Schlimmer Verdacht in Spanien: Liess man Altersheimbewohner bewusst am Coronavirus sterben?

Fast 20'000 Menschen sind in spanischen Alterseinrichtungen an Covid-19 gestorben. Jetzt erheben Angehörige schwere Vorwürfe.

Manuel Meyer aus Madrid
Drucken
Teilen
Ein Altersheim in der Nähe von Madrid: In den Einrichtungen wütete das Virus besonders.

Ein Altersheim in der Nähe von Madrid: In den Einrichtungen wütete das Virus besonders.

Bild: Bernat Armangue/AP

«Unser Schmerz sitzt so tief. Wir konnten uns nicht einmal von unseren Eltern verabschieden», sagt Almudena Ariza mit gebrochener Stimme. Es ging alles so schnell. Innerhalb von vier Tagen verloren die 52-jährige Spanierin und ihre zwei Schwestern beide Eltern. Sie starben an Covid-19.

Alfonso (87) und Cesárea (85) lebten im Madrider Altersheim Caser de La Moraleja. Mitte März breitete sich das Coronavirus vor allem in den 700 Seniorenheimen der spanischen Hauptstadt wie ein Lauffeuer aus. Am 20. März zeigte auch ihr Vater erste Symptome, zwei Tage später ihre Mutter. «Verzweifelt versuchten wir, mit unseren Eltern per Telefon zu sprechen. Doch wir kamen nicht zu ihnen durch. Es herrschte absolutes Chaos», sagt Almudena.

Der Gesundheitszustand der beiden verschlechterte sich schnell. «Doch wie uns die Heimleitung mitteilte, weigerte sich das zuständige Krankenhaus Infanta Sofía, die beiden aufzunehmen», versichert Almudena. Von den Pflegern bekamen sie Paracetamol und Morphium gegen die Schmerzen. Beatmungsgeräte gab es nicht. Am 25. März starb Alfonso. Damit seine Frau nicht mitbekommt, wie Alfonso aus dem Zimmer gebracht wird, wurde sie sediert. Drei Tage später war Cesárea selber tot.

«Meine Eltern haben so einen Tod nicht verdient»

«Die beiden waren alt, litten an Demenz. Mein Vater hatte Herzbeschwerden. Ich verstehe, dass das Krankenhaus zum Höhepunkt der Pandemie jüngere Patienten mit besseren Überlebenschancen priorisierte. Aber meine Eltern haben so einen Tod nicht verdient. Auch sie hatten ein Recht, medizinisch versorgt zu werden», stellt Almudena klar.

Mit ihren Schwestern hat sie Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Tötung gegen die Madrider Gesundheitsbehörden und das Altersheim gestellt. Ihr Fall ist kein Einzelfall. Bereits an die 4000 Familien von an Covid-19 verstorbenen Altersheimbewohnern haben ähnliche gerichtliche Schritte in die Wege geleitet. Denn ein genereller Verdacht erhärtet sich: Liess man in Spanien Altersheimbewohner etwa bewusst am Coronavirus sterben?

Die Verantwortlichen müssen dafür geradestehen

Vor einigen Tagen von der spanischen Presse veröffentlichte Protokolle der Madrider Regionalregierung legen das zumindest nahe. Krankenhäuser wurden angehalten, an Covid-19 erkrankte Personen über 75 Jahre mit Demenz oder anderen Krankheitsbildern nicht einzuliefern. Auch in anderen Regionen gab es diese Protokolle.

«Menschen die medizinische Behandlung zu verweigern ist in Spanien eine Straftat. Hierfür müssen die Verantwortlichen geradestehen. Tausende Menschen sind wegen politischer Fehlentscheidungen einen unwürdigen Tod gestorben», erklärt Carmen Flores, Vorsitzende des spanischen Patientenschutzverbands.

Fast 20'000 Menschen starben in Altersheimen

Tatsächlich starben in keinem anderen Land Europas derart viele Menschen in Altersheimen am Coronavirus wie in Spanien. Von den insgesamt 27'100 Corona-Opfern in Spanien fielen über 19'500 dem Virus in Altersheimen zum Opfer.

Carmen Flores vom Patientenschutzverband forderte die Staatsanwaltschaft bereits auf, Ermittlungen aufzunehmen – gegen die politischen Verantwortlichen, gegen die Gesundheitsbehörden, gegen die Altersheime. Nachdem die spanische Armee beim Desinfizieren von privaten Seniorenresidenzen sogar Leichen in den Betten fand, stehen besonders diese Altersheime unter Verdacht.

Betreiber von Altersheimen wehren sich

«Vollkommen zu Unrecht. Demagogisch lenken Politiker und Parteien die Schuld auf uns, um ihre eigenen Fehler zu vertuschen», wehrt sich CEAPs-Präsidentin Cinta Pascual vom grössten Verband privater Altersheime, der landesweit 385'000 Personen in 5500 Heimen betreut.

«Wir waren vollkommen machtlos. Die Menschen starben und wir konnten nichts tun. Wir sind keine Krankenhäuser, haben keine Ärzte. Die Kliniken weigerten sich auf Anweisung der Gesundheitsbehörden, unsere erkrankten Heimbewohner aufzunehmen. Man gab uns aber auch keine Beatmungsgeräte, Sauerstoff oder Schutzmaterial, um selber etwas machen zu können. Man liess uns alleine», sagt Pascual frustriert.

Die überlasteten Bestattungsunternehmen holten die Verstorbenen zum Höhepunkt der Pandemie teilweise erst 48 Stunden später ab. «So etwas darf nie wieder passieren», stimmt die Altersheimbetreiberin mit Carmen Flores und Almudena Ariza überein.