RUSSLAND: Ein Koffer mit zwei Millionen in bar und ein Korb mit Wurst

Der Korruptionsprozess gegen Exwirtschaftsminister Alexei Uljukajew offenbart Details über die schlicht-herzlichen Umgangsformen der russischen Elite auch in korrupten Momenten.

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Der frühere russische Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew wirft zu Beginn seines Korruptionsprozesses dem Inlandsgeheimdienst und einem Vertrauen Putins vor, einen Komplott gegen ihn eingefädelt zu haben. (Bild: KEYSTONE/EPA/MAXIM SHIPENKOV)

Der frühere russische Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew wirft zu Beginn seines Korruptionsprozesses dem Inlandsgeheimdienst und einem Vertrauen Putins vor, einen Komplott gegen ihn eingefädelt zu haben. (Bild: KEYSTONE/EPA/MAXIM SHIPENKOV)

In Moskau läuft der Korruptionsprozess gegen Alexei

, den ehemaligen Wirtschaftsminister Russlands. Der inzwischen abgesetzte Wirtschaftsminister war am Abend des 14. November 2016 vor dem Rosneft-Gebäude festgenommen worden. Beamte des Inlandsgeheimdienstes FSB stellten dabei einen Aktenkoffer voller Hundert-Dollar-Noten sicher, mit Uljukajews Fingerspuren. Den Koffer hatte ihm zuvor Igor Setschin, Chef des grössten russischen Ölkonzerns Rosneft, persönlich übergeben, in Absprache mit dem FSB, vor mitlaufenden Abhörgeräten. Laut Staatsanwaltschaft, laut Firmensprecher, laut Setschin selbst hatte der Minister die 2 Millionen Dollar von ihm verlangt, damit seine Behörde grünes Licht für den Verkauf der Ölfirma Baschneft an Rosneft erteile. Der Baschneft-Deal ging im Oktober für umgerechnet knapp 5,7 Milliarden Franken über die Bühne. Der Angeklagte aber beteuert seine Unschuld, redet von einer «schmierigen Provokation» Setschins. Der bezeichnet Uljukajew als Kriminellen.

Die Öffentlichkeit ist gespalten

Moskaus Öffentlichkeit hat sich gespalten: Die einen freuen sich, dass endlich ein korrupter Topfunktionär in flagranti ertappt wurde. Die anderen zweifeln an Uljukajews Schuld: Setschin sei der engste Vertraute Wladimir Putins und der zweitmächtigste Mann im Land. Ihn zu erpressen, stelle auch für einen Minister eine selbstmörderische Tollkühnheit dar. Und bei einem Fünf-Milliarden-Deal seien 2 Millionen Dollar nur ein Trinkgeld.

Aber alle spekulieren, warum Setschin Uljukajew ans Messer lieferte. Vielleicht, weil er dessen Chef, Premier Dmitri Medwedew, den vielleicht drittmächtigsten Russen, nicht leiden kann? So oder so, Uljukajew hat 15 bis 20 Kilogramm Schmiergeld von Se­tschin in Empfang genommen und eigenhändig im Kofferraum seines Dienstwagens verstaut.

Erpresser und Erpresster trinken Tee und plaudern

Vorher entschuldigt sich Se­tschin, dass sich «die Ausführung des Auftrags» verzögert hat. «Aber langer Rede kurzer Sinn, wir haben den Betrag zusammen», so Setschin. «Da, nimm, leg es weg, lass uns Tee trinken gehen.» Danach sitzen Erpresser und Erpresster noch eine Viertelstunde beim Tee, plaudern über den Weltölmarkt, Setschin spricht Uljukajew mit der Koseform von dessen Vornamen an: «Ljoscha». Er jammert über zu hohe Steuern, Ljoscha pflichtet ihm bei. Und beide ereifern sich, die Japaner taugten als mögliche Investoren bei Rosneft viel mehr als Chinesen oder Inder. «Bei denen kommt nie Synergie raus», so Setschin leutselig.

«Sie redeten miteinander wie alte gute Freunde», staunt die Zeitung «Kommersant». Und wie Leute, die sich auch in solch heiklen Geschäftsmomenten richtig wohl fühlen. Vor allem Setschin. Überhaupt könne man Russlands wirtschaftlich-politische Elite nur beneiden um ihren herzhaft-schlichten Umgangston. Am Ende stehen der Minister und sein Feind wieder draussen auf der Strasse. «Und das Körbchen?» fragt Uljukajew. «Ja, nimm das Körbchen», antwortet Setschin. Uljukajew murmelt etwas, Setschin sagt: «Das war’s, tschüss, danke dir schön!» Wenige Augenblicke später bauen sich FSB-Beamte vor Uljukajews Limousine auf, er wird festgenommen. Mit Geldkoffer und einem Korb voller Wurst, in dem sich auch eine Flasche Wein finden wird. Als hätte sich Setschin schon über das leibliche Wohl des Ministers in U-Haft gesorgt.

Stefan Scholl, Moskau