RUANDA: Fürsprecherin für Frauen und Despoten

Die Aussenministerin Ruandas, Louise Mushikiwabo, gastiert in Bern. Sie repräsentiert ihr Land durch und durch – auch was die Schattenseiten betrifft.

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Ruandas Aussenministerin Louise Mushikiwabo (links) mit Aussenminister Didier Burkhalter. (Bild: EPA/Anthony Anex)

Ruandas Aussenministerin Louise Mushikiwabo (links) mit Aussenminister Didier Burkhalter. (Bild: EPA/Anthony Anex)

«Solange andere Länder das Scheckbuch über unseren Köpfen schwingen, können wir nie gleichwertig sein.» Mit einem Schlachtruf gegen den Westen forderte Ruandas Aussenministerin Louise Mu­shi­kiwabo ihre Regierung 2012 zu mehr Eigenständigkeit auf: Reiche Länder müssten endlich aufhören, Afrika wie Kinder zu behandeln. Jetzt war Mushikiwabo in Bern bei Bundesrat Didier Burkhalter zu Besuch.

Progressiv, emanzipiert – und nicht immer im Einklang mit demokratischen Werten. Damit ist die gelernte Englischlehrerin eine passende Vertreterin ihres Heimatlandes. Als Verfechterin von Frauenrechten und Gleichberechtigung wird Mushikiwabo beschrieben. Ein Blick in Ruandas Parlament, das mit 64 Prozent die höchste Frauenquote der Welt hat, verrät: Auch hier sind fortschrittliche Kräfte am Werk. «Wir wollten von Beginn an ein Land, das Frauen ihren wahren Wert zugesteht», so die Tochter einer Bauernfamilie. Nach ihrem Studium in Ruanda zog Mushikiwabo nach Washington, wo sie unter anderem als Übersetzerin arbeitete. Die Zeit in den USA bereitete die heute 55-Jährige auf ihre diplomatische Laufbahn vor. Jedoch zählt sie die Jahre zu den schmerzhaftesten ihres Lebens: Im Exil erfuhr Mushikiwabo vom Tod ihrer Familie. Als Angehörige der Volksgruppe der Tutsi wurden viele Verwandte 1994 Opfer des Völkermords. Seitdem setzt sie sich für Versöhnung ein. Wo Opfer und Täter 23 Jahre nach dem Massaker als Nachbarn leben, predigt die Politikerin Frieden.

Mushikiwabo ist Ruanderin durch und durch. Das gilt auch für die Schattenseiten. «Ruanda hat wie jedes andere Land seine eigene Art, Dinge zu regeln», verteidigte sie sich 2016, als Organisationen ihrer Regierung Menschenrechtsverletzungen und aussergerichtliche Hinrichtungen vorwarfen. Das US-Aussenministerium äusserte Sorge über das «Verschwinden und die Verhaftung Dutzender Ruander». Zuvor hatte die UNO den Staat beschuldigt, Rebellen in der Demokratischen Republik Kongo zu unterstützen und den Bürgerkrieg anzuheizen. Von der Verfolgung von Kriegsverbrechern durch den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) hält sie nicht viel. Das Gericht werde laut ihr von Europa ausgenutzt, «um afrikanische Politik zu manipulieren».

In Ostafrika ist Ruanda eine Oase. Die Strassen sind sauber, und aus Kigalis Sümpfen spriessen Hotels und Rechenzentren. Die Säuglingssterblichkeit ist seit 1998 um zwei Drittel zurückgegangen. Korruption existiert kaum. Jedoch haben Stabilität und Fortschritt einen hohen Preis: Kritik wird nicht geduldet. «Ich kenne niemanden, der ein Land betrügt und dafür belohnt wird», sagte Mushikiwabo gegenüber «Al Jazeera». Es sind unter anderem diese Doppeldeutigkeiten, die Ruandas Ruf einer repressiven Diktatur festigen. Befragt wurde Mushikiwabo über den Tod von Patrick Karegeya. Der ruandische Ex-Spion wurde 2014 tot in einem Hotel in Südafrika gefunden. Einige Beobachter vermuten, dass das Regime von Präsident Paul Kagame hinter dem Mord steckt. Mushikiwabos kühle Antwort spiegelt in vielen Augen das inoffizielle Credo des ruandischen Despoten wider: «Warum sollte ich um meine Feinde trauern?»

 

Markus Schönherr, Kapstadt