Syrien: Entscheidungsschlacht von Idlib – was steht auf dem Spiel?

Der Bürgerkrieg steht vor seinem blutigen Ende – der Schlacht um die letzte Rebellen-Bastion Idlib und der finalen Niederlage der Aufständischen. Am Freitag reden Russland, Iran und die Türkei noch einmal in Teheran.

Martin Gehlen, Tunis
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Syriens Machthaber Bashar al-Assad (rechts) im Gespräch mit Irans Aussenminister Mohammad Javad Zarif gestern in Damaskus. (AP)

Syriens Machthaber Bashar al-Assad (rechts) im Gespräch mit Irans Aussenminister Mohammad Javad Zarif gestern in Damaskus. (AP)

Wie ist die Lage in Idlib?

In der letzten Hochburg der Assad-Gegner leben rund drei Millionen Menschen, von denen die Hälfte Binnenflüchtlinge aus anderen Teilen Syriens sind. Hunderttausende leben unter erbärmlichen Umständen, die Hälfte ­aller Krankenhäuser liegt in Trümmern. In die Türkei fliehen können die Menschen nicht. Der Nachbar im Norden, der bereits 3,5 Millionen Syrer aufgenommen hat, hält seine Grenzen dicht. Knapp die Hälfte der 70000 Bewaffneten gehören zur Al-Kaida-nahen Hayat Tahrir Sham (HTS). Diese Extremisten lehnen jegliche Verhandlungen ab. Sie kon­trollieren 60 Prozent der Provinz. Anfang August schlossen sich alle Nicht-Al-Kaida-Kämpfer zur «Nationalen Befreiungsfront» (NLF) zusammen, einem von der Türkei unterstützten Verbund.

Welche Strategie verfolgt die Grossmacht Russland?

Moskau inszenierte sich zunächst als Mittler, der als einziger noch das Blutvergiessen von Idlib verhindern könnte. Dazu bot Wladimir Putin bei seinem Treffen mit Angela Merkel auf Schloss Meseberg an, seinen Schützling Assad von einer offenen Feldschlacht abzuhalten, wenn Europa dafür im Gegenzug die ersten Milliarden für den Wiederaufbau bereitstellt. Doch Merkel beharrte auf der Brüsseler Linie – ohne einen glaubwürdigen politischen Übergangsprozess werde kein Geld fliessen. Anschliessend wendete sich Moskaus Rhetorik. Während der russische Sondergesandte für Syrien vor einem Monat noch erklärte, eine Grossoperation in Idlib stehe nicht zur Debatte, nennt Russlands Aussenminister Sergej Lawrow die Rebellenprovinz nun eine Eiterbeule, die ausgemerzt gehört. Dazu verlegte Moskau zehn Kriegsschiffe und zwei U-Boote ins östliche Mittelmeer. Sie sind mit Raketen ausgerüstet, die jeden Ort in Idlib treffen können.

Welche Rolle spielt der Iran?

Iran ist am Freitag der Gastgeber des wohl letzten Syrien-Gipfels vor Beginn der Idlib-Offensive. Nach Teheran eingeladen hat Präsident Hassan Rohani Kremlchef Wladimir Putin und seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan. Irans Hardliner setzen auf einen totalen Sieg ihres Verbündeten Assad. Die moderateren Politiker jedoch wissen, neben einem Inferno in Idlib könnte selbst die Schlacht von Aleppo verblassen. Sollte es zu der befürchteten humanitären Katastrophe kommen, würde sich die Islamische Republik international weiter isolieren und auch ihre europäischen Partner, die bislang an dem Atomvertrag festhalten, gegen sich aufbringen.

Welche Interessen verfolgt die Türkei?

Der Türkei fällt als Nachbar eine Schlüsselrolle zu, auch wenn Ankara die Offensive Assads, unterstützt von iranischen Bodentruppen und russischen Kampfflugzeugen, weder politisch noch militärisch abwenden kann. Präsident Erdogan fürchtet vor allem, der Vormarsch des Regimes könnte einen Massenansturm Verzweifelter auf das türkische Territorium auslösen. Andererseits gab sein Aussenminister Mevlut Cavusoglu offenbar grünes Licht für eine Offensive gegen Hochburgen der Extremisten. Seine Regierung verstehe die Sicherheitsbedenken Russlands in Idlib, erklärte er und fügte hinzu: «Die Kämpfer müssen von den Zivilisten getrennt und die Terroristen unschädlich gemacht werden.»

Lässt sich die Tragödie von ­Idlib noch abwenden?

Das syrische Regime ist zu allem entschlossen. «Idlib ist nun das nächste Ziel», kündigte Diktator Assad bereits Ende Juli an. Seitdem zieht ein endloser Konvoi von Lastwagen, beladen mit Panzern, Geschützen und Munition, gen Norden. Auf dem Militärflughafen von Hama, gut zwanzig Kilometer von der Front entfernt, herrscht Hochbetrieb. Der Dreiergipfel am Freitag in Teheran kann diese militärische Dynamik nicht mehr aufhalten. Und so werden Russland und Iran mit der Türkei wohl nur noch abstecken, in welchen Etappen und in welchen Zeiträumen diese letzte Schlacht des Bürgerkriegs ablaufen wird.