf sie zu. «Wenn man zu den Besten eines Jahrgangs gehört, hat man keine Wahl: Man unterschreibt einfach die Parteimitgliedschaft.» Staatliche Ideologie und Religion seien etwas Grundverschiedenes. «Niemand glaubt an den Kommunismus», sagt Wang und lacht. Obwohl sich der wachsende Protestantismus auf soziale Unzufriedenheit gründe, engagieren sich städtische Christen in China politisch kaum, stellt Philosoph Entwistle fest. Es gehe ihnen vorrangig um eine spirituelle Erneuerung der chinesischen Gesellschaft durch die Verbreitung des Evangeliums.

«Christen sind per se verdächtig»

Auf Fragen nach der Vereinbarkeit von Christentum und Kommunismus reagiert Priesteranwärter Zhang zurückhaltend. Das Christentum verändere Gesellschaften nicht durch Gewalt. Jedoch hoffe er, dass das Anwachsen des christlichen Bevölkerungsteils zu einer Demokratisierung Chinas führe. «Die steigende Zahl der Christen könnte die Partei dazu zwingen, einen weicheren autoritären Führungsstil wie etwa in ­Singapur anzunehmen. Im Moment ist die Situation für uns aber noch schwierig, denn die aktuelle Regierung verfolgt eine harte autoritäre Linie.» Wenn es um Religionsfreiheit geht, sendet die Zentralregierung unterschiedliche ­Signale aus. Einerseits ist sie bemüht, ihrem Ruf als religiöse Unterdrückerin – den Zhang als «weitgehend akkurat» bezeichnet – mit Symbolpolitik entgegenzuwirken.

Eine Liberalisierung in der Religionspolitik der KP kann Sinologin Shi-Kupfer dennoch nicht erkennen: «Die wiederholten Repressionen gegen Christen in der Provinz Zhejiang und die Verhaftungen von zahlreichen christlichen Menschenrechtsanwälten sprechen eher für anhaltende oder sogar verschärfte Kontrolle.» Aus Sicht der chinesischen ­Regierung ist das Christentum eine «ausländische Religion». Die offizielle Rhetorik von einer «Infiltration ausländischer Kräfte», die Chinas politisches System «umstürzen» wollen, nehme wieder zu. «Gemeint sind dabei Akteure aus westlichen Demokratien wie Journalisten oder NGO-Mitarbeiter», sagt Shi-Kupfer. «In diesem Kontext sind auch chinesische Christen wieder stärker per se verdächtig.»

Als Wang ihrem Vater von ihrer Konversion erzählte, begann dieser plötzlich, die Vorzüge der traditionellen chinesischen Kultur zu referieren. «Ich verstehe den Vorwurf nicht, das Christentum sei ein westlicher Lebensstil», sagt Wang. «Ich habe genug Zeit im Ausland verbracht, um zu wissen, was kulturell und was universal ist. Die christlichen Werte sind universal.»

Die Entscheidung, sich taufen zu lassen, fällt bei chinesischen Neuchristen oft schnell. Bei Wang waren es fünf Monate. Während ihrer Promotion in den USA habe sie eine harte Zeit durchlebt, erzählt sie. «Die christliche Gemeinschaft auf dem Campus hat mich sehr unterstützt. Gottes Liebe hat mich damals sehr berührt.»

«Was bleibt, ist nur Jesus»

Der Gemeinschaftsaspekt sei für viele Chinesen ein zentraler Teil der Attraktion am Christentum, erklärt Kristin Shi-Kupfer. «Anders als zum Beispiel im Buddhismus ist man als Christ ja nicht allein unterwegs, sondern lebt seinen Glauben in Gottesdiensten und Kleingruppen gemeinsam. Viele Chinesen erfahren dort eine Wertschätzung und ein Vertrauen, das sie im oft sehr kompetitiven Alltag in China vermissen.»

Wang sagt, das Christentum sei zum Kern ihres Lebens geworden. Sie zitiert aus der Offenbarung: «Ich bin der Anfang und das Ende.» Der Satz ist zu ihrem Lebensinhalt geworden. «Mein Beruf, meine Freunde, sogar mein Partner: Das ist alles vergänglich. Was bleibt, ist nur Jesus.»

* Hinweis

Namen auf Wunsch der Personen von der Redaktion geändert.