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RUSSLAND: Stiller Protest am Klavier im russischen Provinzstädtchen

Am 18. März wählen die Russen einen neuen Präsidenten. Im Provinzstädtchen Uglitsch gibt es fast ­keinen Wahlkampf – Moskau scheint ganz weit weg. Politische Offenheit ist hier jedoch erstaunlich alltäglich.
Stefan Scholl, Uglitsch
Larissa Cholmowskaja im Klavierzimmer der Musikschule Uglitsch. (Bild: Stefan Scholl (27. Februar 2018))

Larissa Cholmowskaja im Klavierzimmer der Musikschule Uglitsch. (Bild: Stefan Scholl (27. Februar 2018))

Stefan Scholl, Uglitsch

Die 15-jährige Xenia singt ein russisches Volkslied. Larissa, ihre Tante und Lehrerin, begleitet sie am Klavier. Das Holzparkett im Klavierzimmer der Musikschule haben die Jahre dunkel gefärbt, an blassen Blümchentapeten hängen alte Stiche: Bach, Tschaikowski, Mozart. Nur der Nawalny-Auf­kleber auf Larissas Handtasche indiziert, dass die Sowjetzeit Vergangenheit ist.

Uglitsch an der oberen Wolga ist 1081 Jahre alt – 110 Jahre älter als Moskau, drei Autostunden südwest­lich. «Eine patriarcha­lische Stadt», sagt Larissa Cholmowskaja. Die Klavierlehrerin ge­hört zu den seltenen Oppositionellen hier. Nichte Xenia aber lacht, im Russisch-Unterricht hätten sie gerade einen Aufsatz geschrieben: Welchen Präsidentschaftskandidaten würdest du wählen? «Ich habe über Alexei Nawalny geschrieben.» Der ­Korruptionsbekämpfer Nawalny wurde erst gar nicht zu den Wahlen zugelassen, ihren Lehrer störte das nicht: «Ich habe ein ‹Sehr gut› bekommen», freut sie sich.

Überlebenskampf ist für viele längst Alltag

Am 18. März wählt Russland seinen Präsidenten. Wladimir Putins Sieg gilt schon jetzt als sicher. Trotzdem fliegen bei den TV-Debatten in Moskau zwischen dem populistischen Kandidaten Wladimir Schirinowski und der Liberalen Xenia Sobtschak Schimpfwörter und Wasserbecher.

Amtsinhaber Putin verspricht eine Verdoppelung des Brutto­inlandsproduktes und atomgetriebene Raketen. In einem Dorf am Ural hat eine Lehrerin einer 13-Jährigen mit Gefängnis gedroht, weil sie bei einem Malwettbewerb statt Putin den kommunistischen Kandidaten Pawel Grudinin porträtierte. In Uglitsch aber lodern statt Wahlkampf 21 Grad Frost, die Passanten auf dem leeren Uspensker Platz an der Wolga ­eilen als vereinzelte Punkte durch weisses Nichts.

Die 32 000 Uglitscher reden durchaus über Politik. Im «Fa­milienfriseursalon Andersen» lackiert Chefin Swetlana Grosnowa der Zahnärztin Tatjana die Fingernägel. «Ich wähle Putin, er ist der mit Abstand vernünftigste Kan­didat», sagt Tatjana. Grudinin? «Auch nicht schlecht, aber den kenne ich zu wenig.» Swetlana hält es ebenfalls mit Putin: «Ich will nicht, dass das Chaos der 90er zurückkehrt. In Uglitsch gab es damals in den Lebensmittel­läden nur noch Meerkohl.»

Swetlana lernt eifrig Deutsch, konsumiert ausser dem Staatsfernsehen auch «Spiegel online». Eine Familie mit drei Kindern benötige in Uglitsch 150 000 Rubel (rund 2490 Franken), um gut zu leben, sagt sie. Aleksei Fedurjow, ehemaliger Stadtarchitekt und stellvertretender Sekretär des ­Rayon-Komitees der kommunistischen Partei KPRF, beziffert die Löhne hier auf 7000 bis 20 000 Rubel, 120 bis 330 Franken. Und Fedurjow sagt, er kenne jeden Uglitscher mit Vornamen. Die Uhrenfabrik, wo zu Sowjetzeiten über 10 000 Menschen arbeiteten, hat vor zwölf Jahren Bankrott gemacht. Der Schnee verbirgt die Schlaglöcher der Nebenstrassen kaum. Aus der Bauruine des nie zu Ende gebauten Tanzpalasts gähnen leere Fensterhöhlen. Andrei, Inhaber eines Autoersatzteil­ladens, sagt, die Behörden würden ihn in Ruhe lassen. «Die sind froh über jeden Kleinbetrieb, der sich noch über Wasser hält.»

Swetlana hofft, man könne die Fehler innerhalb des Systems korrigieren. Das Wichtigste sei ihr die Familie, sie wolle auf keinen Fall, dass ihre drei Jungs auf die Barrikaden gehen. Auch Larissa sagt, in Uglitsch drehe sich alles um die Familie. «Die Männer zerreissen sich, um Geld zu ver­dienen, ein Haus zu bauen.» Überlebenskampf sei für viele längst Alltag. «Das Volk schweigt, aber das Volk denkt.» Larissa versichert, immer mehr Leute wen­deten sich von Putin ab.

In Uglitsch redet man gern und viel, aber man schreit einander nicht an. Man bespritzt seine Opponenten nicht mit Chemikalien, und man hat keine Angst vor ausländischen Journalisten. Politische Offenheit und Duld­samkeit sind hier erstaunlich alltäglich – ein Phänomen, das sich auch in anderen russischen Kleinstädten beobachten lässt.

«Keiner möchte eine blutige Revolution»

Die Parkettdielen im Empfangsbüro der Partei Einiges Russland in Uglitsch sehen noch sehr sowjetisch aus. An den Wänden hängt spartanische Sachlichkeit: eine russische Fahne, zwei Landkarten, weisse Bären auf einem Kalender und auf dem Wappen der Partei. Kein Putin-Porträt. Am langen Versammlungstisch sitzt nur Michail Woronow, der Vorsitzende der Bezirksduma von Uglitsch. Warum man in der Stadt keine Putin-Plakate sieht? Der Wahlkampf finde im Fern­sehen statt, sagt Woronow. «Aufgabe der Partei ist es, möglichst viele Leute zum Wählen zu bewegen.» Die 70 Prozent Wahlbeteiligung, die als Ziel des Kremls gelten, seien hier durchaus real: «Mitte März sind die Leute noch nicht auf in ihren Gemüsebeeten, noch nicht zum Grillen im Grünen.»

Woronow hat gemeinsam mit Larissa Cholmowskaja, der Oppositionellen, die Musikschule absolviert. Und er erzählt, wie Larissa nach einer Protestaktion in Jaroslawl mit anderen Nawalny-Aktivisten festgenommen wurde, sich auf der Polizeistation an ein Klavier setzte und spielte. «Die Leute hier haben eine sanftere Einstellung zum politischen Kampf», erklärt Woronow. Larissa selbst sagt, sie habe am Klavier die Stimmung auf der Wache entspannen wollen. «Keiner in Russland möchte eine blutige Revolution.» Schönheit und Überzeugungskraft, hofft sie, werden die Wende im Land bringen.

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