Reportage
Russische Wochen auf der Krim: Sogar ukrainische Küche ist nicht mehr gefragt

Die Bewohner der Schwarzmeer-Insel wollen nichts mehr von der Ukraine wissen. Sogar die ukrainischen Fernsehkanäle wurden abgestellt. Mit Russland wird alles besser, glauben sie.

André Ballin, Simferopol
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Sie wollen zu Russland gehören: Einwohner in Sewastopol hängen die russische Flagge aus dem Fenster.

Sie wollen zu Russland gehören: Einwohner in Sewastopol hängen die russische Flagge aus dem Fenster.

Keystone

Ukrainisch ist out auf der Krim. Selbst die ukrainische Küche ist derzeit wenig gefragt: «Seit zwei bis drei Wochen herrscht Flaute bei uns», bekennt Leonid, Kellner im «Knjascha Wticha», einem ukrainischen Restaurant im Zentrum Simferopols. Im April soll die Saison losgehen, doch viele Hoteliers und Restaurantbesitzer befürchten aufgrund der politisch instabilen Lage einen Einbruch bei den Besucherzahlen.

Die Gebietsregierung beschwichtigt: Der Beitritt der Krim zu Russland werde der Halbinsel Millionen neuer Touristen sichern, verspricht sie. «Der Ruhm der Kurorte auf der Krim ist in den Augen der Russen mit den Jahren noch nicht verblasst», lautet einer der Werbeslogans für das Referendum, die der von der Gebietsverwaltung kontrollierte Regionalsender «Krim» mehrmals stündlich ausstrahlt.

Überhaupt soll mit Russland alles besser werden. Das verheissen die riesigen Reklameschilder am Strassenrand in Simferopol ebenso wie die an zahlreichen Ständen in der Stadt verteilten Agitationsbroschüren. Offiziell haben die Bürger zwei Möglichkeiten zur Auswahl beim Referendum: Sie können sich für den Übertritt zu Russland oder für den Verbleib bei der Ukraine entscheiden. Wladimir Konstantinow, der Vorsitzende des Regionalparlaments - noch in guter Sowjetmanier Oberster Sowjet geheissen - erklärt schon jetzt, dass die Krim nicht mehr zur Ukraine zurückkehren werde. Die Bewohner hätten ihre Wahl getroffen und würden ihren Weg gehen, sagt er zwei Tage vor dem Referendum.

Nirgends auf der Krim ist denn auch Werbung für den Verbleib in der Ukraine zu sehen. «Es hat sich ja niemand darum beworben, so eine Werbung zu machen», sagt Premier Sergej Aksjonow lakonisch. Das sei keine Frage an ihn, gibt er dem wissbegierigen Journalisten zu verstehen.

Nicht fragen darf man ihn wohl auch, warum die ukrainischen Fernsehkanäle auf der Krim abgeschaltet wurden. Das hat schliesslich schon sein Stellvertreter Rustam Temirgalijew mit der «Gehirnwäsche», die dort betrieben werde, begründet. Und so strahlen nun die russischen Sender als einzige ihre Wahrheit auf der Krim aus.

Immerhin: Aksjonow stellt sich der ausländischen Presse. Der 41-Jährige ist ein Mann mit dubioser Vergangenheit, aber auch mit einem grossen Redetalent. Die Fragen der keineswegs loyalen Journalisten im Pressezentrum von Simferopol pariert der 41-Jährige elegant. Die Krim habe das Recht, selbst ihren Weg zu bestimmen, sagt er.
Der Westen habe das Recht, das nicht anzuerkennen, «aber das wäre ein dummer Schritt» - schliesslich habe er selbst mit dem Kosovo einen Präzedenzfall geschaffen.

«Doppelstandards» ist ein oft wiederholtes Schlagwort, wenn es um die Rechtmässigkeit des Referendums geht. Das Vorhandensein russischer Soldaten auf der Krim und das Verschwinden ukrainischer Aktivisten - das alles lässt Aksjonow an sich abprallen: Auf der Krim seien alle willkommen, solange sie sich ans Gesetz hielten, versichert er.

Die Frauen am Tresen der Hotelbar sind begeistert. «Wir sind sehr zufrieden mit Aksjonow», sagt Lilia, die etwa 50-jährige Küchenhilfe. «So soll ein Präsident reden - und nicht von einer Liste ablesen.» Präsident wird Aksjonow wohl nicht werden. Seiner Schätzung nach wird die Krim innerhalb eines Jahres ein Teil Russlands sein. Die Ukraine habe es in über 20 Jahren nicht geschafft, der einstigen «Schwarzmeerperle» der Sowjetunion zum Glanz zu verhelfen.

Die Unzufriedenheit der Bürger mit der Zentralregierung in Kiew gärt schon lang. Geld zur Instandhaltung der Infrastruktur von Verkehr und Tourismus, geschweige denn für seine Entwicklung fehlt seit Jahren in der Staatskasse. Stattdessen quälen Korruption, Kriminalität und Behördenwillkür die Menschen. Unter Russland, so meinen sie, wird alles besser werden.

Hinzu kommt die Frage der ethnischen Zugehörigkeit. Viele Menschen auf der Krim haben russische Wurzeln: «Uns hat niemand gefragt, ob wir zur Ukraine wollen. Wir haben uns nie als Ukrainer, sondern immer als Krimer gefühlt», sagt Michail. Der 43-jährige Taxifahrer wurde in Simferopol geboren, doch seine Eltern stammen aus der russischen Provinz, wo er bis heute Verwandte hat. Im damaligen Leningrad sei er auf die Marineschule gegangen, erzählt er.

Dieser Hintergrund - Russe und Bezug zum Militär - ist vielen Bewohnern der Krim eigen. Umso schärfer reagierten sie auf die Revolte in Kiew und das anschliessend in der Kiewer Rada beschlossene (aber durch Präsidentenveto abgelehnte) Sprachengesetz, das dem Russischen den Status einer regionalen Amtssprache entzogen hätte. Zumal die Bewohner auf der Krim dank geschickter Propaganda davon überzeugt sind, dass Kiew vorhabe, Russisch vollständig zu verbieten.

Die Mehrheit für einen Beitritt zu Russland scheint daher gewiss, auch wenn die Krimtataren sich mit Händen und Füssen dagegen wehren. Wegen Kollaboration mit den Nazis wurde 1944 kollektiv das ganze Volk bestraft und auf Anweisung von Stalin nach Zentralasien deportiert. Viele überlebten den Transport nicht. Erst Ende der 1980er-Jahre durften sie sich wieder auf der Krim ansiedeln.

Bis heute verbinden sie das ihnen geschehene Unrecht mit Moskau und wollen daher nicht unter die Fuchtel des Kremls zurück.

Der Widerstand der Krimtataren und Kiews, das den Verlust seines Territoriums nicht anerkennen wird, macht vielen Bewohnern auf der Krim Sorge. Ganz bewusst werden auch Gerüchte über einen angeblich geplanten und bevorstehenden Einmarsch ukrainischer Truppen lanciert. Die Bilder von Massenschlägereien in Donezk oder Charkow tragen zusätzlich zur Unruhe bei. «Das Wichtigste ist, dass es friedlich bleibt», sagt Michail daher fast beschwörend und setzt dabei wie die meisten auf die Stärke der russischen Truppen.

Leonid sieht die Sache gelassener: «Einen Krieg wird es nicht geben, nur wann Frieden geschlossen wird, steht noch in den Sternen», sagt er. Solange es diesen Frieden nicht gibt, wird der flachsblonde Russe in ukrainischer Nationaltracht viel Zeit zum Philosophieren haben. Er würde aber wohl lieber etwas mehr Trinkgeld als Kellner verdienen.