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Russland predigt Endkampf in Syrien

Offizielle und Medien in Russland bereiten die Grossoffensive gegen die Rebellenregion Idlib mit Propagandabreitseiten vor. Der Westen warnt derweil vor einer humanitären Katastrophe.
Stefan Scholl, Moskau
Soldaten der Freien Syrischen Armee in ihrem Unterschlupf westlich der Stadt Idlib. (Bild: Ugur Can/Keystone (9. September 2018))

Soldaten der Freien Syrischen Armee in ihrem Unterschlupf westlich der Stadt Idlib. (Bild: Ugur Can/Keystone (9. September 2018))

Die Zahl der Verletzten und Toten sei noch unbekannt. Aber am Samstag hätten zwei amerikanische F-15-Kampfjets das syrische Dorf Hajin mit Phosphorbomben angegriffen, deren Einsatz laut Genfer Konvention verboten sei, verkündete am Sonntag Generalleutnant Wladimir Sawtschenko, Chef des russischen Befriedungszentrums in Syrien. Heftige Brände seien ausgebrochen. Ausserdem beklagte der Russe, die Rebellen hätten an den Grenzen der Deeskalationszone Idlib mehrere Ortschaften sowie die Aussenbezirke Aleppos unter Beschuss genommen und damit die Waffenruhe gebrochen.

Der Krieg in Syrien droht wieder zu eskalieren, und mit ihm die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen. Moskau antwortet auf amerikanische Warnungen, man werde im Falle neuer Giftgasangriffe durch die Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad militärisch eingreifen, mit massiver Gegenpropaganda. «Die USA verbrennen Syrien mit Napalm», titelt das nationalistische Portal Swobodnaja Pressa. «Und drohen mit einem Militärschlag gegen Russland.»

Russland spricht von einem «Drehbuch» für Angriffe

Russlands sprechende Köpfe, von Generalstabsvertretern bis zu Wladimir Putin, prophezeien seit Wochen, die Islamisten in Idlib bereiteten unter Einsatz chemischer Waffen Provokationen vor. Armeesprecher Igor Konaschenkow erklärte, dass sich in der Stadt Idlib am Freitag Vertreter der terroristischen Gruppierung Hayat Tahrir asch-Scham, anderer Rebellengruppen und der Zivilschutzgruppe «Weisshelme» getroffen hätten. Dort hätten sie ein «Drehbuch» für die Simulation von Giftgasangriffen auf vier Ortschaften vereinbart, die die «Weisshelme» dann als vermeintliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung filmen sollten. Zweck der Übung: Präsident Baschar al-Assad des Genozids zu beschuldigen. Laut Armeesprecher Generalmajor Igor Konaschenkow warten die Extremisten in Idlib nur auf «ein bestimmtes Signal der ausländischen Freunde der syrischen Revolution», um ihren Fake-Chemieangriff zu starten.

In der Region Idlib war es schon vorher wiederholt zum Einsatz von chemischen Kampfstoffen gekommen, der verheerendste Angriff traf im April 2017 die Stadt Chan Schaichun. Mediziner von «Ärzte ohne Grenzen» und die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) bestätigten später, die über 80 Todesopfer seien durch das Nervengift Sarin umgekommen. Russische Militärsprecher erklärten damals, ein syrischer Luftangriff hätte eine Giftstofffabrik der Terroristen getroffen. US-Präsident Donald Trump liess hinterher einen syrischen Militärflughafen mit Raketen beschiessen.

«Die Grossoffensive der syrischen Regierungstruppen gegen Idlib wird von Giftgas­attacken begleitet werden»

Nahostexperte Alexander Schumilin

Dieses Szenario droht sich zu wiederholen. «Die Grossoffensive der syrischen Regierungstruppen und ihrer Verbündeten gegen Idlib wird entweder von echten oder von inszenierten Giftgas­attacken begleitet werden», sagt der russische Nahostexperte Alexander Schumilin gegenüber unserer Zeitung. «Propagandistisch geht Russland auf Nummer sicher, indem es im Voraus vor Provokationen warnt.»

150000 Oppositionskrieger

Auch in Russland erwartet man, dass die Schlacht um die Region Idlib besonders heftig wird. Idlib gilt als letzte Bastion der sunnitischen Rebellen gegen Assad. Nach Einschätzung der Moskauer Denkfabrik Carnegie-Zentrum haben sich hier etwa 150000 Oppositionskrieger versammelt. Viele erhielten mit ihren Familien freien Abzug aus von Assad-Truppen eingekesselten Gebieten. Westliche Beobachter warnen vor einer humanitären Katastrophe, während man in Russland Endkampf predigt: «Das ist wie die Schlacht um Berlin», zitiert ein staatlicher TV-Sender den Oberst Igor Korotschenko: «Die letzte Stellung, dort wird der organisierte Widerstand gebrochen. Dazu wollen es die Amerikaner nicht kommen lassen.»

Die USA besitzen mit den von kurdischen Separatisten kontrollierten Gebieten im Nordosten Syriens allerdings noch eine ­weitere Einflusssphäre im Land. Trotzdem vermerkt Moskau besorgt das Auftauchen mit Tomahawk-Raketen bestückter US-Zerstörer und U-Boote im Mittelmeer. Und veranstaltete letzte Woche selbst ein Flottenmanöver mit 26 Kriegsschiffen vor der syrischen Küste. Allerdings glauben auch russische Fachleute, beide Seiten würden eine militärische Konfrontation vermeiden. «Wie bei den Raketenschlägen im April werden die USA keine Angriffe fliegen, die russische Staatsbürger treffen könnten», sagt der Militärexperte Viktor Litowkin.

Unterstützung von Türkei ist fraglich

Russland aber hat es in Idlib auch noch mit der Türkei zu tun. Obwohl der mit den USA heftig zerstrittene Nato-Staat in Syrien seit einiger Zeit gemeinsame ­Sache mit Moskau macht, gilt er noch immer als Schutzmacht der Sunniten im syrischen Nordwesten. Türkische Medien melden schon jetzt zivile Opfer durch russische Luftangriffe und befürchten eine neue Flüchtlingswelle. «Nur weiss niemand genau, wo die rote Linie der Türken liegt: bei einem neuen Chemiewaffenangriff oder bei Massenbombardements gegen die Zivilbevölkerung», sagt Nahostexperte Schumilin. Um sich gegen die von Russland unterstützte Offensive Assads zu wehren, bräuchten die Rebellen in Idlib dauerhafte taktische Luftunterstützung. Sehr fraglich, ob die Türkei oder der Westen sie ihnen leisten werden.

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