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Präsidentenwahl in der Ukraine: Satiriker in der Favoritenrolle

Der Schauspieler und Komiker Wolodymyr Selenski hat gute Chancen, Ende März neuer Präsident seines Landes zu werden.
Inna Hartwich, Moskau
Wolodymyr Selenski während eines Auftritts in Kiew. (Bild: Alexander Gusev/Keystone; 26. Mai 2018)

Wolodymyr Selenski während eines Auftritts in Kiew. (Bild: Alexander Gusev/Keystone; 26. Mai 2018)

Er hat das alles schon einmal durchgemacht. Wahlkampagne, Abstimmung sowie Inauguration als Präsident der Ukraine. Er tat sich schwer damit, verhielt sich ungelenk. Er übte seine Reden mit Walnüssen im Mund, seine Begrüssungsfloskeln mit Statisten für Angela Merkel und Wladimir Putin. Er kennt die Intrigen der Macht. Er hat sie als Kunstfigur Wassili Petrowitsch Goloborodko in der beliebten Serie «Diener des Volkes» gekonnt aufgegleist. Nun will Wolodymyr Selenski auch im realen Leben das werden, was sein Held Goloborodko seit 2015 im Fernsehen ist: Präsident der Ukraine. Seine Chancen bei der Wahl am 31. März stehen nicht schlecht, die jüngsten Umfragewerte bescheinigen ihm knapp 27 Prozent der Stimmen, noch vor dem Amtsinhaber Petro Poroschenko und der ewigen Herausforderin Julia Timoschenko.

Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als würde alles auf ein Duell zwischen Poroschenko und Timoschenko hinauslaufen. Doch die Stunde der Aussenseiter – und der Populisten – schlägt auch in der Ukraine. In Italien hat der Komiker Beppe Grillo mit der «Cinque Stelle» die Parteienlandschaft umgekrempelt, in Slowenien ist der Kabarettist Marjan Sarec seit einem halben Jahr Ministerpräsident. Seit Selenski, Satiriker, Schauspieler und Synchronsprecher, am Silvesterabend seine Kandidatur erklärt hatte, klettert die Zustimmung für den 41-Jährigen stetig nach oben.

Die Ukrainer gieren fünf Jahre nach den Maidan-Protesten geradezu nach einem neuen, frischen Gesicht, nach einem, der abseits der etablierten Vermischung von Wirtschaft und Politik steht. So wie der «Präsident Goloborodko»: ein Geschichtslehrer, der eines Tages vor der Schultafel ausrastet, von einem Schüler dabei gefilmt wird, zum Internetstar aufsteigt und schliesslich ein «fleissiger, ehrlicher, gerechter» Präsident wird. Er vereint somit all diejenigen Eigenschaften in sich, die viele Ukrainer bei ihren Politikern offensichtlich vermissen. Poroschenko ist unbeliebt und kämpft mit patriotischer Mobilisierung gegen sein Image als schwerreicher Oligarch an. Timoschenko ist gerade für Akademiker und Junge eine unerträgliche Kandidatin. Selenski ist kein Politiker. Das ist sein Trumpf in den Augen vieler Ukrainer, die von der Politikerkaste ihres Landes desillusioniert sind. Der Professorensohn, der unter anderem in der Mongolei aufgewachsen war, erscheint als geradezu perfekt, um die gängigen korrupten Strukturen aufzubrechen. Doch selbst sein bescheidener, sympathischer Goloborodko scheitert schliesslich als «Diener des Volkes».

Doch auch bei Selenski und seiner – nach der Serie benannten – Partei bleibt einiges undurchsichtig. Sie hat keine Homepage, ihr Vorsitzender soll Iwan Bakanow sein, ebenfalls ein Komiker aus Selenskis Produktionsfirma «Kwartal 95». Ende Januar hatte die Partei, die sich als sozialdemokratisch und sozialliberal bezeichnet, ein Vier-Seiten-Programm veröffentlicht. Die Rede ist dabei von der Einführung von Volksabstimmungen, von einer Beteiligung aller Ukrainer am nationalen Reichtum von Geburt an, vom Strassenbau auf europäischem Niveau.

Kritik bringt Selenski, der russischsprachig und im Süden der Ukraine geboren ist, vor allem die Nähe zum Oligarchen Igor Kolomoiski ein, der als Feind Poroschenkos gilt. Ob Selenski nur eine Spielfigur in Kolomoiskis Wahlintrige ist, wie manche Beobachter behaupten? Dieser Zug würde da fast schon zu perfekt in Selenskis «Diener des Volkes»-Serie passen. Oder eben auch in die reale ukrainische Politik.

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