Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Umfragemehrheit wendet sich gegen Gelbwesten

Nach drei Monaten gerät die französische Bürgerbewegung der Gelbwesten auf Abwege. Politische und sogar religiöse Extremisten schwingen sich auf – auf Kosten der sozialen Anliegen.
Stefan Brändle, Paris
Gelbwesten-Marsch in Paris. Bild: Thibault Camus/AP (Paris, 16. Februar 2019)

Gelbwesten-Marsch in Paris. Bild: Thibault Camus/AP (Paris, 16. Februar 2019)

Hartnäckig sind sie, das ist unbestreitbar. Tausende von Gelbwesten gingen an diesem Wochenende nicht nur samstags, sondern auch sonntags auf die Strasse, um ihr dreimonatiges Bestehen zu feiern. Die Stimmung war gut, der Himmel blau – bloss: Sowohl die sozialen wie alle anderen Medien berichteten nur über die zunehmend düstere Kehrseite der Bürgerbewegung.

Genauer gesagt über zwei Videos. Auf dem einen filmt ein Polizeiwachtmeister von einem Beifahrersitz aus, wie sein Wagen minutenlang mit schweren Steinen beworfen wird. Er stellt die Sirene ein, um den Angreifern zu entkommen, bleibt aber zwischen zwei Autokolonnen eingezwängt. Die Fahrerin, eine junge Polizeiaspirantin, beginnt zu schluchzen, während es Steine hagelt. Ein vermummter Aggressor springt auf die Kühlerhaube. Endlich entkommt der Wagen dem Mob.

Sämtliche Parteien verurteilen Angriffe

Heil geblieben ist auch Alain Finkielkraut. Der 69-jährige Philosoph wurde an einem Umzug der Gilets jaunes im Pariser Mont­parnasse-Viertel von mehreren Gelbwestenträgern attackiert. Einer schrie: «Hau ab, Scheisszionist.» Die Polizei schützte den Vertreter der Académie Fran­çaise, der für seine konservativen – anderen sagen reaktionären – Ansichten landesweit bekannt ist. Im Nachgang äusserten zahlreiche Politiker, unter ihnen auch Präsident Emmanuel Macron, ihre ­Abscheu über die Attacke. Finkielkraut selbst erklärte, der Antisemitismus sei unter den Gelbwesten verbreitet und vereine Linksaktivisten, Banlieue-Bewohner sowie Anhänger des Rechtsextremisten Alain Soral. Nur wenige Stimmen, wie die des den Sozialisten nahestehenden Anwalts Jean-Pierre Mignard, erklärten, Finkielkraut habe «es gesucht», nachdem er schon 2016 das Linkshappening «Nuit Debout» provokativ aufgesucht habe.

Die Vorsteher sämtlicher Parteien, darunter auch die Po­pulistin Marine Le Pen und die Linkspartei «Das unbeugsame Frankreich» (LFI), verurteilten hingegen den Angriff. Der LFI-Parlamentarier Eric Coquerel präzisierte allerdings, er wäre nicht bereit, die Ausweitung des Antisemitismus-Tatbestandes mitzutragen. Der Macron-Abgeordnete Sylvain Maillard hatte zuvor einen Parlamentsvorstoss angekündigt, um nicht nur antijüdische, sondern auch antizionistische Aussagen unter die Strafnorm zu subsumieren.

Später wurde bekannt, dass der Bart tragende Hauptaggressor Finkielkrauts der salafistischen Szene entstamme. Sein Name wurde vorerst nicht bekannt, was für Frankreich unüblich ist; die Staatsanwaltschaft kündigte aber die Eröffnung eines Strafverfahrens an. Am Montagabend war in Paris eine spontane Kundgebung gegen Antisemitismus geplant. Am Dienstag lädt die Sozialistische Partei alle Parteien – ausser die ­Le-Pen-Partei «Rassemblement National» – zu einem grossen Umzug mit dem gleichen Ziel ein.

Die schon letzte Woche geplante Aktion ist keine direkte Reaktion auf die Gelbwestenkrise, sondern auf die allgemeine Zunahme antijüdischer Akte um 74 Prozent in Frankreich. Trotzdem überlagert die Frage der Gewalt zunehmend die sozialen Anliegen der Bürgerbewegung. Die Boulevardzeitung «Le Parisien» titelte am Montag an ihre Adresse: «Genug von diesem Hass!» Der Historiker Denis Peschanski erklärte, er sei sprachlos über das «Ausmass an Hass», das derzeit in seinem Land grassiere.

Schon vor diesen Vorfällen wendete sich erstmals eine Umfragemehrheit gegen die Gelbwesten: 52 Prozent der Befragten äusserten den Wunsch, dass die Bewegung ihre Aktionen abbreche. Viele Franzosen, die den Anliegen der Gilets jaunes an sich positiv gegenüberstehen, goutieren nicht länger, dass extremistische Wort- und Rädelsführer die unorganisierte Bewegung in ein undemokratisches Fahrwasser führen. Davon zeugen die Angriffe auf den Wohn- oder Arbeitsort von über 60 Abgeordneten der Macron-Partei «La République en marche» in letzter Zeit.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.