REPORTAGE: Das neue Zauberwort heisst Hotspot

Mit den so genannten Registrierungszentren will Griechenland den Flüchtlingsstrom kanalisieren. Kein leichtes Unterfangen. Ein Augenschein auf Chios.

Ferry Batzoglou
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Durchgangsstation Chios: Eine afghanische Mutter mit ihren Kindern ist auf der griechischen Insel angekommen. (Bild: AP/Petros Giannakouris)

Durchgangsstation Chios: Eine afghanische Mutter mit ihren Kindern ist auf der griechischen Insel angekommen. (Bild: AP/Petros Giannakouris)

Ein sanfter Wind weht, die Sonne strahlt schon so stark vom blauen Himmel wie im Hochsommer. Charalambos «Babis» Lolos, 44, Oberstleutnant des griechischen Heeres, grüne Augen, stechender Blick, braun gebranntes Gesicht, schaut auf seine Uhr. Es ist 8.34 Uhr an diesem Donnerstag, ein paar Kilometer südlich des Hauptortes der Insel Chios in der Ost-Ägäis. Lolos Arbeitstag beginnt, sein Handy wird fortan ständig klingeln. Er wird abnehmen, aufmerksam zuhören, helfen, Anweisungen geben. So gehe das den ganzen Tag über, erzählt er, manchmal komme er auch in der Nacht nicht zur Ruhe, wenn «viel los» sei. Was er meint: wenn ein neuer Schub Flüchtlinge und Migranten auf Chios ankommt.

Lolos leitet den gerade eröffneten Hotspot auf Chios. Neben ihm und drei weiteren Offizieren der griechischen Streitkräfte arbeiten hier mehrere einheimische Polizisten sowie aktuell 86 Mitarbeiter der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, Mitarbeiter des Hochkommissariats für Flüchtlinge sowie 18 Nichtregierungsorganisationen wie das spanische Rote Kreuz und die Caritas. Ein bunter Haufen. «Es ist das erste Mal, das ich es mit Flüchtlingen und mit Mitarbeitern aus verschiedenen Ländern zu tun habe», sagt Lolos. Nach einer kurzen Pause fügt er mit fester Stimme hinzu: «Wir schaffen das.» Babis Lolos klingt wie Angela Merkel.

Sechs Schritte zur Registrierung

Hotspot, das ist das neue Zauberwort in der Flüchtlingskrise. Griechenland hatte sich schon im Oktober verpflichtet, fünf solcher Registrierungszentren für Flüchtlinge in der Ost-Ägäis zu errichten.Schon Ende vorigen Jahres sollten alle fertig sein. Doch daraus wurde nichts. Erst als die EU die Athener Regierung Medien wirksam tadelte, legten sich die Griechen ins Zeug. In nur zwei Wochen bauten die Griechen die Hotspots auf Lesbos, Samos, Leros, und Chios. Nur auf Kos sorgen massive Bürgerproteste für Verzug. Die EU verspricht sich viel von den Hotspots. Sie sollen den gewaltigen Flüchtlingsstrom aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und anderswo nach Mittel-und Nordeuropa kontrollieren, kanalisieren, am liebsten begrenzen.

Der Hotspot auf Chios liegt zwischen Olivenhainen gut acht Kilometer südlich vom Hauptort der Insel. Auf einem alten Fabrikgelände, wo früher Aluminium hergestellt wurde, stehen nun 67 kleine Fertighäuser mit insgesamt 600 Betten. Baukosten bisher: 1,2 Millionen Euro, finanziert durch den griechischen Staat. Bis zu 1100 Flüchtlinge finden hier Platz.

Das Areal sei zwar immer bewacht, bleibe aber jederzeit offen, wie Lolos betont. «Alle Flüchtlinge werden hier registriert. Danach können sie den Hotspot verlassen.» Die «vollständige Registrierung» ist das, was einen Hotspot ausmacht. Schritt eins: Karteikarten ausfüllen. Name, Geburtsdatum, Herkunft. Schritt zwei: Anstehen. Schritt drei: Interview mit Hilfe eines Übersetzers, Passkontrolle inklusive, falls Dokumente vorhanden. Meist wird schon in diesem Stadium deutlich, woher die Menschen stammen.

Fingerabdrücke gegen den Terror

Noori Shaatat, Anfang 60, klein, graue Haare, Dreitagebart, ist Syrer kurdischer Abstammung, hat schon Schritt vier hinter sich: ein Foto von ihm ist gemacht und im Computer gespeichert worden. Nun kommt der wichtigste Schritt: Fingerabdrücke werden abgenommen, auf den sogenannten Eurodac-Geräten. Andreas A., Deutscher, Atemschutzmaske, Handschuhe, sei eine «Organleihe» an Frontex, wie es im Beamtendeutsch heisst, erzählt er lachend. Der Polizist aus Düsseldorf ist jetzt Fingerabdruck-Experte auf Chios. Sechzehn Mal muss Noori seine Finger oder Handfläche auf das Eurodac-Gerät legen. Alles wird digital gespeichert, alles ist künftig europaweit von den Polizeibehörden abrufbar. «Mit dem Foto, Fingerabdrücken und allen sonstigen Daten erreichen wir eine hundertprozentige Genauigkeit, um die Identität einer Person sofort zu erfassen und abgleichen zu können. Um welche Person handelt es sich? War sie schon einmal in Europa? Wo genau?», erklärt der deutsche Polizist. Das sei nicht zuletzt im Kampf gegen Terror, aber auch zur Bekämpfung von Sozialbetrug in den Zielländern von grosser Bedeutung.

Das Motto heisst: Bloss weg!

Dann folgt der letzte, sechste Schritt: Das «offizielle Dokument» der griechischen Regierung wird ausgedruckt und dem Neuankömmling übergeben. Noori Shataat zeigt das ominöse Blatt. Darauf steht, wie lange er in Hellas bleiben darf, nur auf Griechisch wohlgemerkt. Shataat darf sechs Monate bleiben, weil er Syrer ist. Käme er aus Marokko, hätte er hingegen nur einen Monat bleiben dürfen. Egal. Es will eh kaum einer bleiben. Das Motto lautet: ‹Bloss weg!› Das beliebteste Zielland, wenn man auf Chios in die Runde fragt, ist Deutschland, seltener Schweden. Auch Noori Shataat ist da keine Ausnahme. Er will nach Hamburg. «Dort ist mein Sohn mit seiner Familie», begründet er.

Derweil sucht ein Frontex-Mitarbeiter Lolos auf. «Babis, da kommt heute einiges auf uns zu. Seit Mitternacht sind 925 angekommen.» Lolos nickt. «Es gibt Momente, da spüre ich zum ersten Mal in meinem Leben Stress», sagt er leise. «Und Momente, da kann ich meine Gefühle nur schwer beherrschen. Besonders wenn man die vielen Kinder sieht, die dem Krieg entronnen sind.» Es ist 12.18 Uhr. Die Sonne strahlt noch stärker. Ein Bus mit Neuankömmlingen fährt vor den Hotspot.