RUSSLAND: Kalaschnikow-Statue droht zur Spottfigur zu werden

Ein Denkmal des Kalaschnikow-Erfinders soll Russlands neues Kriegertum verkörpern – auch wenn ihm droht, zur Spottfigur zu werden.

Stefan Scholl, Moskau
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Die Enthüllungszeremonie der Kalaschnikow-Statue in Moskau. (Bild: Sergei Ilnitsky/EPA (19. September 2017))

Die Enthüllungszeremonie der Kalaschnikow-Statue in Moskau. (Bild: Sergei Ilnitsky/EPA (19. September 2017))

Stefan Scholl, Moskau

Liberale und Ästheten graulen sich. «Warum solch eine hässliche Skulptur», schimpft der Rockmusikant Andrei Makarewitsch auf Facebook. «Warum verschandeln wir unsere Stadt?» Makarewitsch meint einen stämmigen Bronzemann auf einem Marmorsockel, er hält ein Gewehr und blickt über die Dauerstaus auf dem Moskauer Gartenring hinweg: Moskaus neues Denkmal für Michail Kalaschnikow, den Erfinder des weltberühmten Kalaschnikow-Sturmgewehrs.

Über den künstlerischen und moralischen Wert der Statue wird seit Wochen gestritten. Aber richtig laut wurde der Streit erst, als Blogger auf dem Monument den Bauplan einer Schmeisser-Maschinenpistole der Wehrmacht entdeckten. Und es folgte Hohngelächter, als die Arbeiter, die das frevelhafte Beiwerk wegfeilen wollten, von übereifrigen Polizisten als Denkmalschänder festgenommen wurden. Der 5-Meter-Kalaschnikow soll Russlands neues Kriegertum verkörpern – auch wenn ihm dabei droht, zur Spottfigur zu werden.

Schöpfer war nicht stolz auf sein Werk

Kulturminister Wladimir Medinski erklärte bei der Enthüllung des Denkmals, das Kalaschnikow-Sturmgewehr sei ein «kulturelles Markenzeichen» Russlands. Tatsächlich hat es das Schiesseisen bis auf die Staatsfahnen Mosambiks oder Osttimors gebracht, auch aufs Wappen der kolumbianischen Farc-Guerilleros. Die äusserst einfache und robuste Feuerwaffe wird in über 30 Staaten hergestellt, 2007 waren laut Weltbank 75 Millionen Kalaschnikows im Umlauf.

Und Salawat Schtscherbakow, der Schöpfer des Denkmals, postierte hinter seiner Statue noch einen Globus und einen drachentötenden Georg. Seine simple Botschaft: Auf der Erde tobt ewiger Kampf zwischen Gut und Böse, und die Kalaschnikow ist die Lanze des Heiligen. Allerdings haben sich längst auch afrikanische Kindersoldaten mit dem Gewehr bewaffnet, mittelamerikanische Drogenbanden und die Terroristen des Islamischen Staates. Die Opfer der Kalaschnikow werden auf über eine Million Menschen geschätzt.

«Eine Hässlichkeit», sagt der Kunstkritiker Andrei Jerofejew unserer Zeitung über das Denkmal, «die offen den Waffenkult zeigt, der in Russland herrscht.» Die Oppositionszeitung «Nowaja Gaseta» aber schreibt, Michail Kalaschnikow sei zu Lebzeiten nicht wirklich stolz auf sein Bestseller-Gewehr gewesen. Und habe erklärt, er wäre lieber als Erfinder eines Rasenmähers berühmt geworden. Russlands Mainstream aber kultiviert nach Kräften Kriegertum. Auf Billboards und T-Shirts feiert man vaterländische Waffensysteme, etwa Iskander-Mittelstreckenraketen: «Iskander haben keine Angst vor Sanktionen.»

Das Verteidigungsministerium veranstaltet Panzer-Triathlons, in einem riesigen «Patrioten-Park» vor den Toren Moskaus trainieren Schulkinder der «Jungarmee» den Nahkampf. «Wir verknüpfen die Stärken unserer Vergangenheit meist mit dem Krieg», schreibt die Internetzeitung gazeta.ru. «Und es scheint, als seien wir irgendwo im 19. Jahrhundert stecken geblieben.» Laut Kunstkritiker Jerofejew gehört Schtscherbakows Kalaschnikow-Statue zur Bildhauerei der Sowjetzeit. Kunstwerke hatten damals volkstümlich, kämpfer- und sieghaft zu sein.

Kalaschnikow wurde in der Sowjetunion als technisches Genie gefeiert. Diesen Ruf wollte Schtscherbakow offenbar weiter zementieren. Aber peinlich, dass dabei ausgerechnet der Schmeisser-Bauplan mit auf das Denkmal geriet. Nicht nur weil der Ingenieur Hans Schmeisser für die Nazi-Armeen arbeitete. Sondern weil er dabei 1943 auch das erste automatische Sturmgewehr entwickelte. Und weil Schmeisser nach 1945 von den Sowjets zwangsverpflichtet wurde und in derselben Fabrik wie Kalaschnikow arbeitete. Bis heute streiten die Experten, welchen Anteil Schmeisser an Kalaschnikows Welterfolg gehabt hat.

Die Moskauer aber diskutieren, ob jemand absichtlich die Schmeisser-Technik auf das Denkmal gemeisselt hat. Jerofejew glaubt das nicht: Wie die Chefbildhauer der späten Sowjetunion habe Schtscherbakow junge Hilfskünstler die Arbeit machen lassen. «Die verdienen auch heute schlecht und schlampen deshalb», erklärt er. Russland marschiert zurück in eine Vergangenheit, an deren Heroismus der Pfusch nagt.