ROTES KREUZ: «Die Jahre als IKRK-Delegierte haben mein Leben geprägt»

Der Tod des IKRK-Delegierten in Libyen erinnert die Bundeskanzlerin an ihre eigene Zeit beim Roten Kreuz. Auch für sie gab es heikle Momente.

Interview Eva Novak Interview Eva Novak
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Nach dem Tod eines IKRK-Mitarbeiters in Libyen hängt die Fahne am Hauptsitz in Genf auf Halbmast. (Bild: Keystone/Martial Trezzini)

Nach dem Tod eines IKRK-Mitarbeiters in Libyen hängt die Fahne am Hauptsitz in Genf auf Halbmast. (Bild: Keystone/Martial Trezzini)

Corina Casanova, Sie waren vor Jahren als IKRK-Delegierte in Afrika und Mittelamerika tätig. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie am Mittwoch vom tödlichen Anschlag auf den Schweizer Rotkreuz-Büroleiter in ­Libyen hörten?

Corina Casanova: Solche Nachrichten machen mich immer sehr traurig. Ich denke an die Familie und die Freunde des Verstorbenen, und natürlich kommen Erinnerungen an meine eigenen Einsätze in Krisengebieten hoch. Dass IKRK-Mitarbeiter und andere internationale Helfer zum Ziel von Angriffen werden, ist grundsätzlich sehr beunruhigend und gefährdet diese Missionen.

IKRK-Delegierte geraten immer wieder in die Schusslinie. Haben Sie das seinerzeit als grosse Belastung empfunden?

Casanova: Nein, während der Einsätze empfand ich die Gefährdung nicht als belastend. Wir hatten rigide Sicherheitsmassnahmen zu befolgen, an die ich mich immer hielt. Mehrere Male ist mir dann allerdings im Nachhinein bewusst geworden, wie gross die Risiken tatsächlich waren.

Sind Sie selber je in Situationen geraten, in denen Sie um Ihr Leben fürchten mussten?

Casanova: Nein. Heikle und sehr belastende Momente gab es, aber in unmittelbare Lebensgefahr bin ich während meiner Einsätze glücklicherweise nicht geraten.

Haben Sie für kritische Situationen eine Strategie entwickelt?

Casanova: Bisweilen traf ich Vorkehrungen ganz praktischer Art. Da in Angola kurz vor meiner Mission Delegierte entführt worden waren, packte ich in den Rucksack jeweils zusätzliche Vorräte ein, wenn ich mich in heikle Gebiete begab.

Hat die Furcht vor Zwischenfällen mit dazu beigetragen, dass Sie das Rote Kreuz verlassen und in die Dienste des Bundes gewechselt haben?

Casanova: Absolut nicht. Trotz aller Risiken habe ich es immer als grosses Privileg empfunden, für das IKRK zu arbeiten. Die Jahre als IKRK-Delegierte haben mein Leben geprägt und bereichert.

Sie denken also nicht jedes Mal, wenn wieder IKRK-Angehörige zwischen die Fronten geraten: «Zum Glück bin ich nicht mehr dabei»?

Casanova: Nein, ich denke gerne an meine Zeit beim IKRK zurück und bin dankbar für die Erfahrungen, die ich machen konnte. Ich habe als Delegierte gelernt, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Davon profitiere ich heute noch. Wenn Umfragen zeigen, dass Schweizer Studierende das IKRK als möglichen Arbeitgeber nach wie vor sehr hoch einschätzen, kann ich das gut nachvollziehen.

Müsste die Schweiz beim Schutz von humanitären Helfern aktiver werden?

Casanova: Die Schweiz ist traditions­gemäss ein Motor bei der Durchsetzung und der Entwicklung des humanitären Völkerrechts, dessen Ziel es ist, insbesondere die von bewaffneten Konflikten betroffene Bevölkerung und die humanitären Helfer zu schützen. In Zusammenarbeit mit dem IKRK sucht die Schweiz beständig nach Mitteln und Wegen, das humanitäre Völkerrecht weiter zu stärken. Diesem Ziel dient auch die gemeinsame Initiative der Schweiz und des IKRK, deren vorläufige Ergebnisse Ende 2015 an der 32. Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondkonferenz in Genf unterbreitet werden.

Ist es richtig, dass das IKRK seine Bemühungen in Libyen vorderhand eingestellt hat?

Casanova: Es ist nicht an mir, das zu beurteilen. Erfahrungsgemäss wägt das IKRK die Risiken jedoch sorgfältig ab. Den Verantwortlichen sind die dramatischen Konsequenzen, die der Abbruch einer Mission für die Menschen in den Krisengebieten haben kann, sehr bewusst.

Hinweis

Die Bündnerin Corina Casanova (CVP) ist seit neun Jahren Bundeskanzlerin der schwei­zerischen Eidgenossenschaft. Von 1986 bis 1990 war die 58-jährige Juristin als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Südafrika, Angola, Nicaragua und El Salvador tätig.