Deutschland vor der Wahl
Roadmovie: Was prallt in Deutschland aufeinander?

Die weiche Tour durch Deutschland führt von Wonneberg und Süssen nach Schmatzhausen, Rosa, Himmelgarten bis Poppendorf und Ehe.

Max Dohner
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 Die Eiszeit, ein Gletscher, der Staat Salzburg, Bauern und ein Heiliger haben Wonneberg geschaffen, sagt der pensionierte Lehrer Karl Parzinger.
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Wonneberg
Wonneberg
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Wonneberg
Wonneberg
Wonneberg
Reizendorf
Roadmovie Teil II
Ehe
Ehe
Ehe
Ehe
 Falsches Standesamt und fürsorgerischer Sex: Künstler Rudolf Lumm malt alle 358 Nürnberger Ortschaften.
Ehe
 Bisher auf drei Tonnen beschränkt ist der Zugang zu Himmelgarten. Auch hier wird ausgewalzt.
Himmelgarten
 «Da draussen, stets betrogen, saust die geschäft’ge Welt»: Reizendorf – fränkisches Land wie eine Insel.
Roadmovie-Karte
Himmelgarten
Poppendorf
Schmatzhausen

Die Eiszeit, ein Gletscher, der Staat Salzburg, Bauern und ein Heiliger haben Wonneberg geschaffen, sagt der pensionierte Lehrer Karl Parzinger.

Mathias Marx

Eine lichtlose Milchstrasse erstreckte sich gestern – von Südosten bis Mittelwesten – durch halb Deutschland. Ein Band trüber Orte und Nester, wenigstens vom Klang her ihrer Namen. Das Band führte von Todhof, Tristl, Jammermühle bis Lieblos und Langweiler. Auch in Brandenburg (Grauwinkel), um Berlin (Motzen) und im Norden (Todenbüttel) finden sich diverse Endzeit-Siedlungen, verdichtet aber in der besagten Zone.

Da düsten wir herum, kreuz und quer. Auf der Suche nach dem richtigen Stimmungsbarometer für die Wahlen vom nächsten Wochenende. Ständig aber auch im Wissen, dass es ein anderes, helles Band gibt in diesem gegenwärtig völlig spannungslos erscheinenden, stabil schizoiden Deutschland.

Dieser zweiten Fährte wollen wir heute folgen: Orten heiterer Namen, die sich – weit besser als die Milchstrasse der Düsternis – über ganz Deutschland verteilen. Es sind Ortschaften wie Schatzwinkel, Freundl, Amorbach, Herzhausen, Lippendorf, Grossheirath, Sehndorf, Ehe und/oder Himmelgarten.

I. SCHMATZHAUSEN

Platzt das Dorf oder implodiert es?

Kaum begonnen aber platzt schon der Anlauf zur zweiten Etappe unseres Roadmovie – buchstäblich. Am Auto ist ein Reifen platt, mitten in Schmatzhausen. Bis er geflickt wird, fürchten wir, setze sich der Ort in unserer Wahrnehmung bloss fest als Platzhausen. Doch bereits in der Autowerkstatt am Dorfausgang ist das wieder anders. Im Moment, als der Chef ins Telefon spricht:

«War grod weg mim Ländgrusa und hob a Hundsfuda ghoit. Zwoa Soack voi mid Brogga, weils mid dene Brogga ned so vui scheissn ois wia mid a Floggnsuppn ... Fain Ferdl, i muss aufhänge. Jo, Fixlatt’n. Hier san Lait, zwoa Auslender – jo mei. Wia schmatz’n noher weida.»

Das war stilreiner Jargon des Gewerblers im «Freistaat Bayern». Eine Mischhefe zwischen Klatsch, hemdsärmligem Geschäftssinn, latenter Fremdenfeindlichkeit und Kameraderie. Das nennt man «schmatzen»?

Der Werkstatt-Chef lacht: «Nee nee. Schmatzen tun wir auch beim Essen. Aber nicht beim Schnäbeln.» Woher also kommt der Name? Der Chef kratzt sich hinter den Ohren. Schuldbewusst schaut er zur Assistentin, plötzlich wieder Schüler und sie Paukerin. «Wir lernten das mal in der Schule. Hiess das Smuteshuusen? Jo mei, hob’s vergess’n. Einfach irgendwas aus dem Gemenge von Römern, Kelten, Bajuwaren.»

Mehr ist über Schmatzhausen an Ort und Stelle nicht herauszufinden. Leben regt sich kaum auf der Durchgangsstrasse. Die Landflucht hält an zu den nächsten Sogbecken: Regensburg, Ingolstadt oder München.

Schmatzhausen scheint in der Tat zu platzen. Still und langsam. Also in Wahrheit zu implodieren.

Von vier Ortskneipen mussten drei schliessen. Nur das «Pichlmeier» hat noch offen – «picheln» heisst, einen heben. Stürzt der Kellner nicht gleich heran, dürfe man rufen: «Bier her, du Hundling!» Helmut Radlmeier, Mitglied der CSU, wirbt draussen für Stimmen in den Landtag. Ein lokaler Grafiker hat sein Konterfei derart überkoloriert und verpinselt, dass der Kandidat nun wirkt wie Schweinchen Dick. So lächelt er vor der rabenschwarzen Dachbalken-Gräte einer Brandruine.

II. WONNEBERG

Stimmenverkauf und Frauenlob

Läuft’s ab jetzt, mit neuem Pneu, vielleicht runder? Fügen sich die Herzensklänge rings im Land doch noch zu einer verlässlichen Stimmung?

Immer wieder scheint man Dissonanzen bewusst in die rosafarbene Daunendecke zu stanzen. Zwischen dem katholisch frommen Engelsberg und Englhausen hat jemand – nicht auf Keltisch oder Alemannisch, sondern auf gut Deutsch – einen Weiler «Höllhund» getauft. Dahinter folgt Rattenkirchen. Das verschlafene Trostberg erschreckt im Vollkaracho und Blaulicht ein Notarzt. Um Wonneberg liegen Geiersnest, Weibhausen und Wüstenreit.

Was genau prallt in Deutschland eigentlich aufeinander?

Im Autoradio, auf «Antenne Bayern», haben wir die Nachricht gehört, 31 Prozent der Deutschen landesweit würden ihre Wahlstimme ungerührt verkaufen. Egal ob an jene, die im Sattel sitzen, oder an die Opposition. Das habe die Umfrage eines renommierten Instituts ergeben.

Der Schuh drückt offenbar finanziell, nicht politisch.

Hat die deutsche Politik einen Schimmer davon, dass ihre Plakat-gelifteten Köpfe im Volk – bei einem sozusagen «liberalisierten Wahlmarkt» – verramscht und ausgetauscht würden wie Panini-Bildli? Würden auch Schweizerinnen und Schweizer damit liebäugeln, pro Stimme etwa einen Lappen zu kriegen?

In Wonneberg ist davon nichts zu hören, nur ein plätschernder Dorfbrunnen und eine ferne Säge. Das Aushangbrett bei der Kirche – «Reissnägel sind gestattet», warnt die Gemeinde, «Mitteilungen mit Klammern werden entfernt» – lädt die Leute ein, am Tag des Denkmals auch «unbequeme Denkmäler» zu besuchen. Die Polizei Oberbayern Süd informiert, ohne an Ausrufezeichen zu sparen, Rentner über «Strassenräuber! Enkeltricks! Kaffeefahrten!» Am gleichen Datum finden statt: der «Krieger-Jahrestag» einer «Soldatenkameradschaft» im nahen Wallfahrtsort und eine Radtour zu Ehren Marias unter der Leitung von Monsignore Thomas Frauenlob (sic!).

An der Pater-Bernhard-Strasse, wenige Gehminuten von der Kirche entfernt, wo übergangslos, ohne Gewerbezone, Land anschliesst, wohnt der pensionierte Lehrer Karl Parzinger, Wonnebergs Dorfhistoriker.

Der Flecken, sagt Parzinger, hiess ums Jahr 1000 noch lateinisch «Monte Wagingariorum», weil Gletscher während der letzten Eiszeit die Moore um den Waging-See zur Moräne geformt hatten. Damals gehörte der Ort zum eigenständigen Staat Salzburg. Nach dreissig verschiedenen Schreibarten tauchte der Name Wonneberg 1798 erstmals auf, wohl abgeleitet vom Namen eines der grössten ansässigen Bauern. Die überaus reiche Kirche, erbaut zwischen lediglich drei Höfen, ist dem heiligen Leonard gewidmet, ursprünglich der Patron der Gefangenen. Die Kette, die er meistens trägt, wurde später umgedeutet in eine Viehkette, ein Gegenstand von enormer Bedeutung für die Bauern. So ist heute Leonard auch Schutzpatron grosser Haustiere – und der Dorfjugend: Ihr Begegnungszentrum trägt seinen Namen.

III. REIZENDORF

Ein Gedicht im Bus-Wartehäuschen

Und weiter führt die Strasse sanft auf und ab vom Bayerischen Wald in Richtung «fränkische Schweiz». Ebenso sanft tragen uns auch hier, entlang dem ruhig zwischen natürlichen Ufern mäandernden Flüsschen Laaber, die Klänge der Ortschaften auf und ab, mit gelegentlich greller Würze. Von Schwindegg über Viehhausen nach Neulöpfering, Poppendorf und Fickersmühle.

Es brauchte sage und schreibe drei Tage, bis wir endlich landestypisch Knödel und Schweinebraten im Teller haben. Und zweimal 24 Stunden, ehe wir auf den Feldern links und rechts auch mal auf Hopfen stossen, statt auf ewigen, sich bis zum Horizont erstreckenden Futtermais. Die Eigenheiten verschwimmen. Sogar in Bayern, neben Baden-Württemberg die potenteste Wirtschaftsregion Deutschlands. Und die mit den besten Schulabschlüssen.

Reizendorf ist landschaftlich in der Tat reizvoll gebettet. Neben dem Bushäuschen, am Rand des Dorfes, pflückt ein Bauern-Ehepaar Zwetschgen und ist bester Laune. Sie haben keine Idee, welche Vorzüge gemeint sind im Namen ihres Dorfes. Aber sie sagen, sie würden tagtäglich davon erquickt und ermuntert.

Hier hält man sich an die Weisung, im Wartehäuschen keine Zettel anzuschlagen. Der Blick aus der Holzkoje geht hinaus auf die Felder. Der Puls sinkt in eine gemächlichere Zeit oder Epoche. Im Kopf entschleiern sich Zeilen des romantischen Dichters Joseph von Eichendorff.

Zwar ein Mann aus Schlesien, beschrieb er im Gedicht «Abschied» ein Gefühl, das sich auch hier und heute mit dem Frankenland verbindet. Mit der Heimat dieser Leute, eine Insel, scheinbar noch nicht erfasst vom alles andere als romantischen Wandel. Ein Gefühl, von dem sich auch Eichendorff zu seiner Zeit bereits getrennt wähnte – um es desto inniger zu beschwören: «O Täler weit, o Höhen, / O schöner, grüner Wald, / Du meiner Lust und Wehen / Andächt’ger Aufenthalt! / Da draussen, stets betrogen, / Saust die geschäft’ge Welt, / Schlag noch einmal die Bogen / Um mich, du grünes Zelt!»

Jedes Wochenende, während jeder Ferienwoche, hören wir, flüchten die Leute aus den Städten in Scharen hierher aufs Land, in den grossen Wald oder südlicher in die Berge: die «geschäft’ge Welt, stets betrogen», auf der Suche nach der grünen Lunge, nach pastoraler Nostalgie. Mit dem Ergebnis, dass die Autobahnen München–Salzburg und Nürnberg–
München zu den berüchtigtsten gehören für Radiodurchsagen, weil man da am längsten im Blechstau steht.

IV. HIMMELGARTEN

Der «Spinner» und die Nackte

Himmelgarten liegt unweit von Nürnberg. Eine typische Enklave gehobenen hablichen Mittelstandes, beinahe friedhofsstill im Besitzstand-Wahren – und entsprechend misstrauisch oder nervös.

«Scheisse!» ist das erste Wort, das wir in diesem Himmelgarten hören. Eine Dame hatte vergessen, an ihrem Luxus-Vierrader die Hecktüre zu schliessen, als sie rückwärts aus der Garage fuhr. Ihr Rassehund nutzt die Freiheit, um blaffend aus dem Auto und auf uns zuzuspringen. Die Dame nähert sich nicht weniger abweisend. Dass ausgerechnet hier zwei ausländische Journalisten herumlungern, beginnt sie erst zu glauben, als wir Dokumente vorweisen.

Am Eck ihres Hauses hängt ein Messingschild: Standesamt. Wurde das speziell für Paare hierhergezügelt, die in übertriebener Rührigkeit nirgendwo anders heiraten können als in Himmelgarten? «Nein», sagt sie, «das haben wir vom Standesamt mitgenommen, wo mein Mann und ich geheiratet hatten – nicht hier.»

Vor dem einzigen alten Haus in traditioneller Fachwerk-Bauweise fällt uns ein Mann auf mit Hut, der ebenso wirkt, als hätte er hier nichts zu suchen. Er ist der Erste, der uns die Geschichte sofort abkauft von der schweifenden Reportage. Ohne jeden Hauch von Verwunderung. Ganz Ähnliches tut nämlich auch er – nur ungleich systematischer.

Rudolf Lumm, ein Kunstmaler aus Zirndorf, setzte sich in den Kopf, alle 358 Ortschaften im Nürnberger Land zu zeichnen und zu malen. Drei Jahre veranschlage er dafür, sagt er. Einen Auftrag dafür erteilte ihm keiner. Die Bilder des nördlichen Teils sind in einem ersten Band bereits erschienen. Jetzt arbeitet sich Lumm mit flinker Hand durch den Süden. Zu Hause koloriert er die Skizzen. Im Nu fertigt er auch gleich eine an vom fragenden Reporter.

«Meine Frau hält mich für einen Spinner», sagt Lumm, «aber das ist meine Heimat. Ich will sie gründlich kennen, ehe ich nach Ägypten gehe.» In Himmelgarten fand er auf Anhieb jenes Haus, das am malerischsten wirkt. Pure Idyllenkleckserei betreibt Lumm indes mitnichten. Wir blättern im Buch und entdecken auch das gezeichnete Medaillon einer Nackten. «Eine Prostituierte», erklärt er: «Sie hatte Mitleid, als ich nach stundenlangem Zeichnen in der Nürnberger Altstadt und in brütender Hitze völlig fertig war. Sie offerierte ein Gratis-Stündchen.»

Ein falsches Standesamt und fürsorgerischer Sex – ein nobel paralysiertes Nest mengte das zusammen in nur einer Minute. Vielleicht heisst es darum Himmelgarten.

V. EHE

Kein Kreuz und keine Scheidung

Ehe war ursprünglich flüssig.

Der Name leite sich ab, wurde uns gesagt, aus dem Namen eines Flüsschens (verwandt ist die schweizerische Aa). Aber da sich der Name jetzt so missverständlich verfestigte zur Ehe, dem einzigen so benannten Ort in Deutschland, konnten wir Ehe kaum mehr grossräumig umschiffen.

Noch keine Scheidung hat’s hier gegeben. Grosse Risiken gehen die Bewohner auch nicht ein – es sind nur wenige. Falls es irgendwo kriseln sollte hinter den schmucken Fassaden, dann könnte der Druck, die Aura von Ehe vielleicht von selbst ein haderndes Paar in die gemeine Welt jenseits von Diespeck vertreiben, wozu die feine Ortschaft zählt.

Indes ist man, trotz Bedächtigkeit, auch flexibel: In jüngster Zeit hat man reagiert auf die Kuriosität, die sich langsam herumspricht. Als eine Art Dependance von Diespeck wurde ein Standesamt eingerichtet mit Romantiknische, «Kapelle» geheissen. Der Sohn von Roswitha und Paul Schemm, seit 37 Jahren verheiratet, alles gestandene Ehemer, wünschte sich das. Er war der Erste, der sich traute in Ehe. Als Nächstes hat sich ein lesbisches Paar angemeldet.

«Und warum hängt da kein Kreuz?» Auch das fragen sich Leute in der Nachbarschaft. Ein Kompagnon lässt Tauben fliegen, unter Balken nisten Schwalben. Ist das nicht Symbol genug? «Ich bin Kirchenmitarbeiter», sagt Paul Schemm, «aber so muss das heute sein.» Er und seine Frau betreiben, im gleichen Gebäude-Ensemble, einen florierenden Erdbeerhof. Sie verkaufen Pflanzen bis nach Dnjepropetrowsk, 6000 Kilometer hin und zurück. Hier hat Ehe Öffnungszeiten, sonntags ist geschlossen. Ein Doppelspiegel an der unübersichtlichen Kreuzung soll Gefahren bannen. Auf Ehes Strassen liegen zermanschte Mostbirnen.

Gern sind wir nach Ehe gekommen, gern fahren wir wieder weg.

Das Radio verbreitet die Nachricht: Gemäss der Studie einer grossen Versicherungsanstalt befürchten 61 Prozent der Deutschen einen Anstieg der Lebenshaltungskosten. Und wieder drückt der Schuh finanziell, nicht politisch. Einige meinen zwar, die Politiker seien mit der Lage überfordert. Aber so wenige, die das denken, waren es noch nie.

Deutschland scheint optimistisch. Egal, ob in Grauswitz oder Lustheide.