ROTE-ARMEE-FRAKTION: Der Deutsche Herbst – eine bleierne Zeit

40 Jahre ist es her, dass der linksextreme Terror der RAF die Bundesrepublik Deutschland in ihre schwerste innenpolitische Krise gestürzt hat. Bis heute sind viele Fragen offen, warten die Angehörigen der Opfer auf Klarheit. Doch die Täter verweigern ihnen dies immer noch.

Walter Brehm
Drucken
Teilen
Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer in der Gewalt der RAF-Terroristen. (Bild: Keystone)

Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer in der Gewalt der RAF-Terroristen. (Bild: Keystone)

Walter Brehm

Sie nannten es revolutionären Kampf. Im September 1977 kulminierte der linksextreme Terror der sogenannten Rote-Armee-Fraktion (RAF) in Deutschland in der Entführung und späteren Ermordung von Hanns-Martin Schleyer, dem damaligen deutschen Arbeitgeberpräsidenten.

Doch der Ursprung dieser bleiernen Zeit lag weit zurück – im Jahr 1967, als Studenten in Berlin gegen den Staatsbesuch des persischen Autokraten Schah Reza Pahlevi demonstriert hatten. Dieser Protest endete damals mit dem Tod von Benno Ohnesorg – erschossen vom Polizisten Heinz Kurras.

Benno Ohnesorg – ungefragt als Legitimation des Terrors

Die wachsende Studentenbewegung gegen den Vietnam-Krieg und die nicht aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit: In den Augen vieler Studenten hatte das «System» seine «faschistische Fratze» gezeigt: «Der Staat hat auf uns alle geschossen», lautete einer der Vorwürfe. Die verzerrte Wahrnehmung bundesdeutscher Realität führte eine radikale Minderheit der Bewegung in den «bewaffneten Kampf einer Stadtguerilla», die sich als revolutionäre Avantgarde missverstand. Die führenden Köpfe: Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

Ihre Verhaftung und Verurteilung nach den Brandanschlägen im April 1968 führte schliesslich nach einer bewaffneten Befreiung des Häftlings Baader 1970 zur Gründung der Terrorgruppe Rote-Armee-Fraktion, der sich auch die linke Publizistin Ulrike Meinhof und der Anwalt Horst Mahler anschlossen. Die Gruppe wurde nach Ausbildung in einem Palästinenserlager in Jordanien, einer Serie von Banküberfällen und Bombenanschlägen und mehreren Todesopfern im Juni 1972 durch Verhaftung ihrer Anführer faktisch aufgerieben. Ein Ende des Terrors war dies nicht – im Gegenteil: Mit Hungerstreiks gegen ihre Haftbedingungen – im RAF-Jargon «Isolationsfolter» – wurde die RAF über Solidaritätsaktionen für die «politischen Gefangenen» neu aufgebaut.

«Natürlich kann geschossen werden»

Konnte schon die nun inhaftierte erste Generation der RAF kaum je erklären, was denn das eigentliche Ziel ihres «Kampfes» war, versuchte die zweite Generation dies schon gar nicht mehr. Politische Statements waren nur noch Sprechblasen in neudeutschem Slang. Aktionen zur Befreiung von Häftlingen wurden zur «Big Raushole», die Ana­lyse der gesellschaftlichen Verhältnisse beschränkte sich auf die Phrase «Schweinesystem». Und zur Motivation für den bewaffneten Kampf hatte das Grossbürgerkind Susanne Albrecht, welche die Mörder eines RAF-Opfers in dessen ihr wohlbekannte Villa führte, nicht mehr zu sagen als: «Ich hatte vom ewigen Champagnertrinken und Kaviarfressen einfach die Schnauze voll.» Nach der Befreiung des Häftlings Andreas Baader vor der Gründung der RAF, bei der ein Wachmann angeschossen worden war, schrieb Ulrike Meinhof lapidar: «Natürlich kann geschossen werden.»

Die selbsternannte Avantgarde verkam schnell zur Killertruppe. Ihr einziges, erkennbares Ziel war, die inzwischen in der Haftanstalt Stammheim einsitzende – und in erster Instanz verurteilte – Baader-Meinhof-Bande zu «befreien.»

Die Aktionen wurden immer brutaler, vor allem in der sogenannten «Offensive 77» der RAF:

  • Am 7. April 1977 wird Generalbundesanwalt Siegfried Buback in seinem Dienstfahrzeug von einem Motorrad aus erschossen. Dabei wird auch sein Chauffeur und ein Polizist getötet.
  • Am 30. Juli des gleichen Jahres wird Jürgen Ponto, Chef der Dresdener Bank bei einem Entführungsversuch in seiner Villa erschossen. 
  • Am 5. September 1977 schliesslich kidnappt die RAF in einer blutigen Aktion in Köln Hanns Martin Schleyer. Dessen Chauffeur Heinz Marcisz und drei Sicherheitsbeamte verbluten noch am Tatort im Kugelhagel der Terroristen. Zuvor war der RAF-Häftling Holger Meins ohne ärztliche Behandlung an den Folgen eines Hungerstreiks gestorben, und Ulrike Meinhof hatte in Stammheim Suizid begangen. Während die RAF-Propaganda von «aussergerichtlichen Hinrichtungen» sprach, haben Insider später zugestanden, dass «Ulrike» im Streit um das Vorgehen Anfeindungen aus der Gruppe nicht mehr ertragen und ihrem Leben deshalb selber ein Ende gesetzt habe.

Sollte die Schleyer-Entführung den Staat zur Freilassung der RAF-Gefangenen zwingen, wurde schnell klar, dass sich die Bundesregierung unter dem damaligem SPD-Kanzler Helmut Schmidt jedem Nachgeben verweigerte. Eine ­palästinensische Splittergruppe bot der RAF zur Verstärkung des Drucks die Entführung eines Lufthansa-Flugzeuges an. Doch die Entführung scheiterte nach einem Irrflug über mehrere Stationen in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Ein Kommando der deutschen Antiterroreinheit GSG9 schaltete das Terrorkommando aus und befreite die Geiseln. Dennoch war ein Todesopfer zu beklagen: Der Co-Pilot Jürgen Vietor war zuvor von den Palästinensern erschossen worden.

Nach dem Scheitern der Befreiungsaktion begingen die RAF-Häftlinge Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan Carl Raspe in Stammheim in der Nacht auf den 18. Oktober 1977 unter nie geklärten Umständen Suizid. Dies führte erneut zur Verschwörungstheorie, die Gefangenen seien vom Staat «liquidiert» worden. Als Folge der Todesfälle in Stammheim ermordeten die RAF-Entführer Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer. Seine Leiche wurde am 19. Oktober im Kofferraum eines im Elsass abgestellten Autos gefunden.

Fast 20 Jahre nach der Ermordung Hanns-Martin Schleyers und weiterer 33 Morde hat die RAF im April 1988 ihre Auflösung beschlossen. Das Ende der RAF aber war nicht das Ende des Leidens von Angehörigen ihrer Opfer. Bis heute weigern sich ehemalige Mitglieder offenzulegen, wer Siegfried Buback, Hanns-Martin Schleyer und andere Opfer getötet hat. Angetreten, ihre Elterngeneration für deren Nazi-Vergangenheit zu bekämpfen, schweigen sie bis heute ebenso konsequent, so wie viele Nazi-Kriegsverbrecher. Das erst in Englisch erschienene Buch einer britischen Pu­blizistin über die RAF trägt auch deshalb den Titel «Hitlers Kinder».

Die allgemeine, auch heute gültige Lehre aus der Geschichte der RAF aber heisst: Terror ist keine Politik, sondern nur eine kriminelle und menschenverachtende Methode, die von linken, rechten und islamistischen Extremisten angewandt wird.

Polizisten untersuchen in Köln das Fahrzeug, aus dem Schleyer im September 1977 verschleppt worden ist. (Bild: Keystone)

Polizisten untersuchen in Köln das Fahrzeug, aus dem Schleyer im September 1977 verschleppt worden ist. (Bild: Keystone)