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SAUDI-ARABIEN: Ferienparadies ohne Scharia

Kronprinz Mohammed bin Salman will sein Land wirtschaftlich umkrempeln. Um das wahhabitische Königreich fit für den internationalen Tourismus zu machen, soll in Ferienresorts sogar die streng islamische Gesetzgebung ausgesetzt werden.
Martin Gehlen, Taif/Jizan/Abha
Reiter auf dem traditionellen Festival Souk Okaz bei Taif, was jedes Jahr Zehntausende Besucher anzieht. (Bild: Katharina Eglau)

Reiter auf dem traditionellen Festival Souk Okaz bei Taif, was jedes Jahr Zehntausende Besucher anzieht. (Bild: Katharina Eglau)

Martin Gehlen, Taif/Jizan/Abha

Abdu Menaji Qutar redet sich in Begeisterung. Stolz blättert er Seite für Seite um. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegt die Zukunft, die er und seine Kollegen sich ausgedacht haben. Photoshop macht es möglich, der Computer verwandelt die triste Realität am Roten Meer im Süden Saudi-Arabiens in eine glitzernde neue Touristenwelt. Und so tummeln sich in dem Masterplan Wasserflugzeuge und Schnellboote vor den Farasan-Inseln. Schicke Promenaden mit Cafés ersetzen die abgestossenen Ladenzeilen mit ihren fettstrotzenden Imbissen. Makellose Strände vor türkisblauem Wasser und Öko-Lodges laden ein zu Luxusferien für Vermögende. Lachend paddeln Touristen durch üppige Mangrovenwälder. «Wir wollen die Farasan-Inseln in ein Ferienparadies verwandeln», sagt der 46-Jährige, Chefplaner im Regionalbüro Jizan der Saudischen Tourismus-Kommission. So etwas wie ein Teneriffa am Roten Meer schwebt dem gelernten Elektroingenieur vor, für den die spanische Kanareninsel mit ihrer Mischung aus Remmidemmi und ruhiger Natur das ideale Vorbild ist.

Seit Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman im April des vergangenen Jahres mit seiner «Vision 2030» ankündigte, die «ölsüchtige» Volkswirtschaft Saudi-Arabiens umzukrempeln, auf viele neue Füsse zu stellen und andere Einnahmequellen zu ­erschliessen, entstehen überall in den königlichen Amtsstuben üppige Powerpoint-Szenarien. So auch im Tourismussektor, in den allein in den kommenden drei Jahren 6 Milliarden Euro fliessen sollen. Auf der Berliner Touristikmesse ITB im vergangenen März trat Saudi-Arabien zum ersten Mal mit einem eigenen Stand auf. Bunte Kataloge auf Deutsch priesen die Schönheiten des Landes an wie die kilometerlangen Strände von Al-Oqair am Persischen Golf oder die Nabatäer-Stadt Madein ­Saleh, eine der vier Unesco-Weltkulturerbe-Stätten des Königreichs.

Gemeinsame Strände für Frauen und Männer

Andere Touristenschwerpunkte sollen folgen und Saudi-Arabien sowie die anderen Golfstaaten zu «normalen» Reisezielen machen – im Süden die Inselgruppe Farasan am Roten Meer und das berühmte Festival Souk Okaz in Taif. Im Westen die weissen Sandstrände von Ras al-Abyad in der Provinz Medina. Und im Norden gegenüber Ägyptens Taucherküste die 200 Kilometer langen Korallenstrände zwischen Al-Wajh und Umlajj – auch die Malediven Arabiens genannt. Dort sollen bis 2022 Scharia-freie Ferienresorts «nach internationalen Standards» entstehen, heisst es in Riad, die Alkohol ausschenken und gemeinsame Strände von Frauen und Männern haben. Die Visa dafür soll es «stressfrei» geben, verspricht ganz oben und an erster Stelle die Werbebroschüre.

Ähnlich hochtrabend sind auch die Konzepte für den Farasan-Archipel nahe der Grenze zum Jemen. Bislang besuchen rund 50000 Besucher im Jahr die Inseln. Nach den Prognosen der Planer soll sich diese Zahl auf 375000 Urlauber verachtfachen. Der Bau eines Flughafens ist für 2018 bereits beschlossen, bis 2022 sollen vier neue Baderesorts mit 1700 Betten sowie eine Eco-Lodge mit 80 Betten folgen. 250 Millionen Euro will Riad allein für diese erste Etappe lockermachen, eine Investition, die vor allem ausländische Geschäftsleute, einheimische Touristen sowie Besucher aus den Golfstaaten anlocken soll. Für zahlungskräftige westliche Bikini-Urlauber hat Abdu Menaji Qutar eine kleinere Nebeninsel mit privatem Strand reserviert, zu der die Gäste nach der Landung auf Farasan mit dem Schnellboot gebracht werden sollen.

Fromme Mekka-Pilger dürfen nicht durch das Land reisen

Bisher lebte das erzkonservative Königreich überwiegend vom Mekka-Tourismus – dem Hadsch und der Umra, ein 10-Milliarden-Geschäft, das fast automatisch läuft. Elf Millionen Pilger reisten im letzten Jahr zu den heiligen Stätten des Islam. Sich danach wie normale Touristen im Land umsehen – das dürfen die frommen Muslime nicht. Ihre Visa sind auf Mekka und Medina beschränkt, ein Kombivisum Wallfahrt plus Ferien wird zwar seit zehn Jahren angekündigt, wurde aber nie umgesetzt. Auch für westliche Besucher gibt es praktisch keine regulären Touristenvisa. Sich Saudi-Arabien anschauen können in der Regel nur besser betuchte Ausländer, die im Königreich leben und arbeiten.

Kein Wunder, dass sich bisher nur wenige Urlauber in das Naturparadies Farasan verirren. Die Insel ist von der Stadt Jizan aus mit einer Autoschnellfähre zu erreichen. Das einzige Strandhotel vor Ort hat seine besten Tage hinter sich, selbst ein ordentlicher Espresso will dem Barmann in der Lobby in drei Anläufen nicht gelingen. Wer tauchen will, muss seine Ausrüstung selbst vom Festland herbeischleppen.

Der Hauptort der Insel hat vier grosse Moscheen, aber kein ordentliches Café oder Restaurant. «Abends kann man hier nicht viel machen», sagt ein Familienvater aus Riad, der sich nach Einbruch der Dunkelheit mit seinen drei Kindern die Füsse vertritt. Nirgendwo ist um diese Zeit mehr eine Frau auf der Strasse zu sehen. Nur Männer lungern an den Fressbuden herum, und Jugendliche jagen mit Mopeds knatternd um die Häuserblocks. Einst verdienten die Leute hier ihr Geld mit Fischen und Perlentauchen, heute arbeiten praktisch alle im saudischen öffentlichen Dienst mit seinen milden Arbeitsstunden.

Ökotourismus ohne Ökobewusstsein

Auch mit dem Umweltbewusstsein ist es nicht weit her. Viele Korallenriffe sind abgestorben. Auf den einsamen Inselplätzen, die die lokalen Schnellboot-Kapitäne mit ihren Kunden zum Grillieren der selbst gefangenen Fische anfahren, türmt sich der Plastikmüll. Nach dem Essen wird alles samt Plastiktischdecke den Möwen vorgeworfen – Ökotourismus ohne Ökobewusstsein.

Anders als die subtropischen Farasan-Inseln ist das südliche Hochland im Inneren Saudi-Arabiens mit seinen Städten Taif, Al-Baha und Abha bei den Einheimischen wegen seines milden Klimas und seiner grünen Landschaften ausgesprochen beliebt. Khaled al-Kamal ist Rosenölproduzent in Taif und hat viel von der Welt gesehen. Den Tourismusplänen des Königshauses stehen er und andere Gleichgesinnte positiv gegenüber. Über die staatliche Tourismus-Kommission dagegen, die den Wandel organisieren soll und die von dem Königssohn und Ex-Astronauten Sultan bin Salman geleitet wird, haben die Geschäftsleute kein gutes Wort übrig. «Wir leiden unter deren Inkompetenz», beklagen sie. Den staatlichen Angestellten fehle jede Motivation. In einem der Büros mal jemanden ans Telefon zu bekommen, ist eine tagelange Sisyphusarbeit. «Mit denen wird das nie was», sagen sie. «Wir brauchen mehr Professionalität – so wie in Abu Dhabi und Dubai.»

Und so haben sich eine Handvoll engagierter Bürger aus Taif zusammengetan und dem Bürgermeister einen Katalog mit Vorschlägen für den Wandel präsentiert. Sie wollen mehr kompetente Stadtführer, Schautafeln an den Sehenswürdigkeiten, den Wiederaufbau historischer Gebäude, Fussgängerzonen, Lizenzen für Strassencafés sowie Benimmkurse für Einheimische, um ihnen den Umgang mit ausländischen Touristen beizubringen. «Fremdenfeindlichkeit ist ein Thema in Saudi-Arabien», sagen sie. Jeder, der anders aussehe oder eine andere Sprache spreche, werde mit Misstrauen betrachtet. «Wir sind extrem traditionell und haben sehr harte Sitten», erläutert Ahmed bin Mahfouz al-Kendi, der fünf Jahre Mathematik in Florida studiert hat. Nach seiner Rückkehr eröffnete er zusammen mit seinen Brüdern am Rande der Altstadt das «Hitken», das erste und einzige Familiencafé in Taif, der Stadt der Rosen und des Honigs und des legendären Festivals Souk Okaz.

Dessen Geschichte als Informationsbörse, Dichtertreffen und intellektuelle Drehscheibe der Arabischen Halbinsel reicht mehr als 2000 Jahre zurück. Heute lassen Reiterspiele und Kamelzüge wie aus der Zeit von Lawrence von Arabien die Magie des Wüstenlebens wieder auferstehen. Auf dem Festplatz vor den Toren der Stadt stehen Beduinenzelte mit Lagerfeuern, Schwerttänzer zeigen ihr Geschick, Marktschreier und Erzähler unterhalten Kinder mit Geschichten aus der Karawanenzeit.

Nostalgie nach der Karawanenzeit

Bei dieser saudischen Traditionsshow wird alles geboten, was einst den Reiz der Arabischen Halbinsel ausmachte, bevor vor zwei Generationen der Ölboom begann mit seinen klimatisierten Limousinen, asphaltierten Autobahnen, luxuriösen Restaurants und exquisiten Malls. «Damals war das Leben einfacher und nicht so kompliziert wie heute», seufzt ein fülliger Mann in weisser, traditioneller Robe, während er die schlanken, drahtigen Darsteller seiner Vorfahren zu Pferde mit dem iPhone filmt.

Dass der mit der Agenda 2030 geplante nächste Sprung Saudi-Arabiens in die Zeit nach dem Ölsegen ein langer und harter Weg sein wird, weiss auch Farasan-Planer Abdu Menaji Qutar. Mit «Inschallah» – «so Gott will» – würzt er im Gespräch über seine Tourismusideen jeden zweiten Satz. Und ob der Kraftakt von seiner streng gehüteten Powerpoint-Mappe in die Realität tatsächlich klappt, daran hegt auch der 46-Jährige offenbar seine Zweifel. «Das Ganze ist eine Vision», sagt er am Ende des Treffens. «Die Realität, das ist eine ganz andere Geschichte.»

Abgelegener Strand auf den Farasan-Inseln. (Bild: Katharina Eglau)

Abgelegener Strand auf den Farasan-Inseln. (Bild: Katharina Eglau)

Historischer Ort Rijal Almaa nahe der Stadt Abha. (Bild: Katharina Eglau)

Historischer Ort Rijal Almaa nahe der Stadt Abha. (Bild: Katharina Eglau)

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