Sachsen
Deutschlands Corona-Sorgenkind im Osten

Kein Bundesland ist von Corona so hart getroffen wie Sachsen. Das könnte am Grenzverkehr liegen. Und: Hier hat die AfD ihre Hochburgen. Spielt auch das eine Rolle?

Christoph Reichmuth
Merken
Drucken
Teilen
Auch wenn der kleine Grenzverkehr untersagt ist, ist der Fussweg vom sächsischen Görlitz nach Polen möglich.

Auch wenn der kleine Grenzverkehr untersagt ist, ist der Fussweg vom sächsischen Görlitz nach Polen möglich.

Keystone/Daniel Schäfer

Seit einigen Wochen gibt es auf der Deutschlandkarte des Robert Koch-Instituts (RKI) einen neuen Farbton: Pink. Die Farbe wurde für jene Regionen im Land eingeführt, die derart hohe Coronainfektionen ausweisen, dass das bisherige Dunkelrot nicht mehr ausreicht. Die Farbe Pink leuchtet fast ausschliesslich dort auf, wo sich auf der Karte das Bundesland Sachsen befindet.

Die Corona-Karte Deutschlands des Robert-Koch-Instituts.

Die Corona-Karte Deutschlands des Robert-Koch-Instituts.

Screenshot RKI 18.12.20

Hier hat es Regionen wie Bautzen, Görlitz oder die Sächsische-Schweiz, die Inzidenzwerte von über 600 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen auf 100.000 Einwohner aufweisen. Ein Inzidenzwert von 50 gilt in Deutschland als Richtwert, um Corona einigermassen unter Kontrolle zu haben.

Diese Woche sorgte ein Bericht einer Klinik im sächsischen Zittau für Schlagzeilen, wonach das Krankenhaus wegen Überlastung nicht mehr alle Coronapatienten behandeln könne. Die Klinikleitung hat den Bericht inzwischen als «Missverständnis» korrigiert - doch Fakt ist, dass in Sachsen wegen Corona Intensivbetten rar geworden sind. Die Infektionszahlen schlagen sich in der Sterbestatistik nieder. Sachsen weist für Mitte November eine um 47 Prozent höhere Sterblichkeit aus als im Durchschnitt der letzten Jahre. Auch deutschlandweit liegt die Sterblichkeit im November um neun Prozent über dem Durchschnitt.

Die Grenzen blieben lange offen

Wie konnte sich der Freistaat Sachsen innerhalb von wenigen Wochen zum Corona-Sorgenkind der Republik entwickeln? Noch im Frühjahr und Sommer galt das von einer «Kenia-Koalition» aus CDU, SPD und Grünen seit 2019 regierte Bundesland beinahe als von Corona freies Gebiet.

Wurde von den rasant steigenden Neuinfektionen überrascht: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU).

Wurde von den rasant steigenden Neuinfektionen überrascht: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU).

Sebastian Kahnert / AP

Scheinbar sorgte dieser Umstand bei vielen Sachsen für steigende Sorglosigkeit - selbst bei der Regierung. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hielt den kleinen Grenzverkehr zu Tschechien und Polen auch dann noch offen, als in den Nachbarstaaten die Coronazahlen im Herbst nach oben schnellten. Viele Sachsen fuhren weiterhin nach Tschechien, um preiswert zu tanken und sich mit Zigaretten einzudecken - Busunternehmen karrten Senioren aus Prag in die Elbestadt Dresden, wo diese sich in Einkaufszentren eindeckten und nach einem Restaurantbesuch zurück nach Tschechien fuhren.

Dass just die Grenzregionen zu Tschechien und Polen besonders hart von Corona betroffen sind, könnte auch mit den Berufspendlern im Zusammenhang liegen. Täglich pendeln Fachkräfte aus Tschechien für Jobs im Gesundheitswesen oder der Gastronomie nach Sachsen.

«Ostsachsen ist AfD-Gebiet»

Erst Mitte November wurde der kleine Grenzverkehr zu den Nachbarstaaten eingeschränkt. Der Kurztrip nach Tschechien für eine volle Tankladung war nicht mehr möglich. Sachsen Ministerpräsident Michael Kretschmer trug dazu bei, dass sich die Menschen in seinem Bundesland in Sicherheit wähnten. «Keine Hysterie bitte», sagte er Mitte Oktober, als die Kanzlerin in Berlin längst auf schärfere Massnahmen drängte. Er setze auf «die Eigenverantwortlichkeit der Menschen, die sich diszipliniert verhalten werden».

Das mit der Eigenverantwortung ging schief - und so musste Kretschmer korrigieren. Er verhängte für sein Bundesland noch vor dem Rest der Republik einen harten Lockdown. Doch viele Politexperten fragen sich inzwischen, ob es sich die Sachsen nicht zu einfach machen, vor allem die Nähe zu Tschechien und Polen als Grund für die hohe Coronabelastung auszumachen. In dem Bundesland geniesst die Alternative für Deutschland (AfD) Zustimmungswerte wie nirgends sonst im Land. Im Herbst 2019 setzte sich die Partei mit 27,5 Prozent Wählerstimmen knapp hinter die in Sachsen seit 1990 ununterbrochen regierende CDU auf Rang zwei.

«In Ostsachsen ist die Aversion gegen alles, was für die AfD die ‹Merkel-Diktatur› veranstaltet, natürlich besonders gross.»

Die AfD führt inzwischen jene Bewegung an, die gegen das Tragen von Mund-Nasen-Schutz protestiert und die harten Corona-Regeln wie den Lockdown torpediert. In den aktuellen Corona-Hotspots Sächsische-Schweiz oder Bautzen holte die AfD bei den Wahlen 2019 Werte von weit über 30 Prozent. Wird die Ausbreitung des Virus also dadurch begünstigt, dass in Sachsen überproportional viele «Coronaskeptiker» zuhause sind?

Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt kann sich einen Zusammenhang zwischen Infektionszahlen und der Stärke der AfD vorstellen. «Ostsachsen ist ja wesentlich AfD-Gebiet», sagt er auf Anfrage. «Dort ist die Aversion gegen alles, was für die AfD die ‹Merkel-Diktatur› mit Ministerpräsident Kretschmer als ihren ‹getreuen Paladin› veranstaltet, natürlich besonders gross.» Der 67-Jährige ist allerdings auch überzeugt, dass die Erfahrungen aus der ersten Coronawelle viele Sachsen beeinflusst haben. «Sachsen war lange Zeit von Corona kaum betroffen. Das führt zu einer bestimmten Leichtfertigkeit bei den Menschen.»

Trotz des Lockdowns stiegen die Infektionen in Sachsen auch in dieser Woche weiter an. Kurzzeitig machte ein Gerücht die Runde, Ministerpräsident Kretschmer wolle ganze Regionen quasi abriegeln, um der Ausbreitung des Virus entgegenzuwirken. Der Regierungschef wies dies diese Woche zurück. Es brauche bis zu zwei Wochen, bis ersichtlich sei, ob die jetzigen Massnahmen wirkten. «Vorher ist mit keinen weiteren Einschränkungen zu rechnen.»