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ROMA: Langer Weg zur Gleichstellung

In Osteuropa leben noch immer zahlreiche Roma in prekären Verhältnissen. Das soll eine Strategie der EU-Kommission zur besseren Integration bis 2020 ändern. Doch damit geht es nur schleppend voran – auch in Tschechien.
Stefan Welzel, Prag
Bunt gekleidete Tänzerinnen und Tänzer am Welt-Roma-Festival in Prag. (Bild: MichalxDolezal/Imago (3. Juni 2016))

Bunt gekleidete Tänzerinnen und Tänzer am Welt-Roma-Festival in Prag. (Bild: MichalxDolezal/Imago (3. Juni 2016))

Stefan Welzel, Prag

Das Schild an der Klingel mit dem Namen Romea ist von Hand beschrieben, die Farbe matt und die Buchstaben kaum zu lesen. In einer Wohnung in einem unscheinbaren Block im Prager Stadtteil Vinohrady hat der Verband der tschechischen Roma seinen Sitz. Fast könnte man denken, die Vereinigung wolle sich kleiner machen, als sie ist. Dabei leben in der Tschechischen Republik rund 300 000 Roma – die grösste ethnische Minderheit im Land. Bei der letzten Volkszählung gaben jedoch nur 15 000 Personen an, dieser anzugehören. Roma sein bedeutet in den meisten europäischen Ländern auch heute noch, täglich diskriminiert zu werden. Daran ändert auch ein 2011 verabschiedetes Programm der EU zu deren besseren Integration nur langsam etwas.

Und doch bewegt sich etwas in der Republik. Seit September 2016 ist das sogenannte Gesetz zur Bildungsintegration in Kraft. Mit ihm werden die Sonderschulen abgeschafft, in denen Kinder mit «leichter mentaler Beeinträchtigung» ihren Unterricht erhalten. Das Problem: 30 Prozent der Kinder dort sind Roma, die meisten freilich ohne Handicap. «Das ist eine Praxis, die auf die Zeit im Sozialismus zurückgeht. Man steckte den Roma-Nachwuchs einfach in diejenigen Klassen, in denen eigentlich Kinder mit leichter Behinderung gefördert wurden», sagt Yveta Kenety, Angestellte bei Romea und dort für die Stipendienvergabe an Roma-Studenten zuständig. Formal wurden diese Schulen 2005 aufgelöst, faktisch aber weiterbetrieben. Was 2007 zu einer Klage in Den Haag gegen den tschechischen Staat führte.

Es dauerte fast ein ganzes Jahrzehnt, bis dieser Missstand aufgehoben wurde. «Das neue Gesetz ist ein Fortschritt, aber einer, der erst auf Druck aus Brüssel zu Stande kam. Ausserdem fehlt eine Strategie des Staates gegen Roma-Diskriminierung», so Kenety. Das sieht Olga Jerábková, Sprecherin der Regierungsstelle für Menschenrechte, anders. «Die Regierung brachte zuletzt verschiedene Massnahmen auf den Weg wie Bildungskurse für erwachsene Roma, Antidiskriminierungskampagnen oder spezielle Trainings für Lehrer und Polizisten im multikulturellen Dialog.» Um aber gleich darauf einzuräumen, dass die Vertreter der Mehrheitsgesellschaft toleranter sein müssen gegenüber Roma. «Das ist ein beidseitiger Annäherungsprozess», sagt sie.

Herkunft wird verheimlicht

Yveta Kenety hat erst mit 25 Jahren von ihren Roma-Wurzeln erfahren. «Mein Vater verheimlichte diese. Er schämte sich und dachte, ich würde ihm nach ­seiner Beichte den Rücken kehren.» Dabei sei es für die ­Mitglieder der Minderheit so wichtig, selbstbewusst zu ihrer Identität zu stehen, betont sie. Doch das ist nicht einfach in einer Gesellschaft, in der bis vor ein paar Jahren selbst mitten im vermeintlich weltoffenen Prag Aufmärsche rechter Gruppen gegen die Roma ohne grosse Gegenproteste stattfanden.

Generell ist die Toleranz in Tschechien gegenüber fremden Ethnien und Kulturen gering. «Am besten lässt sich dies an den Statistiken zur Flüchtlingsthematik ablesen», sagt Josef Šmída, Mitbegründer einer Bürgerini­tiative gegen Roma-Diskriminierung. «Die meisten Tschechen lehnen die Aufnahme von Flüchtlingen ab. Dabei spielen die gleichen Vorurteile wie bei den Roma eine Rolle.» Auf die Frage, ob latenter Rassismus in weiten Teilen der Bevölkerung verankert sei, antwortet Romea-Mitarbeiterin Kenety mit rollenden Augen und einer rhetorischen Gegenfrage: «Latent? Wohl eher offen rassistisch. Die ‹political correctness› ist hier nie angekommen.» Und Josef Šmída verweist auf die Tatsache, dass sich zahlreiche Lehrervereinigungen letztes Jahr vehement gegen das neue Bildungs-Integrations-Gesetz gewehrt ha­ben. «Sie befürchteten einen unbezahlten Mehraufwand. Grund war, dass die aus ihrer Einschätzung leistungsschwachen Schüler mit Roma-Hintergrund mehr Aufmerksamkeit brauchen.» Viele Lehrer erwarten mit der Einführung gemischter Klassen ein Absinken des Niveaus, was den «normalen» Kindern schade.

Zwar ist die Arbeitslosenrate unter Roma innerhalb eines Jahrzehnts von 46 auf rund 25 Prozent gesunken. Die Unterschiede zum landesweiten Schnitt sind aber enorm. Aktuell liegt die tschechische Arbeitslosenrate bei rekordtiefen 5 Prozent. Ein gewichtiger Grund für die hohe Arbeitslosigkeit unter den Roma ist die hohe Zahl der Schulabbrecher. Aktuell brechen gemäss Romea 33 Prozent der Roma-Kinder ihre Ausbildung vorzeitig ab. «Das ist der Teufelskreis, in dem sich Roma in ganz Osteuropa befinden», so Kenety. Schlechte Bildung führe zu Arbeitslosigkeit und Armut.

Kein Roma-Vertreter im Parlament

Bei den letzten Wahlen zum Abgeordnetenhaus traten gerade einmal zwei Roma-Politiker an, um ins nationale Parlament zu kommen. Beide vergeblich. Dem Land fehlen denn auch Roma-Vertreter, die in der Öffentlichkeit positiv in Erscheinung treten. Das nährt gemäss Josef Šmída das Vorurteil, Roma seien faule Menschen. Das Kernziel Brüssels, die Roma-Minderheiten in Europa in den Bereichen Bildung, Beschäftigung, Wohnraum und Gesundheitsfürsorge gleichzustellen, ist noch in weiter Ferne. Laut Josef Šmída fehlt es am Willen von Bürgern und Institutionen, tatsächlich etwas zu verbessern.

Auch Romea-Aktivistin Kenety blickt skeptisch in die Zukunft. In Zeiten erfolgreicher Populisten wie Donald Trump oder Tschechiens Präsident Miloš Zeman befürchtet sie einen zusätzlichen Anstieg xenophober Stimmungen. Gift für die bessere Integration der Roma – nicht nur in Tschechien, sondern für die rund 10 bis 12 Millionen Roma in ganz Europa.

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