Frankreich: Nicolas Sarkozy strebt auf die grosse Bühne zurück

Ex-Präsident Nicolas Sarkozy veröffentlicht heute seine Memoiren und arbeitet zugleich an einem politischen Comeback. Beim Volk geniesst der potenzielle Einiger des rechtsbürgerlichen Lagers viele Sympathien.

Stefan Brändle
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Nicolas Sarkozy wird zugetraut, die Republikaner zum Erfolg zurückzuführen. (Bild: Julien Warnand/EPA; Luxemburg, 3. Mai 2019)

Nicolas Sarkozy wird zugetraut, die Republikaner zum Erfolg zurückzuführen. (Bild: Julien Warnand/EPA; Luxemburg, 3. Mai 2019) 

Nein, er habe «keine politischen Hintergedanken», twitterte Nicolas Sarkozy zum Erscheinen seines Werkes «Passions» (Leidenschaften) mit einer Startauflage von 200000 Exemplaren. Und nein, «es war nicht mein Ziel, meine Memoiren zu schreiben», fügte der ehemalige Präsident an. Memoiren schreiben Ex-Politiker, und das will Sarkozy nun wirklich nicht sein.

Sarkozy fühlte sich beim Schreiben offensichtlich inspiriert. Warum, darf er nicht offen zeigen – aber es ist der Niedergang seiner Partei. Die Gaullisten, denen Sarkozy selber den Namen «Républicains» verpasst hatte, sind bei den Europawahlen im Mai auf ein historisches Tief von 8,5 Prozent abgesackt. Parteichef Laurent Wauquiez musste den Hut nehmen und seine Aspirationen auf die Präsidentschaftswahlen 2022 begraben. Damit ist die Bahn frei für den Retter Sarkozy. Nur ihm trauen die Republikaner zu, die Umklammerung durch Marine Le Pen zur Rechten und Emmanuel Macron in der Mitte zu sprengen und die Konservativen wieder zu einer führenden Massenpartei zu machen.

Wahlwirksame Schalmeien

Auch als Einiger seines Lagers scheint Sarkozy gut platziert – er vertritt pointiert rechte Positionen, gibt sich aber zugleich als geläuterter Staatsmann, der wahlkampfwirksame Schalmeien beherrscht. «Ich verspüre eine tiefe Dankbarkeit gegenüber allen Franzosen, die mir ermöglicht haben, an ihrer Spitze einen Moment der Geschichte erlebt zu haben», schreibt er.

Das Erstaunliche ist, dass die Worte des Gefühlsmenschen Sarkozy bei seinen Landsleuten weiterhin ankommen. Bei einer Umfrage des Institutes Ifop kürten ihn die Franzosen im April zum populärsten französischen Politiker, weit vor Staatsoberhaupt Macron, der Rechten Le Pen oder des Aushängeschilds der Linken, Jean-Luc Mélenchon. Nur Ex-Umweltminister Nicolas Hulot, der sich aus der Politik verabschiedet hat, ist noch beliebter als der Gatte der Chanson-Sängerin Carla Bruni.

Erstaunlich ist diese Position auch deshalb, weil Sarkozy nach wie vor, um nicht zu sagen: mehr denn je eine schwere Hypothek mit sich herumschleppt. Kurz vor Erscheinen seines Buches bestätigte ein Pariser Strafgericht die Anklage wegen versuchter Bestechung: Sarkozy soll nach Verlassen des Elysée-Palasts (des Amtsitzes des Präsidenten) einen damaligen Staatsanwalt 2014 kontaktiert haben, um ihm im Gegenzug zu einer vertraulichen Rechtsauskunft einen Posten in Monaco zu versprechen.

Dieser erste Korruptionsprozess gegen einen französischen Ex-Präsidenten dürfte in einigen Monaten stattfinden. Die Ermittler waren Sarkozy zufällig auf die Schliche gekommen, als sie ihn in der so genannten Libyen-Affäre abhörten. Der Verdacht, dass sich Sarkozy eine Wahlkampagne durch den Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi finanzieren liess, scheint sich hingegen kaum belegen zu lassen.

Sarkozy hat aber noch andere Affären am Hals, so etwa die Falschdeklarierung seiner Wahlkampfausgaben. Vor wenigen Tagen wurde zudem in Paris sein ehemaliger Generalsekretär Claude Guéant zusammen mit Ex-Fussballer Michel Platini einvernommen. Dank ihnen soll Präsident Sarkozy einen Deal mit einem befreundeten Scheich abgeschlossen haben: Die Katari erhielten dank den Platini-Stimmen die Fussball-WM 2022, der Fussballverein Paris-Saint-Germain sowie französische Baufirmen katarische Millionen.

Opfer «linker» Untersuchungsrichter

An sich scheint ein Politiker mit einem derartigen Rattenschwanz von Affären nicht in der Lage, ein hohes Staatsamt zu erringen. Vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2017 hatte Sarkozy deswegen schon die Primärwahl seiner Partei (gegen François ­Fillon) verloren.

Allerdings sind die Franzosen nicht immer konsequent in ihrem Wahlverhalten. Sarkozy präsentiert sich als Opfer «linker» Untersuchungsrichter und verweist auf den Umstand, dass er in der Gaddafi-Affäre nie angeklagt wurde und er in einer weiteren Angelegenheit, der Causa der L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt, eine Verfahrenseinstellung erwirkt hatte.

Erzielt Sarkozy durchs Band Freisprüche, kann er zumindest ein Comeback versuchen, in der Hoffnung, es seinem – ebenfalls nach einem Unterbruch wiedergewählten – Freund Wladimir Putin gleichzutun. Andernfalls kann er nur mit Silvio Berlusconi darüber sinnieren, wann der richtige Zeitpunkt für einen politischen Abgang verpasst ist.