Russischer frühling
Nawalny-Proteste: Die Demonstranten klatschen im Takt der Schlagstöcke

Das Drohszenario des russischen Staates hat funktioniert: Am Sonntag protestierten weniger Menschen für die Freilassung von Alexej Nawalny als noch vergangene Woche. In Moskau herrscht eine bizarre Atmosphäre.

Inna Hartwich aus Moskau
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Aufstand der Schwachen: Viele Russen haben genug vom System Putin. Nicht einmal die brutalen Polizeitrupps können sie noch abschrecken.

Aufstand der Schwachen: Viele Russen haben genug vom System Putin. Nicht einmal die brutalen Polizeitrupps können sie noch abschrecken.

Anatolij Medved/NurPhoto

Das Team um den inhaftierten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny hatte sich für die jüngste Protestaktion einen symbolträchtigen Ort ausgewählt: Die Moskauer Unterstützer des russischen Oppositionspolitikers sollten direkt zur Zentrale des Russischen Inlandgeheimdienstes FSB kommen, nicht weit vom Kreml, um die Freilassung ihres Idols zu fordern. Seit seiner Rückkehr nach Russland vor zwei Wochen sitzt Nawalny in Haft. Die Protestaktion sollte ein Test sein: Wir, die Angstlosen, gegen euch, die Ängstlichen.

Doch der Test funktionierte nicht wie gewünscht. «Die Ängstlichen», wie die Regimekritiker die Machthaber in Moskau bezeichnen, reagierten prompt. Noch am Abend vor der geplanten Protestaktion hatten sie die zentralen Strassen mit Metallgittern absperren lassen und auf allen Kanälen mitgeteilt, das Zentrum sei zu, für Fussgänger, Autofahrer, Cafébesucher.

Polizisten der Sondereinheit OMON transportieren in Moskau einen Demonstranten ab.

Polizisten der Sondereinheit OMON transportieren in Moskau einen Demonstranten ab.

AP

Und so fängt an diesem Moskauer Sonntagmittag ein kräftemessendes und kräftezehrendes Katz-und-Maus-Spiel an: Die Lubjanka, das Geheimdienstgebäude, ist umstellt, mit Polizeiwagen, mit Linienbussen, mit Schneeräumfahrzeugen. Hunderte von Polizisten stehen in einigen Metern Abstand zueinander hinter den Metallzäunen, die den Platz umschliessen. Nichts wird aus der Protestaktion im Herzen der Hauptstadt.

Katz-und-Maus-Spiel quer durch Moskau

«Neuer Treffpunkt: Metro Sucharewskaja», teilt das Nawalny-Team kurz darauf mit. Es sind 20 Minuten zu Fuss in Richtung Norden. 20 Minuten, die auch der Polizei reichen, um sich neu zu formieren. An der Metrostation Sucharewskaja stehen mehrere Trupps aus jeweils fünf Polizisten vor den Gefangenentransportern, schauen suchend in die Menge der Umherstehenden, stürmen plötzlich los und führen kurz später jemanden in den Transporter.

Die Verhafteten sind zum teil sehr jung.

Die Verhafteten sind zum teil sehr jung.

EPA

Es wirkt wie eine konzertierte Festnahme-Aktion in bizarrer Atmosphäre. Kaum ist die eine Metrostation geschlossen, kaum ein Platz von der Polizei umstellt, ziehen die Protestierenden zum nächsten grösseren Platz. Ist auch dieser umstellt, geht es zum nächsten – bis hin zur «Matrosenstille», dem Untersuchungsgefängnis, in dem Nawalny einsitzt. Die Polizeiwagen rasen dem Protestzug mit Sirenen hinterher. «Ich habe nichts gemacht, ich stand hier nur mit meiner Freundin herum», versucht sich ein Mann an der Metro Sucharewskaja zu erklären. Die Frau neben ihm bettelt: «Ich lasse ihn nicht gehen, nirgendwohin.» Die Polizisten in Vollmontur zerren auch sie in den Transporter. Ein Polizist schreit: «Wir müssen den Platz hier säubern.» Georgi Paramsin geht zwei Schritte nach hinten.

«Ich habe Angst, dass die mich auch festnehmen. Überhaupt habe ich Angst davor, geschlagen und getreten zu werden und im Gefängnis zu landen. Aber was bleibt uns denn noch, ausser auf die Strasse zu gehen, ausser immer wieder zu kommen und zu zeigen: Hallo, ihr da im Kreml, uns gibt es wirklich, wir sind nicht so glücklich mit der Herrschaft, die ihr euch da aufgebaut habt?»

Die Proteste in den 1990ern waren für nichts

Der 25-jährige Designer nimmt immer wieder an Strassenprotesten teil. Genauso wie das Ehepaar Birjukow, das nicht weit vor der Kolonne der Nationalgarde am Moskauer Gartenring steht. «In den 90ern gingen wir schon raus. Da dachten wir, unser Land wir ein besseres, freieres. Die Kinder waren da gerade auf die Welt gekommen. Nun sind sie 30, und wo leben sie? In einem Polizeistaat. Wir brauchen ein politisches System, in dem Machtwechsel möglich sind, deshalb gehen wir hier ,spazieren’», sagt die 57-jährige Schanna Birjukowa, ihr Mann Andrej nickt.

Er sitzt seit seiner Rückkehr nach Russland am 18. Januar in Haft: der 44-jährige Oppositionspolitiker Alexej Nawalny.

Er sitzt seit seiner Rückkehr nach Russland am 18. Januar in Haft: der 44-jährige Oppositionspolitiker Alexej Nawalny.

AP

Doch «Spazierengehen» ist nicht erlaubt in Moskau, wie auch in anderen Städten quer durchs Land nicht. «Achtung an alle, die hier sind: Wenn Sie hier bleiben, verletzen Sie das Gesetz», läuft es in Dauerschleife aus einem Moskauer Polizeibus. «Wir sorgen für Ihre Sicherheit. Meiden Sie Provokationen anderer Teilnehmer und Aufrufe zu illegalen Aktionen. Schonen Sie sich», hallt es durch den Schnee.

In Sankt Petersburg schlagen Polizisten in Vollmontur im Takt auf ihre Metallschilder, ein dröhnender Tanz an Machtdemonstration. Die Protestierenden antworten mit Klatschen im selben Takt. In Wladiwostok nehmen sich die Protestierenden für einen Reigen auf dem Eis der Amurbucht an die Hände. Bereits am Nachmittag sind russlandweit mehr als 3000 Menschen festgenommen, meldet das unabhängige Portal OWD-Info, allein in Moskau sollen es über 900 sein.

Eltern müssen Rektoren über die Wochenendaktivitäten der Kinder informieren

Der Staat wertet bereits den reinen Aufenthalt auf der Strasse als «illegal» und spricht von «Massenunruhen». Etliche Verfahren laufen: gegen Organisatoren der Proteste quer durchs Land genauso wie gegen deren Teilnehmer. Das Kurioseste: der «sanitär-epidemiologische Regelverstoss». Der Straftatbestand war im Frühjahr 2020 unter dem Eindruck der Coronapandemie verschärft worden. Die Regel wird inzwischen vor allem dazu missbraucht, unliebsame politische Protestler wegzusperren. Die wichtigsten Mitarbeiter Nawalnys und auch sein Bruder Oleg sitzen deswegen bereits in Haft oder unter Hausarrest.

In St. Petersburg versuchen Polizisten, die Demonstranten zu stoppen.

In St. Petersburg versuchen Polizisten, die Demonstranten zu stoppen.

EPA

Journalisten werden eingeschüchtert, in dem sie auf offener Strasse festgenommen werden, wie der Chefredakteur Sergej Smirnow vom unabhängigen Medienprojekt «Mediazona». Studenten fliegen von der Universität, weil sie sich «illegal an politischen Aktionen» beteiligen, wie die Rektoren mitteilen. In manchen Schulen müssen Eltern an die Direktoren Bericht erstatten, womit sich ihre Kinder denn am Wochenende beschäftigt hätten. Dennoch weichen die Russinnen und Russen nicht. Sie laufen durch die Strassen, sie schreien «Freiheit für Nawalny», sie stellen sich der Spezialpolizei OMON in den Weg. Sie sind oft hilflos, aber nicht machtlos.