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RUSSLAND: Kritiker in den Tod getrieben

Ein Teenager ist wegen seiner Unterstützung für die Ukraine massiv gemobbt worden. Am Samstag starb er. Vieles deutet auf einen Selbstmord hin.
Weil er sich öffentlich gegen den Kreml stellte, erlebte Wladimir Kolesnikow heftige Anfeindungen. (Bild: Twitter)

Weil er sich öffentlich gegen den Kreml stellte, erlebte Wladimir Kolesnikow heftige Anfeindungen. (Bild: Twitter)

Stefan Scholl, Moskau

Für die Staatsanwaltschaft der Region Samara ist der Fall klar: «Am Abend des 25. Dezember tranken zwei 18-Jährige alkoholische Getränke, einer der beiden konsumierte auch Psychopharmaka und Energydrinks», heisst es auf der Website der Behörde. Die Notärzte hätten ihn nicht mehr retten können.

Aber der so banal klingende Tablettentod des Berufsschülers Wladimir Kolesnikow hat in Russland heftige Debatten ausgelöst. Weil sehr viel dafür spricht, dass Kolesnikow Selbstmord begangen hat. Claire Bigg, Russlandreporterin von Radio Swoboda, veröffentlichte auf Twitter die letzten Worte, die ihr Kolesnikow gemailt hatte: «Wenn ich mich in den nächsten zwei bis sechs Tagen nicht melde, können Sie schreiben, ich sei gestorben. Ich habe eine tödliche Dosis genommen.» Auf ihre Anrufe antwortete er nicht mehr.

Nicht nur Radio Swoboda vermutet, Kolesnikow sei von seinen russischen Altersgenossen, von Verwandten, Staatsorganen und Medien regelrecht in den Selbstmord getrieben worden.

«Massive Propaganda»

Kolesnikow war das, was die Russen einen «weissen Raben» nennen. Ein Quertreiber. Als 17-Jähriger hatte er begonnen, öffentlich gegen die kriegerische Politik seines Landes gegenüber der Ukraine zu protestieren. In der Kochfachschule in Podolsk bei Moskau, wo er damals lernte, kam er in einem T-Shirt zum Unterricht, mit ukrainischer Fahne darauf und dem Spruch: «Gebt die Krim zurück!» Vor der Einberufungskommission im Wehrersatzamt schaltete er die ukrainische Nationalhymne ein und erklärte, er wolle nicht in der russischen Armee dienen. Mit einem Freund hisste er auf einem Hausdach ein Spruchband mit der Aufschrift «Scheiss-Krieg!».

«Putin und seine Bande Krimineller steuern dieses Land mit Hilfe massier Propaganda. Das ist meine subjektive Meinung», erklärte Kolesnikow gegenüber Journalisten. Deren Verlogenheit sei ihm erstmals beim Betrachten eines banalen Videos über das Leben einer amerikanischen Durchschnittsfamilie aufgefallen. Es habe völlig den russischen TV-Stereotypen vom Faschismus, von der Sex- und Geldbesessenheit der Amerikaner widersprochen.

Vom Grossvater beschimpft

Der Teenager wurde zum Helden russischer Liberaler und ukrainischer Patrioten, über 2000 Nutzer abonnierten seine Facebook-Seite. Aber im Alltag bekam er immer mehr Probleme. Mitschüler verprügelten ihn, die Polizei verhörte ihn zu Vandalismus im Treppenhaus und seinen politischen Ansichten. Der Grossvater, der in Podolsk wohnte, warf Kolesnikow aus dem Haus. Danach gab der Mann der staatlichen Massenzeitung «Komsomolskaja Prawda» ein Interview, in dem er sich beschwert, sein Enkel sei fresssüchtig, gewalttätig, Mormonen hätten ihn manipuliert, er lerne verdächtig eifrig Englisch. Das Blatt denunzierte Kolesnikow mit vollem Namen, Wohnort und Foto.

Danach hagelte es in Schiguljowsk, wo er jetzt bei seinem Vater wohnte, alltäglich Beschimpfungen, Tätlichkeiten und Morddrohungen von Mitschülern oder Passanten. Er wurde als «Schwuchtel» angefeindet. «Bei der Polizei kann ich mich nicht beschweren», klagte Kolesnikow immer verzweifelter. Ein Beamter habe ihm gesagt, er werde ihm selbst eins aufs Maul geben.

«In der Provinz mobben die Menschen Dissidenten viel heftiger als in Moskau», sagt der Menschenrechtler Lew Ponomarjow. «Der totalitäre Sowjetstaat ist weg, seine totalitäre Praxis geblieben.»

Viele russische Medien unterstützen die Mobber auch jetzt noch. Der Bursche habe in Interviews ständig Russland und Putin beschimpft, schreibt das Portal Njuinform. «Er wusste doch, dass die Schulkameraden diese Beleidigungen persönlich nehmen würden.» Schuld an seinem Tod seien liberale Oppositionelle und Auslandsmedien, die ihn zum Rebellieren ermuntert hätten.

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