Roms Bürgermeisterin kapituliert vor der Abfallkrise

Rom versinkt im Abfall – und weil die Stadtbehörden überfordert sind, sollen nach dem Willen von Bürgermeisterin Virginia Raggi die Bürgerinnen und Bürger den Dreck vor ihren Häusern wegräumen.

Dominik Straub, Rom
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Herumliegende Abfallsäcke gehören in Rom seit Jahren zum Stadtbild. (Bild: Angelo Carconi/EPA, 10. Mai 2017)

Herumliegende Abfallsäcke gehören in Rom seit Jahren zum Stadtbild. (Bild: Angelo Carconi/EPA, 10. Mai 2017)

Immerhin: Die Römer Schulen werden heute Montag nach den Festtagen den Unterricht wieder aufnehmen. Das war bis gestern noch in Frage gestellt. Weil auch in den Strassen rund um die 3000 Schulgebäude der Stadt massenhaft Abfall herumlag, hatte der Präsident der Schulvorsteher, Mario Rusconi, am Freitag damit gedroht, dass Schulen geschlossen bleiben könnten: «Der Abfall wird zunehmend zu einer Gefahr für die Gesundheit der Schüler», schrieb Rusconi. Denn angelockt vom stinkenden Hausabfall rund um die Schulen hätten sich über die Festtage auch schon Ratten in die Klassenzimmer verirrt.

Die Schulhäuser sind am Wochenende in einem von Bürgermeisterin Virgina Raggi eilends verordneten Sondereinsatz von den Abfallbergen – einigermassen – befreit worden. Doch diese Not-Massnahme ändert wenig daran, dass sich die seit Jahren schwelende Abfallkrise über die Festtage dramatisch zugespitzt hat. Zwei Wochen vor Weihnachten ist eine Abfallsortieranlage in Flammen aufgegangen. Gleichzeitig wurde über die Festtage mehr Abfall als üblich produziert. Das Resultat: In den Wohnquartieren und in der Peripherie überquellen die Container; um diese herum stapeln sich die stinkenden Abfallsäcke zum Teil meterhoch.

Und weil die städtische Abfallabfuhr mit den täglich anfallenden 5000 Tonnen Hausabfall überfordert ist, sollen nun die ­Römerinnen und Römer selber Besen und Schaufel zur Hand nehmen. Das «Einbeziehen der Anwohner beim Sauberhalten der Strassen» ist in einem neuen Reglement vorgesehen, das Raggi dem Stadtparlament vorlegen wird. Die Römer sollen ausserdem ermuntert werden, sich kleine Hauskompostieranlagen für den Balkon anzuschaffen.

Cinque Stelle gegen Verbrennungsanlagen

Das neue Reglement ist eine politische Bankrotterklärung Raggis. Aber das Problem ist ein grundsätzliches: In der Drei-Millionen-Metropole Rom existiert keine einzige Abfallverbrennungsanlage. Bis vor wenigen Jahren wurde fast der gesamte Abfall Roms einfach auf die Deponie Malagrotta am Stadtrand gekarrt. Der linke Vorgänger von Raggi, Ignazio Marino, hatte die seit Jahren laut EU-Regeln illegale Deponie zwar im Jahr 2013 geschlossen – aber er vergass, eine alternative Entsorgungslösung zu entwickeln. Und auch die heute 40-jährige Raggi von der Protestbewegung Cinque Stelle hat zweieinhalb Jahre nach ihrer Wahl kein Konzept, wie die Abfallkrise gelöst werden könnte.

Die einzige Lösung wäre der Bau einiger moderner Abfallverbrennungsanlagen. Doch davon will Virginia Raggi nichts wissen: Für sie und ihre Cinque Stelle sind die Öfen wegen der Abgase Teufelswerk. Raggis Rezept lautet: Abfallvermeidung, Abfalltrennung und Wiederverwertung zu 100 Prozent. Dass der Anteil des getrennt eingesammelten Abfalls in Rom bisher kaum mehr als 50 Prozent ausmacht, blendet die Bürgermeisterin aus.

4 Milliarden Euro wären notwendig

Rom ist mit seinen Abfallproblemen nicht allein: In ganz Süditalien herrscht ein dramatischer Mangel an Abfallverbrennungsanlagen. Die wenigen Öfen vermögen bei Weitem nicht den gesamten produzierten Abfall zu bewältigen. Der Rest verschwindet in Deponien, wobei die Mafia bei der Beseitigung des Sonderabfalls kräftig mitmischt, zum Teil wird er teuer exportiert. Aber auch in Norditalien werden seit 2013 keine neuen Verbrennungsanlagen mehr gebaut – und Vizepremier Luigi Di Maio von den Cinque Stelle hat unlängst verlangt, dass die bestehenden Anlagen stillgelegt werden.

«Wir stehen vor einem nationalen Notstand», betont Filippo Brandolini, Vizepräsident von Utilitalia, dem Dachverband der öffentlichen Entsorgungsbetriebe Italiens. Um diesem zu begegnen, müssten laut dem Abfall­experten in Italien mindestens 4 Milliarden Euro in neue Anlagen investiert werden.