Prostitution in Asien
Schluss mit Prostitution: China macht seine Sexmetropole dicht

Mit Grossrazzien ging die Polizei im chinesischen Dongguan gegen das Rotlichtmilieu vor. Mehr als 6500 Polizisten durchsuchten insgesamt 2000 Bordelle und Bars. Sie nahmen mehr als 1000 Menschen fest. Jetzt steht die Stadt vor dem Ruin.

Felix Lee, Dongguan
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Die 8-Millionen-Stadt Dongguan war einst die Sexhochburg Chinas, jetzt sind alle Prostituierten verschwunden.Keystone

Die 8-Millionen-Stadt Dongguan war einst die Sexhochburg Chinas, jetzt sind alle Prostituierten verschwunden.Keystone

Er nennt sich Xiaogui – kleiner Teufel. Argwöhnisch blickt er auf, als eine Gruppe junger Männer das Grundstück des Hotels betreten will.

Xiaogui geht in Alarmstellung. Mit der einen Hand drückt er auf den automatischen Fahrzeugschlüssel.

Mit der anderen Hand gibt der 30-Jährige seinen beiden Kumpanen Zeichen. Sie sollen sich bereit zur Flucht machen.

Doch dazu kommt es nicht. Einer der Passanten fragt lediglich nach dem Weg zur nächsten öffentlichen Toilette. «Wir sind halt alle sehr nervös», sagt Xiaogui später. Es hätte sich ja auch um die nächste Razzia handeln können.

Xiaogui und seine beiden Kumpanen sind Wachmänner, Xiaoguis Freundin ist Verwaltungsangestellte des Hotels Versailles. Die mit barocken Elementen überfrachtete Fassade des in Altrosa gehaltenen Baus ist einem Kastell nachempfunden.

Sexindustrie ersetzt Leichtindustrie

Die acht Millionen Einwohner zählende Stadt am Perlflussdelta im Süd Chinas wurde von der Finanzkrise gebeutelt. Die in der Region verbreitete Leichtindustrie verzeichnete hohe Einbussen. Lokale KP-Funktionäre legten daraufhin die Vorschriften für Prostitution besonders locker aus - mit dem Ergebnis, dass zahlreiche Arbeitsplätze in der Sexindustrie geschaffen wurden. Die Stadt war daher bis vor kurzem in China und über die Staatsgrenzen hinaus als Metropole für Sex-Dienstleistungen bekannt. (Fl)

Tatsächlich aber handelt es sich um ein Stundenhotel inmitten eines heruntergekommenen Viertels in der südchinesischen Stadt Dongguan.

Das Eingangstor ist mit einem eisernen Bügelschloss verriegelt. Die Gardinen der grossen Fenster sind zugezogen.

Xiaogui und seine kleine Truppe sind die Einzigen, die sich noch auf dem Gelände aufhalten. Sie sollen das Hotel vor Plünderern schützen.

Ein Sonntagabend Anfang Februar: Das chinesische Staatsfernsehen strahlt zur Hauptsendezeit eine Fernsehreportage aus. Der Bericht handelt von der Sexindustrie in Dongguan. «Nur wenige Stunden später standen die Polizeieinheiten vor der Tür», erinnert sich Xiaogui.

Es seien zwei Dutzend gewesen. Sie stürmten in die Hotelzimmer. Es gab Geschrei, die völlig verschreckten Prostituierten wurden teils mit Gewalt in den einen Flügel des Hotels getrieben. Die halb bekleideten Freier in den anderen. Den Eigentümer des Hotels führten die Polizisten mit Händen über dem Kopf ab.

«Wir wussten sehr schnell, dass wir nicht die einzigen Betroffenen waren», erzählt Xiaogui. Auf allen Strassen standen Polizeiautos und aus allen Richtungen war Geschrei zu hören.

Die offizielle Bilanz am späten Abend: Mehr als 6500 Polizisten durchsuchten insgesamt 2000 Bordelle, Stundenhotels, Saunas und Karaoke-Bars. Sie nahmen mehr als 1000 Menschen fest, darunter die meisten Betreiber der Einrichtungen, unzählige Freier und Prostituierte.

Es war die grösste Razzia gegen das Rotlichtmilieu seit Gründung der Volksrepublik. Unter den Festgenommenen waren auch zwei örtliche Polizeichefs und mehrere Parteisekretäre. Ihnen wird vorgeworfen, jahrelang zu nachlässig gegen das Prostitutionsgewerbe vorgegangen zu sein. Sie sollen von den Bordellbetreibern sogar geschmiert worden sein. Die Anti-Rotlicht-Kampagne hält bis heute an.

Prostitution ist in China offiziell verboten. Doch schon seit vielen Jahren nehmen es die Behörden mit den Vorschriften nicht so genau.

Auch in Peking finden sich Bordelle, Sexshops und Massagesalons, die besonderen Zusatzservice bieten. Dongguan war schon vor der Wirtschaftskrise 2009 bekannt für das Rotlichtgewerbe.

Genaue Zahlen gibt es nicht, doch Experten vermuten, dass die Stadt in den Jahren 2010 und 2011 mehr als 300 000 Prostituierte zählte. Einer von zehn Einwanderern in Dongguan arbeitete im Rotlichtmilieu.

«Sie sind nun alle weg», sagt Xiaogui. Wohin? Das wisse er auch nicht. In der in Hongkong erscheinenden Zeitung «South China Morning Post» berichtet eine Frau aus dem Gewerbe, dass die Prostituierten in Scharen Dongguan verlassen hätten.

Einige hätten sich in den Nachtklubs der Nachbarstädte Foshan und Huizhou um ein neues Auskommen bemüht. Sie berichteten jedoch von sehr viel raueren Umgangsformen ihrer Kunden bis hin zu gewalttätigen Übergriffen. In Dongguan hatten sich Frauen und Freier eine Infrastruktur aufgebaut, die sie vor Gewalt schützte. Die gebe es in den anderen Städten nicht.

Im Internet reagierten viele Menschen mit Spott und Ärger auf das rabiate Vorgehen der Behörden. Sie bezichtigten den Staatssender der Heuchelei, weil er verdeckte Reporter losgeschickt hat, um über eine Szene zu berichten, die für jeden Besucher der Stadt kein Geheimnis sei.

«Weine nicht, Dongguan! CCTV ist skrupellos, aber die Welt ist voller Liebe», lautet ein weitverbreiteter Eintrag auf dem Kurzbotschaftendienst Sina Weibo.

«Statt Huren an den Pranger zu stellen, sollte die Regierung die Hintergründe durchleuchten», fordert ein Blogger.

Viele Internetnutzer haben rote Kerzen in Form von Kondomen ins Netz gestellt, um ihre Solidarität mit den Sexarbeiterinnen zu zeigen. In Dongguan zeigen sich nun die wirtschaftlichen Folgen.

Laut der «Yangcheng Evening Post» ist der gesamte Dienstleistungssektor in der Stadt zusammengebrochen. Die Razzien sollen Umsatzverluste von rund 50 Milliarden Yuan verursacht haben – rund sechs Milliarden Euro. Auch Geschäfte, Schönheitssalons, Lokale, Taxis und Supermärkte klagen über heftige Einbussen.

Dongguan Eine Frau blickt in einem Industriequartier auf den Vorplatz (Symbolbild)

Dongguan Eine Frau blickt in einem Industriequartier auf den Vorplatz (Symbolbild)

Keystone

Besonders betroffen sind Luxushotels. Die insgesamt 23 Fünfsternehotels mussten nach dem Wirtschaftseinbruch von 2009 schon einmal herbe Verluste hinnehmen, nachdem Zehntausende Geschäftsleute aus aller Welt ausblieben.

Ihre Auslastung sank damals auf unter 60 Prozent. Die Umsatzeinbussen konnten sie nur kompensieren, weil wohlhabende Männer aus Japan, Südkorea, Malaysia und dem nahegelegenen Hongkong nach Dongguan kamen und die Zimmer für Sexdienstleistungen nutzten. Dieses Geschäft liegt nun brach.

Kenner der Region gehen davon aus, dass die Behörden die Rotlicht-Kampagne schon bald beenden werden. Im vergangenen Jahr habe die Region das von der Zentralregierung landesweit vorgegebene Wachstumsziel von 7,5 Prozent unterschritten, sagt der in Dongguan beheimatete Unternehmer und landesweit bekannte Blogger Xiao Gongjun.

Das sei zu wenig für eine Region, die sich mitten im Strukturwandel befindet. Auch der Wachmann Xiaogui ist zuversichtlich: «Das Gewerbe ist nicht tot», sagt er. In Dongguan werde es vielleicht nicht mehr ganz so florieren wie vor der Grossrazzia. Doch er ist sich sicher: «Rotlicht stirbt nicht aus – auch nicht in China.»