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Syrische Flüchtlinge kehren zurück – doch vor ihnen liegt eine unsichere Zukunft

1,5 Millionen Flüchtlinge hat der Libanon im Laufe des Syrien-Kriegs aufgenommen. Nun kehren die ersten in ihre Heimat zurück. Nicht, weil es dort wieder sicher wäre – sondern weil die Lebensbedingungen im Libanon für sie kaum erträglich sind.
Meret Michel, Beirut
Syrische Flüchtlinge bereiten sich darauf vor, Beirut zu verlassen (Bild: Wael Hamzeh/Epa, 17 September 2018)

Syrische Flüchtlinge bereiten sich darauf vor, Beirut zu verlassen (Bild: Wael Hamzeh/Epa, 17 September 2018)

Mohammed Abdullah Mitwali wartet. Er sitzt auf dem Boden im Innenhof der Abdullatif-Fayad-Sekundarschule in der libanesischen Stadt Nabatiye. Seit fünf Uhr morgens sind er und seine Familie schon hier.

Jetzt ist es halb neun. In zwei Stunden werden sie in einem Bus sitzen, der sie nach Syrien bringt. «Wir können es kaum erwarten», sagt die Schwiegertochter Dayan. Mitwalis Familie stammt aus der Provinz Daraa im Süden Syriens. Vor sieben Jahren sind sie vor den Kämpfen zwischen dem Assad-Regime und den ­Rebellen aus ihrer Stadt in den Libanon geflohen. Seither sind die Kinder nicht mehr zur Schule gegangen. Die älteren Söhne verdingten sich als Tagelöhner, doch das Geld reichte kaum, um die Miete zu bezahlen. Mohammed, der Vater, konnte wegen einer ­alten Verletzung am Bein nicht arbeiten. Jetzt wollen sie zurück.

3400 Syrer sind bereits zurückgekehrt

Der Krieg sei fast vorbei, das Land sei sicher für die Rückkehr von Millionen von Syrern, die ins Ausland geflohen sind – so sehen es das syrische Regime und sein Verbündeter Russland. Der russische Präsident Wladimir Putin forderte kürzlich sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, Europa solle sich am Wiederaufbau in Syrien beteiligen – damit Deutschland seine Flüchtlinge möglichst rasch loswerde. Dass sich Deutschland bald auf den Deal einlässt, ist unwahrscheinlich. Im Libanon allerdings sind weite Teile der Politik für solche Signale empfänglich.

Schätzungen zufolge beherbergt das Land 1,5 Millionen ­syrische Flüchtlinge – das ist rund ein Viertel der gesamten Bevölkerung des kleinen Landes. «Wir können nicht auf eine politische Lösung warten», sagt der libanesische Aussenminister Gebran Bassil. «Die Lösung kommt mit der Rückkehr der Flüchtlinge.»

Im ersten Stock der Schule stehen einige Lehrerinnen am Geländer und schauen auf die ­Syrer, die im Innenhof ihr Gepäck auf die Dächer der Busse hieven. Eine von ihnen deutet auf eine Syrerin, die mit sechs Kindern vor einem der vier Busse wartet: «So viele Kinder in so einer Situation! Aber es sind halt Syrer.» In ihren Worten schwingt der Rassismus mit, den viele Libanesen gegen die syrischen Flüchtlinge hegen: «Denen geht es zu gut im Libanon, deswegen wollen die meisten gar nicht nach Hause.»

In den vergangenen Monaten haben sowohl die libanesische Regierung als auch die Hisbollah Zentren eröffnet, in denen sich rückkehrwillige Syrer registrieren können. Ihre Namen leitet der libanesische Inlandsgeheimdienst an das syrische Regime weiter. Zurückkehren können sie erst, wenn Damaskus sie überprüft hat. Seit Ende Juni sind nach ­Angaben des Geheimdienstes rund 3400 Syrer auf diesem Weg nach Syrien zurückgegangen.

Die syrischen Kinder winken aus dem Bus, der sie vom Libanon in ihre Heimat zurück bringen soll, wo noch immer Bürgerkrieg herrscht. (Bild: Wael Hamzeh/Epa, 09 September 2018)

Die syrischen Kinder winken aus dem Bus, der sie vom Libanon in ihre Heimat zurück bringen soll, wo noch immer Bürgerkrieg herrscht. (Bild: Wael Hamzeh/Epa, 09 September 2018)

Flüchtlingshilfswerk: Die Lage ist nicht sicher

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) ist jeweils vor Ort, wenn Syrer die Busse besteigen. Es betont aber, dass es nicht an der Organisation beteiligt sei und die Lage in Syrien nicht als sicher einschätze. Dies führte im Juni zu einem Eklat mit der libanesischen Regierung, die UNHCR-Mitarbeitern die Verlängerung ihres Aufenthalts verweigerte. Sie beschuldigte die Organisation, unter den Syrern Angst zu schüren, damit diese im Libanon blieben.

Mitwali und seine Familie ­haben sich registriert, nachdem die syrische Armee Daraa vor zwei Monaten von den Rebellen zurückerobert hat. «Die syrische Armee beschützt unser Land», sagt Mitwali. «Jeder, der das ­anders sieht, ist ein Verräter.» Dass seine älteren Söhne nach der Rückkehr in die Armee müssen, erfülle ihn mit Stolz.

Solche Rückkehrer wünscht sich das syrische Regime. «Ein Syrien mit 10 Millionen vertrauenswürdigen Bürgern ist besser als ein Land mit 30 Millionen Vandalen», sagte Dschamil Hassan, Chef des syrischen Luftwaffengeheimdienstes.

Harte Lebensbedingungen für Flüchtlinge im Libanon

Doch was ist mit allen anderen? «Wir haben von Flüchtlingen ­gehört, die zurückgekehrt sind und verhaftet wurden», sagt Sara Kayyali von Human Rights Watch. Vor allem jene, die der Opposition nahe stehen, müssten sich vor Repressionen fürchten. Die meisten Flüchtlinge kehrten nicht zurück, weil Syrien jetzt ­sicher sei. Sondern wegen der kaum erträglichen Lebensbedingungen im Libanon. Viele der Fluchtgründe – etwa der obligatorische Militärdienst in Syrien oder die Angst vor politischer Verfolgung – bestehen fort. «Für eine sichere Rückkehr brauchte es mindestens einen neutralen Akteur, der vor Ort die Sicherheit der Rückkehrer garantiert», sagt Kayyali. «Das kann weder die ­syrische noch die russische Regierung tun, denn sie sind Partei. Unter den jetzigen Umständen gibt es überhaupt keine Garantie für die Syrer, die zurückkehren.»

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