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RUSSLAND: Wenn der Wahlkampf einem Zirkus gleicht

Der Kreml hat das Kandidatenfeld für die Präsidentschaftswahlen umgekrempelt. Star ist das It-Girl Xenia Sobtschak. Deren Kampagne bewegt sich zwischen Talk- und Castingshow – und ist auch traurige Zustandsbeschreibung der demokratischen Opposition.
Stefan Scholl, Moskau
Xenia Sobtschak gibt bei einer Pressekonferenz in Moskau ihre Präsidentschaftskandidatur bekannt. (Bild: Stanislav Krasilnikov/Getty (24. Oktober 2017))

Xenia Sobtschak gibt bei einer Pressekonferenz in Moskau ihre Präsidentschaftskandidatur bekannt. (Bild: Stanislav Krasilnikov/Getty (24. Oktober 2017))

Stefan Scholl, Moskau

«Wir haben internationale Verträge gebrochen, im Grunde sind wir über unseren kleinen Nachbarn hergefallen», ereifert sich Xenia Sobtschak. «Die Ukraine hat auf ihre Atomwaffen verzichtet im Vertrauen auf die Grossmacht, für die wir uns halten»: Es sind Provokationen, mit denen die russische Präsidentschaftskandidatin in den Vorwahlkampf schreitet.

«Warum erzählen Sie solche Räuberpistolen?», echauffiert sich demgegenüber Anatoli Kusitschew, Moderator der staatlichen Talkshow «Die Zeit wird es zeigen», «in der Ukraine hat es nie Atomwaffen gegeben!» Eine glatte Lüge. Aber Xenia übertönt ihn: «Darf ich ausreden? Haben wir 1996 einen Vertrag mit der Ukraine unterschrieben?» – «In der Ukraine gibt es keine Atomwaffen!», beharrt Kusitschew. Co-Moderator Artjom Scheinin hat sich derweil eine Clownnase mit Brille und Schnauzbart übergestülpt und grölt teuflisch grinsend dazwischen: «Xenia, Sie sind die Grösste!»

Kandidatin kritisiert Krim-Annexion

Xenia Sobtschak, selbst Moderatorin und jetzt liberale Präsidentschaftskandidatin, tourt seit Wochen durch die politischen Shows der russischen Staatssender. Mal attackieren die Gastgeber sie mit Fasnachtströte und Falschaus­sagen, mal versuchen sie, die 36-Jährige niederzuschreien. Doch vergeblich. Sobtschak verschafft sich immer wieder Gehör, auch mit der äusserst unpopulären These, die Krim gehöre völkerrechtlich zur Ukraine. Sobtschak ist die erste Oppositionspolitikerin seit Jahrzehnten, die sich ausführlich im Staatsfernsehen äussern darf, der erste Star des russischen Präsidentschaftswahlkampfes.

Die Wirtschaftszeitung «Wedomosti» hat Sobtschak schon als zentrale Unperson dieses Wahlkampfes identifiziert: Sie solle wie sonst einzelne US-amerikanische Journalisten in den Diskussionsrunden der staatlichen Kanäle von der Putin-treuen Mehrheit der Moderatoren und Studiogäste zerfetzt und ausgelacht werden. «Die Show ‹Wahlkampf› braucht einen echten Demokraten, der der russischen Gesellschaft und dem Ausland anschaulich zeigt, wie zutiefst unpopulär bei uns Liberalismus und Demokratie sind», schreibt die «Wedomosti».

Wahlbeteiligung soll angekurbelt werden

Niemand in Russland bezweifelt, dass Wladimir Putin die Wahlen im März gewinnen wird. Aber kremlnahe Quellen verlautbaren, die Staatsmacht strebe ein Vertrauensvotum des Volkes an: 70 Prozent Stimmen für Putin bei 70 Prozent Wahlbeteiligung. Alexei Nawalny, Putins aggressivster Widersacher, darf nicht kandidieren. Damit die Langeweile sich in Grenzen hält und die Beteiligung nicht wie bei den Duma-Wahlen von 2016 auf unter 50 Prozent rutscht, hat der Kreml das altbekannte Teilnehmerfeld umgekrempelt: Dauerkandidaten wie Sergei Mironow, Chef der Duma-Partei Gerechtes Russland, und Gennadi Sjuganow, der Führer der Kommunisten, treten dieses Jahr nicht an. Statt Sjuganow startet Pawel Grudinin, patriotischer Blogger und Direktor der Erdbeerfarm Lenin bei Moskau.

Wie Sobtschak darf auch er im Staatsfernsehen auftreten, auch er findet dort kritische Worte vor allem für die Oligarchen in Putins Umgebung. Nun diskutieren die Experten, ob Sobtschak und Grudinin die liberalen und die linken Wähler auf Trab bringen sollen. Oder ob gar der Kreml, wo inzwischen Sergei Kirijenko, ein vergleichsweise liberaler Technokrat, für die Innenpolitik zuständig ist, mehr Pluralismus wagen möchte. Und ob möglicherweise ein Generationenwechsel ins Haus steht.

Schon wird im liberalen Lager zunehmend Bewunderung für die Nerven und die Schlagfertigkeit der Einzelkämpferin Sobtschak bei ihren TV-Auftritten laut: «Niemand hat so argumentiert, offen und mutig vor einem grossen Publikum gesprochen wie sie», schreibt der Karikaturist Andrei Bilscho. «Und sie tritt vor Menschen auf, die so etwas noch nie gehört haben. Steter Tropfen höhlt den Stein.»

«Sobtschak imitiert nur die Politikerin»

Skeptischere Beobachter verweisen darauf, dass der Kreml schon bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2012 den demokratisch gesonnenen Milliardär Michail Prochonow als Gegenkandidaten antreten liess. Er gewann fast 8 Prozent, stieg dann aber wieder aus der Politik aus – offenbar wegen des Drucks von oben. «Drei Monate darf jemand im Fernsehen richtige Dinge sagen, aber hinterher gehen die üblichen Repressalien weiter», sagt der Oppositionspolitiker Sergei Dawidis dazu. «Nawalny, dem es auch ohne Fernsehen gelungen ist, eine echte politische Bewegung aufzubauen, wird durch Sobtschak ersetzt, imitiert nur die Politikerin.»

Ehemaliges It-Girl kommt in Umfragen auf 1 Prozent

In Russland herrschen Zweifel, ob das Fernsehpublikum Sobtschak, die laut jüngsten Meinungsumfragen auf 1 Prozent kommt, ernst nimmt. Die Tochter Anatoli Sobtschaks, des verstorbenen Bürgermeisters von St. Petersburg, stieg unter dessen altem Gefolgsmann Wladimir Putin zum führenden It-Girl der Moskauer High Society auf. Die Blondine mit den gepolsterten Lippen moderierte acht Jahre die schmuddelige Reality-Show «Haus 2», kullerte 2008 als Eva Braun halb nackt durch die Filmkomödie «Hitler kaputt» und verkündete noch im Oktober der Zeitschrift «Glamour», eine Sobtschak-Präsidentschaft, das sei «ein Witz, ein Kunstprojekt auf höchstem Niveau».

Sobtschak bestreitet, dass der Kreml sie für seine Zwecke gebraucht. «Die Staatsmacht denkt, ich mache für sie den Sparringspartner», sagte sie Radio Echo Moskwy. «Tatsächlich ist die Staatsmacht für mich ein sehr angenehmer Partner, der mir ermöglicht, überall über seine so offensichtlichen Mängel zu reden.»

Nebenher hält Sobtschak dem Showgeschäft die Treue. Kurz vor Weihnachten startete der Fernsehsender Muz-TV die Show «Neue Fabrik der Sterne», ein Format wie die ehemalige SRF-Castingshow «Music Star». Mit von der Partie war auch Xenia Sobtschak, die im engen schwarzen Kostüm, mit winzigem Hütchen und leicht verschleiert, die Karikatur eines Chansons sang. Es ist dies das perfekte Symbol für den Zustand der russischen Opposition. Das Problem der demokratischen russischen Opposition ist, dass ihre neue Galionsfigur sich selbst nicht ernst nimmt.

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