Ägypten
Scharm el-Scheich: Ferienreisende wollen nur noch nach Hause

Chaos und Verwirrung bei der Evakuierung westlicher Touristen in Scharm el-Scheich – Putin stoppt ebenfalls Reisen ans Rote Meer.

Martin Gehlen, Kairo
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Ein russisches Passagierflugzeug landet in Scharm el-Scheich. Der russische Präsident Putin verordnete am Freitag eine Suspendierung aller Flüge ans Rote Meer.

Ein russisches Passagierflugzeug landet in Scharm el-Scheich. Der russische Präsident Putin verordnete am Freitag eine Suspendierung aller Flüge ans Rote Meer.

Keystone/EPA/KHALED ELFIQI

Die meisten Urlauber wollen nur noch eins – möglichst schnell nach Hause. Nervös und verängstigt drängelten sich gestern die Menschen im Abflugterminal des ägyptischen Badeortes Sharm el-Sheikh. Doch die Evakuierung der über 20'000 Gestrandeten kam bereits in den ersten Stunden zum Erliegen – ausgelöst durch ein chaotisches Tauziehen zwischen den ägyptischen und britischen Behörden.

Wie die Billig-Airline Easyjet am Mittag mitteilte, wurden ihr von ägyptischer Seite acht der zehn geplanten Flüge von Sharm el-Sheikh nach Grossbritannien gestrichen. Ähnlich erging es auch anderen Chartergesellschaften, die ihre Kunden mit zusätzlichen Leermaschinen heimfliegen wollten. Bis zum Abend konnten lediglich acht der ursprünglich 29 vorgesehenen Flüge starten, sodass die Mehrzahl der Touristen wütend und empört in ihre Hotels zurückkehren mussten.

Sehen Sie hier wie Leute auf der Strasse zu Reisen in Krisengebiete reagieren:

Auch Russen stoppen Flüge

London hatte am Mittwochabend nach einer Sitzung des nationalen Krisenrates sämtliche Flugverbindungen zwischen Grossbritannien und Sharm el-Sheikh gestoppt, ein Schritt, dem sich inzwischen alle westlichen Fluglinien anschlossen.

Gestern Nachmittag ordnete dann auch Russlands Präsident Wladimir Purin den Stopp aller Reisen nach Ägypten an. Die britische und die amerikanische, aber inzwischen offenbar auch die russische Regierung, vermuten, dass Terroristen letzten Samstag eine Bombe an Bord des über dem Nordsinai abgestürzten russischen Airbus A-321 geschmuggelt haben. Nach dem britischen Premier David Cameron erklärte auch US-Präsident Barack Obama, ein Bombenanschlag sei «wahrscheinlich» und man nehme diese Möglichkeit sehr ernst.

Wie die Zeitung «The Times» berichtete, haben die Geheimdienste beider Nationen nach dem Unglück per Satellit abgehörte Telefongespräche bekannter Terroristen in Syrien und auf dem Sinai auf Hinweise abgesucht und waren dabei fündig geworden.

«Ton und Inhalt der Botschaften überzeugten die Ermittler, dass eine Bombe an Bord geschafft wurde – entweder durch einen Passagier oder einen Mitarbeiter des Bodenpersonals», schrieb das Blatt. Die BBC ergänzte, die Ermittler in London seien überzeugt, dass jemand vom Rollfeld aus kurz vor dem Start die Bombe im Inneren deponiert habe – entweder ein Gepäckarbeiter, jemand aus der Putzkolonne oder ein Angestellter der lokalen Catering-Firma «SS Air». Kairos Aussenministerium reagierte empört und bezeichnete den westlichen Terroralarm zum gegenwärtigen Stand der Untersuchung als «voreilig und nicht gerechtfertigt».

Koffer fliegen separat

Für zusätzliche Verstimmung sorgte am Freitag auch die Ankündigung der westlichen Fluggesellschaften, die Koffer der Passagiere würden in Sharm el-Sheikh nicht mit an Bord geladen und separat mit einer Frachtmaschine abgeholt. Wie der britische Transportminister Patrick McLoughlin erläuterte, habe London bereits vor zehn Monaten den Umgang mit dem aufgegebenen Gepäck in Scharm el-Scheich bemängelt. Das Bodenpersonal müsse durch keinerlei Kontrollen, bevor es das Rollfeld betrete. Im Juni kroch ein offenbar geistig verwirrter Mann nachts über den Flughafenzaun und randalierte vier Stunden lang unbemerkt von dem Wachpersonal in einem der geparkten Flugzeuge.

Die niederländische KLM dehnte daher diese ungewöhnliche Gepäcksperre auch auf den Flughafen der ägyptischen Hauptstadt aus. Auf dem Frühflug am Freitag von Kairo nach Amsterdam liess der Kapitän lediglich das Handgepäck der Passagiere an Bord zu. In Sharm el-Sheikh waren die Sicherheitskontrollen am Freitag vor den Augen zahlreicher Kamerateams so strikt wie noch nie. «Die agieren wie Komiker», twitterten mehrere entnervte Touristen, deren Handgepäck teilweise zehnmal durchleuchtet wurde. Andere jedoch beobachteten, dass arabische Reisende nach wie vor gegen ein Trinkgeld von zehn bis zwanzig Euro an den Kontrollen vorbeigeschleust wurden.