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Frankreich: Ruf nach Mässigung verhallt

Kaum ist der Attentäter von Strassburg gestellt, wollen die Gelbwesten wieder Paris unsicher machen. Die Polizei bleibt im Dauereinsatz, stösst aber allmählich an ihre Grenzen.
Stefan Brändle, Paris
Die Polizei versucht, die Gelbwesten auf den Pariser Champs-Élysées in Schach zu halten. (Bild: Chris McGrath/Getty (8. Dezember 2018))

Die Polizei versucht, die Gelbwesten auf den Pariser Champs-Élysées in Schach zu halten. (Bild: Chris McGrath/Getty (8. Dezember 2018))

Staatsanwalt Rémy Heitz bestätigte gestern am frühen Morgen, dass der mutmassliche Attentäter von Strassburg dank einem telefonischen Hinweis einer Anwohnerin gestellt werden konnte. Eine Spezialeinheit der Elitetruppe Raid konnte ihn zuerst nicht finden. Danach hielt ihn aber eine Polizeipatrouille in der Strasse Lazare des Viertels Neudorf an, berichtete Heitz. Chérif C. habe darauf eine Pistole auf sie gerichtet; ein Schuss habe aber nur den Polizeiwagen getroffen. Zwei der drei Ordnungshüter hätten darauf das Feuer eröffnet und den Attentäter, der vier Menschenleben und ein Dutzend Verletzte auf dem Gewissen haben soll, erschossen.

Die Arbeit der Polizei ist damit aber nicht zu Ende, wie Heitz betonte: Die Suche nach Komplizen gehe weiter, bereits würden sieben Verhaftete aus der Familie und Bekanntschaft des Attentäters verhört. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) übernahm eine Stunde nach C.s Tod die Verantwortung für den Anschlag. Innenminister Christophe Castaner dankte den Polizeikräften, als er der Wiedereröffnung des Strassburger Weihnachtsmarktes beiwohnte. 700 Polizisten hatten in Frankreich an der Fahndung teilgenommen, weitere 1900 Mann wurden im Elsass mobilisiert.

Zustand kollektiver Erhitzung

Das Antiterrordispositiv bleibt auf hoher Stufe. Castaner warnt vor Nachahmern. Auch wenn es niemand offen sagt, befürchten die Behörden, dass sich psychisch labile und radikalisierte Gewalttäter wie C. durch die gespannte Lage im Land anstecken lassen könnten. Die seit Wochen dauernden Proteste der Gelbwesten und die Bilder von Chaos und Anarchie an den Samstagsdemonstrationen sorgen in Frankreich für eine gespannte Atmosphäre.

Solche sozialpolitischen Fieberschübe kennt das Land seit der grossen Revolutionen von 1789. Sie gefährden zwar nicht die Republik selbst – gehören sie doch fast zu ihren eigenen Ausdrucksarten –, aber sie versetzen die Nation und deren Bürger in einen Zustand kollektiver Erhitzung, die nach Ventilen sucht. Und die durchaus auch Self­made-Dschihadisten wie C. auf den Plan rufen können.

Die Gelbwesten haben mit ihnen natürlich nichts zu tun. Dennoch ruft die Regierung die Protestierenden seit dem Strassburger Attentat zu «vernünftigem Handeln» auf. Die Mehrheit der «Gilets jaunes» hält aber an neuen Protestaktionen fest – dem fünften Akt, wie sie ihn auf Internet nennen. In Paris werde der genaue Treffpunkt bis um 9 Uhr morgens bekannt gegeben, erklärte Eric Drouet, ein Exponent der Gelbwesten. Er wirft der Regierung unverblümt vor, das Strassburger Attentat für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Neue Komplotttheorien, die Behörden hätten das Ende des Attentäters in Szene gesetzt, blühten in den sozialen Medien. Sie zeugen nicht von der Intelligenz ihrer Autoren, die das Offensichtliche übersehen: Die Regierung verfolgt durchaus eine Taktik, allerdings nicht mit Fake News, sondern mit dem Versuch, die Gelbwesten wie schon früher die Gegner der Arbeitsmarkt- und der Eisenbahnreform zu spalten. Darauf zielten am Montag die finanziellen Konzessionen von Präsident Emmanuel Macron ab – und das bezwecken auch die Regierungsappelle, an diesem Wochenende Ruhe zu bewahren.

Polizei vor schwierigem Wochenende

Gemässigte «Gilets jaunes» sind durchaus bereit dazu. Die Pionierin Jacline Mouraud ist für eine Pause. Und ihr Mitstreiter Benjamin Cauchy meint: «Wir wollten immer vermeiden, dass sich uns Schläger anschliessen. Das gilt mehr denn je. Lassen wir die Ordnungskräfte ihre Arbeit machen.» Die Polizei ist gemäss ihrem Berufsvertreter Frédéric Lagache «erschöpft, gehetzt und überarbeitet». Seit Tagen muss sie sich auch mit der Protestbewegung der Mittelschüler herumschlagen, die gegen eine Maturareform antreten und sich ausdrücklich mit den Gelbwesten solidarisieren. Ähnlich wie die beiden radikaleren Gewerkschaften CGT und SUD: Sie gingen gestern für ähnliche Salärforderungen wie die «Gilets jaunes» selbst auf die Strasse, um sich von den Ereignissen nicht überrollen zu lassen.

Die Polizei markierte auch dabei Präsenz. An der heutigen Samstagsdemonstration muss die Gendarmerie wieder mehrere tausend Reservisten aufbieten. Ob Frankreich danach wieder zur Ruhe kommen wird, vermag derzeit niemand zu sagen.

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