RUSSLAND: Kirchenstreit wird immer lauter

Seit Sowjetzeiten wird die Petersburger Isaakskathedrale als Museum genutzt. In die Debatte um die Rückgabe des Bauwerks an die russisch-orthodoxe Kirche mischen sich weitere Parteien ein. Auch innerhalb der orthodoxen Kirche mehren sich die Zweifel.

Stefan Scholl, Moskau
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Gottesdienst in der Isaakskathedrale: Die Gläubigen versammelten sich, um den Wechsel der Kathedrale an die russisch-orthodoxe Kirche zu unterstützen. Bild: Anatoly Maltsev/EPA (St. Petersburg, 12. Februar 2017) (Bild: Anatoly Maltsev/EPA (St. Petersburg, 12. Februar 2017))

Gottesdienst in der Isaakskathedrale: Die Gläubigen versammelten sich, um den Wechsel der Kathedrale an die russisch-orthodoxe Kirche zu unterstützen. Bild: Anatoly Maltsev/EPA (St. Petersburg, 12. Februar 2017) (Bild: Anatoly Maltsev/EPA (St. Petersburg, 12. Februar 2017))

Stefan Scholl, Moskau

Auch um Kirchen kann schmutzig gestritten werden. «Die Christen haben überlebt, obwohl die Vorfahren Boris Lasarewitschs Wischnewskis und Maxim Lwowitschs Resniks uns auf offenem Feuer gekocht und den wilden Tieren zum Frass vorgeworfen haben», schimpfte der Duma-Abgeordnete Witali Milonow über zwei jüdisch-stämmige Lokalparlamentarier, die die Gegenseite anführen. Milonow hatte am Sonntag etwa 500 Gläubige zu einer Prozession vor der Isaakskathedrale versammelt, um die Übergabe des grössten Sankt Petersburger Gotteshauses an die russisch-orthodoxe Kirche zu unterstützen. Wenige Stunden später kamen etwa 2000 Gegner des Vorhabens und schlossen einen lebendigen Ring um die Kathedrale, um sie symbolisch zu beschützen.

Mitte Januar hatte Georgi Poltawtschenko, der Gouverneur von Sankt Petersburg, die Entscheidung verkündet, die Stadt werde die Isaakskathedrale der Kirche überlassen. Damit entsprach er wiederholten Bitten des russisch-orthodoxen Erzbischofs von Sankt Petersburg. Seit Sowjetzeiten war das spätklassizistische Bauwerk als Museum genutzt worden, zwischenzeitlich auch als «Museum des Atheismus». Die zweitgrösste Kuppelkirche Europas gilt als eines der wichtigsten Baudenkmäler Russlands. Nun will Poltawtschenko für 49 Jahre kostenfrei das Nutzungsrecht für die Kathedrale der Kirche überlassen, der Staat soll sie weiter in Stand halten.

Gegner: 158 Arbeitsplätze sind gefährdet

Die Petersburger Öffentlichkeit reagierte heftig. Museumsdirektoren, liberale Lokalpolitiker und zahlreiche Vertreter der örtlichen Intelligenz protestierten: Die Übergabe der Kathedrale an die Kirche bedeute wohl auch die Schliessung des Museums, 158 Arbeitsplätze seien gefährdet.

Vor allem aber zweifeln die Gegner das moralische Recht der Kirche an, die Kontrolle über die Kathedrale zu übernehmen. Viele Russen werfen der Führung der orthodoxen Kirche zu enge Anlehnung an den Staat und übertriebenen Luxus vor. Die russisch-orthodoxe Kirche verhalte sich inzwischen wie ein Monopolist, schreibt Maxim Bujew, Wirtschaftswissenschaftler der liberalen Europäischen Universität in Petersburg, das gelte auch für die Isaakskathedrale. «Die Gesellschaft erhält kein neues Produkt, der Monopolist aber neue Einnahmequellen. Und er verlangt auch noch Finanzhilfen zur Unterhaltung der Gebäudes.» Über 210 000 Menschen haben inzwischen eine Internet-Petition gegen die Übergabe unterschrieben, auch innerhalb der orthodoxen Kirche regt sich Widerstand. «Unsere Kirche hat sich in den letzten 25 Jahren das Renommee eines Geschäftemachers erworben», sagt der Moskauer Diakon Andrei Kurajew. «Die Übergabe der Kathedrale erinnert sehr an gewisse Privatisierungen unter Jelzin: Die Regierung überliess ihren Favoriten Fabriken, die dann die erwirtschafteten Gewinne einstrichen, während der Staat für ihre Verluste aufkam.» Dabei gäbe es bereits täglich Gottesdienste in der Kathedrale. Für die wenigen Gläubigen, die diese besuchten, ändere sich nichts. Tatsächlich erklärte ein Vertreter des Petersburger Erzbistums der Regierungszeitung «Rossijskaja Gaseta» schon, Reisebüros, die Exkursionen in die Kathedrale organisieren, sollten künftig der Kirche Prozente zahlen. Aber es gibt auch in Petersburg Prominente, die sich für die Übergabe aussprechen. «Ein Gotteshaus ist vor allem dazu da, um darin zu beten», sagt der Schauspieler Oleg Basilaschwili. Aktuell kostet der Eintritt in das Gebäude umgerechnet fast 4 Euro, die Kirche will diesen Eintrittspreis streichen und nur 2.50 Euro für die Begehung der Kuppelbalustrade verlangen. «In westlichen Kathedralen kommt auch jeder umsonst herein, der beten will», sagt der pensionierte Polizeioffizier Alek­sei Smirnow. «Auch Bettler sollten die Möglichkeit haben, die Isaakskathedrale zu betreten.»

Der Streit um das Bauwerk tobt weiter. Der oppositionelle Stadtrat Boris Wischnewski bemühte auf Facebook Darwin, um Milonows antisemitische Entgleisung zu kontern: Darwin habe wohl mit seiner Evolutionstheorie Recht, dass der Mensch vom Affen abstamme. «Und es gibt verschiedene Affen, mit verschieden grosser Gehirnmasse.» Die Debatte hat sich verselbstständigt.