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SANKTIONEN: Kims heimliche Lieferanten

Nordkorea steht wirtschaftlich am Abgrund. Und durch die UNO-Sanktionen ist es international isoliert. Trotzdem lanciert Machthaber Kim einen Raketentest nach dem anderen. Wie geht dies auf?
Angela Köhler
Kim Jong Un verfolgt am 16. September 2017 einen Raketentest. (Bild: EPA)

Kim Jong Un verfolgt am 16. September 2017 einen Raketentest. (Bild: EPA)

Angela Köhler

Im Morgennebel von Wladiwostok stechen drei Tanker in See. Beim Auslaufen haben sie der Hafenbehörde China als Ziel angegeben, aber nicht eine verbindliche Route. Wie die Auswertung der Schiffsbewegungen ergibt, steuerten die Tanker nicht China, sondern Nordkorea an. Die Armada ist beladen mit Diesel.

Mindestens acht solcher Tanker mit einer Nutzlastkapazität von 500 bis 2000 Tonnen liefen in diesem Jahr schon aus Russlands Häfen Nachodka und Wladiwostok aus. Später wurden sie in den nordkoreanischen Häfen Kimchaek, Chongjin, Hungnam oder Najin gesichtet. Die meisten kehrten nach Löschung der Ladung sofort wieder nach Russland zurück.

Russland verstösst gegen eigene Sanktionen

Eigentlich sind solche Transporte nach den Sanktionen des UNO-Sicherheitsrates wegen des nordkoreanischen Atomprogramms international mit einem Bann belegt. Moskau stimmte als ständiges Mitglied des UNO-Sicherheitsrates mit Vetorecht dieser Massnahme zu. Eigentlich.

Die russischen Öllieferungen an das Regime von Kim Jong Un sind salopp ausgedrückt «kleine Fische». China deckt Nordkorea mit 90 Prozent allen benötigten Brenn- und Treibstoffes ein. Allerdings hält sich Peking mittlerweile strenger an die Sanktionen und hat die Exporte zurückgefahren. Russland dagegen hat im ersten Quartal 2017 seinen Handel mit Pjöngjang mehr als verdoppelt, er beläuft sich auf immerhin 31,4 Millionen Dollar.

Kim Jong Un bekommt längst nicht nur Öl und Benzin geliefert, sondern auch das Material für seine umfangreichen Raketentests. Vieles ist denkbar, einige Querverbindungen lassen sich belegen, das meiste aber verschwindet im Halbdunkel der Geheimdienste. Selbst Amerikas CIA räumt ein, dass einige Vorgänge in Nordkorea für sie ein blinder Fleck sind.

Ein globales Netz von Tarnfirmen und verschleierten Zahlungen führt Ermittler beim illegalen Waffenhandel oft ins Leere. Manchmal lässt sich die Spur jedoch verfolgen. Wie bei jenen fünf Containern, die 2003 in Dubai verschifft wurden. Der Absender war verdächtig: Abdul Qadeer Khan, ein Atomschmuggler im grossen Stil. Khan entstammt dem pakistanischen Mittelstand, studierte Metallurgie, promovierte und wurde später zum «Vater der islamischen Atombombe», die 1998 erstmals getestet wurde. In dieser Zeit verkaufte er aus seinem Forschungslabor mindestens 20 Zentrifugen und etliches Material zur Urananreicherung.

Abgewickelt wurden die Deals über Staaten wie Dubai oder Malaysia. Nordkorea bediente sich nachweislich bei diesem Netzwerk, das Pjöngjang quasi alles lieferte, wonach es suchte. So zum Beispiel Baupläne für Kernwaffen und Anleitungen zur Uranspaltung. Khan wurde inzwischen von der Regierung in Islamabad kaltgestellt.

Kahn trieben nicht nur monetäre Gründe an, sondern auch politische. Seine schräge These ist identisch mit der Argumentation von Kim Jong Un: Warum sollen nur fünf Staaten Atommächte sein? Nur wer über Nuklearwaffen verfügt, könne nicht mehr von anderen Staaten bedroht werden. Den internatio­nalen Atomwaffensperrvertrag lehnt Kahn als unfaires Relikt des Kalten Krieges ab und versuchte das Abkommen, wo immer er kann, zu unterlaufen und ad absurdum zu führen.

Unterstützung erfährt Nordkorea auch von Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Moskau und Kiew beschuldigen sich gegenseitig, Pjöngjang mit Raketenteilen aus den Beständen der heute ukrainischen Firma Juschmasch beliefert zu haben. Juschmasch war einst die Raketenwerkstatt der Roten Armee. Experten sind sich sicher: Ohne diese Seilschaften hätte Kim Jong Un niemals so schnell Fortschritte erzielen können.

Das Tempo, das Nordkorea anschlägt, ist gewaltig. Allein im vergangenen Mai präsentierte Pjöngjang fünf neue Modelle mit unterschiedlichen Reichweiten. Kim Jong Un schockiert die Welt derzeit mit einer regelrechten Abschussserie. Schon nach einem einzigen Test erklärte der Diktator seine Waffen für serien- und einsatzreif. Dafür gibt es eine plausible Erklärung: Die Technologie wurde zuvor bereits von anderen Mächten genauso oder sehr ähnlich erprobt.

Hat Kim ganze Fabriken im nahen Ausland gekauft?

Der Nachbau einer Rakete ist allerdings alles andere als simpel. Dafür braucht es Know-how. Dieses stammt möglicherweise aus der ehemaligen Sowjetunion, wo nach dem Zerfall des ehemaligen sozialistischen Staates mas­senweise Waffentechnologen arbeitslos wurden. Immer häufiger wird deshalb gemunkelt, Kim Jong Un habe nicht nur Blaupausen und Ingenieure, sondern gleich ganze Fabriken gekauft.

Kürzlich besichtigte der junge Führer eine Raketenproduktionsstätte nordöstlich von Pjöngjang. Die Propaganda-Abteilung gab Bilder frei, auf denen auch neue Maschinen des Schweizer Technologiekonzerns ABB zu sehen sind, der aber keine kommerziellen Kontakte zu Nordkorea unterhält. Wer hat die Ausrüstungen geliefert? Sehr wahrscheinlich willige Zwischenhändler in Hongkong, Taiwan, Singapur oder Malaysia. UNO-Experten sind sich sicher: Kim Jong Un kann auf Schleichwegen bisher praktisch alle von Sanktionen betroffenen Produkte kaufen.

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