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Für chronisch Kranke und EU-Bürger ist der Brexit ein schmerzhafter Schwebezustand

Für Viele ist der Brexit mehr als ein Polit-Drama. Chronisch Kranke fürchten um ihre Versorgung, EU-Bürger um ihre Zukunft. Die Reaktionen reichen von Existenzängsten bis Opportunismus.
Cedric Rehman
Britische Austritts-Gegner sehen den Brexit als grosse Bedrohung für den Wohlstand des Vereinigten Königreichs und somit als sprichwörtlichen Schuss ins eigene Bein. (Bild: Jack Taylor/Getty, London, 11. März 2019)

Britische Austritts-Gegner sehen den Brexit als grosse Bedrohung für den Wohlstand des Vereinigten Königreichs und somit als sprichwörtlichen Schuss ins eigene Bein. (Bild: Jack Taylor/Getty, London, 11. März 2019)

Liv Gillmans Gewissheit von einem Leben in einem geordneten Land verschwand kurz vor Silvester 2018. Sie stand am Schalter einer Apotheke. Gillman hielt ein Rezept für Naproxen in der Hand. Die Pillen für ihren an Psoriasisarthritis erkrankten Vater bekam sie dafür nicht. Gillman versuchte vergeblich ihr Glück in weiteren Apotheken. Sie dachte zunächst, es liege an der Zeit zwischen den Jahren. Aber ihr Vater nahm den Wirkstoff ja ununterbrochen seit den 1980ern ein. Er hörte nicht damit auf, weil Ostern ist oder Weihnachten.

Sein Arzt verschrieb Naproxen, das staatliche britische Gesundheitswesen NHS übernahm die Kosten, und ihr Vater löste bei einer beliebigen Apotheke das Rezept für den Entzündungshemmer ein. «Ich habe dann in einer der Apotheken gefragt, ob das mit dem Brexit zu tun hat, aber niemand wusste es», sagt sie. Psoriasisarthritis ist eine Krankheit, die Gelenke anschwellen und steif werden lässt. Die chronische Entzündung zerstört sie mit der Zeit. Naproxen bremst den Verfall. Ohne die Tabletten verwandele sich ihr Vater innerhalb Tagen von einem agilen Mann in einen gebückten Greis, der sich vor Schmerzen windet. «Ich habe Panik bekommen», meint die 28-Jährige. Gillman sitzt in einem Café in der Universitätsstadt Cambridge. Sie holt ein Notizbuch aus ihrer Tasche. Die Theaterregisseurin hat genau notiert, was sie seit Silvester 2018 recherchiert hat und was ihr andere Betroffene geschildert haben.

Kliniken legen Vorräte an

Am Anfang stand ein Aufruf auf Facebook an Freunde und Bekannte, die vielleicht noch Naproxen in der Hausapotheke hatten. Ihr Vater überbrückte mit den gesammelten Tabletten zwei Wochen im Januar.

Dann war sein Medikament wieder in den Apotheken erhältlich. Gillman erreichten Nachrichten aus Cambridge und anderen Städten. Auch andere hatten Schwierigkeiten, ihre gewohnten Arzneimittel zu bekommen. Eine Ärztin aus einem Krankenhaus erklärte ihr schliesslich das Rätsel, vor dem die Apotheker vor Silvester standen. «Sie meinte, dass die Kliniken wegen des Brexit einen Vorrat an Medikamenten wie Naproxen anlegen. Er soll der dreifachen Menge des derzeitigen Bedarfs entsprechen», sagt Gillman.

Die British Medical Association (BMA) hatte Theresa May vor wenigen Wochen in einem offenen Brief dazu aufgefordert, die Notfallversorgung auch für den Fall eines No-Deal-Brexit zu garantieren. Gesundheitsminister Matt Hancock versicherte erst jüngst, dass für alle Brexit-Szenarien vorgesorgt sei. Stephen Hammond, Staatssekretär in Hancocks Gesundheitsministerium, äusserte sich Ende Februar zurückhaltender. Er sei «zuversichtlich», dass die Medikamentenversorgung in jedem Fall gewährleistet bleibe. Die von der BMA geforderte Garantie wollte er aber nicht geben. Ein über den Kurznachrichtendienst Twitter geleakter Brief Hammonds an einen Tory-Abgeordneten belegte Mitte Februar, wie umfassend das Ministerium Vorräte anlegen lässt. Hammonds Brief zählt in dem Schreiben für den Fall eines No-Deal-Brexit unentbehrliche Medizinmaterialien auf. Leichensäcke gehören dazu.

«Druck aus der Partei»

Gillman wundert sich, dass die Öffentlichkeit trotz der Belege für ein drohendes Medizindesaster wenig Druck auf die Regierung ausübt. Nicht einmal Betroffene wie ihr Vater neigten zur Rebellion. Er weigere sich, über seine eigenen Erfahrungen mit dem Versorgungsengpass mit Journalisten zu sprechen. «Mein Vater findet, Krankheiten gehen niemanden etwas an. Das ist so britisch», meint sie. Gillman war jüngst im Unterhaus in London. Die Jugendorganisation Our Future – Our Choice hatte sie mitgenommen auf einen Austausch mit Parlamentsabgeordneten. Gillman forderte in ihrem Redebeitrag mehr Informationen von Gesundheitsminister Hancock zur Medikamentenversorgung im Falle eines ungeregelten Brexits. Eine Abgeordnete von Theresa Mays Tory-Partei habe sie nach der Veranstaltung zur Seite genommen, erzählt Gillman. «Sie meinte, dass sie sich die Notfallpläne angesehen hat, weil ihr eigener Vater genau wie meiner plötzlich keine Tabletten mehr bekommen hat. Was sie vorgefunden hat, hat sie nicht beruhigt», sagt Gillman. Warum die Politikerin mit ihrem Wissen nicht an die Öffentlichkeit geht? «Sie hat mich gebeten, ihren Namen für mich zu behalten. Der Druck auf sie aus der Partei sei ziemlich gross», meint Gillman.

Witzige Konserven für den Ernstfall

Die 35000-Einwohnerstadt Bishop’s Stortford liegt zwischen Cambridge und London. Hester Tingey hält auf ihrem Anwesen Hühner. Eine Ziege soll ihnen bald Gesellschaft leisten. Ziegenmilch sei sehr nahrhaft, sagt die 52-Jährige. Sie kann ihre Hühner kaum bändigen. Sie folgen Tingey durch die geöffnete Haustür in ihre Küche. Es seien wohl etwas verwöhnte Hühner, meint sie. «Leider legen sie nicht so viele Eier», sagt sie. Die Britin bereitet sich auf eine Zukunft vor, in der Hühner und eine Ziege für die eigene Versorgung wichtig sein könnten.

Die Gegenwart beschäftigt ihren Mann Fred und sie mit einer Geschäftsidee, die beide dem Brexit verdanken. Die Tingeys packen Konservendosen, Nudeln und Reis sowie Tee in Pakete und verschicken sie für 100 Pfund auf Bestellung im Internet als Brexit Survival Packs. Es sind Überlebenspakete für den «Brexiggedon», wie es auf ihrer Internetseite heisst, die Apokalypse nach dem Brexit. Die Pakete und ihr Inhalt stehen in einer ehemaligen Werkstatt in Tingeys Haus. Eine wichtige Zutat ist die Würzpaste Marmite. Der nach Maggi schmeckende Hefeextrakt wird in Grossbritannien gern auf das Sandwich geschmiert. Er gilt aber auch als gute Quelle für B-Vitamine.

Eigentlich sei die Idee mit den Überlebenspaketen nur ein Witz gewesen, erklärt Tingey. Sie und ihr Mann Fred stellten das Angebot Ende vergangenen Jahres online, um auf die vielen ungelösten Fragen rund um den Brexit aufmerksam zu machen. Experten bezweifeln, dass verderbliche Ware aus Europa im Fall eines Austritts ohne Abkommen rechtzeitig ins Supermarktregal gelangt, bevor von Obst und Gemüse nur noch Matsch übrig ist. Grund sind die Zollformalitäten und verschärfte Kontrollen auf der französischen Seite des Ärmelkanals. Sie würden von einem Tag auf den anderen nötig. Lastwagen könnten zum Beispiel nicht mehr wie bisher ohne Pause durch den Eurotunnel vom französischen Calais ins britische Dover rollen. Sie würden Kilometer um Kilometer vor Calais im Stau stehen. Grossbritannien produziert aber nicht einmal mehr die Hälfte seines Verbrauchs an unverarbeiteten Lebensmitteln selbst.

Der Grund ist die EU. Europa stand mit seinem vielfältigen Klima für Jahrzehnte als billiger und mit dem britischen Agrarmarkt gleichberechtigter Lieferant der eher nicht mit Sonne gesegneten Insel zur Verfügung. Selbst der Nachschub an Tee könnte in Gefahr sein, weil er über europäische Häfen abgewickelt wird. Die haltbaren Lebensmittel häufen sich wenige Wochen vor dem Tag X am 29. März auf einem Regal in der Werkstatt der Tingeys. Davor warten Kartons darauf, dass insgesamt zehn Helfer sie bepacken und verschicken. Seit Ende vergangenen Jahres gehen Bestellungen bei dem Ehepaar ein für die Überlebenspakete. Immer mehr nehmen den «Witz» der Tingeys ernst. Sollte es doch noch eine Lösung geben, bei der kein Versorgungsengpass zu erwarten ist, könnten die Käufer ihre Nudeln in Ruhe aufbrauchen und sich Zeit lassen, das Marmite aufs Brot zu schmieren, meint Tingey. Und sollte das Parlament sich für eine Verlängerung der EU-Mitgliedschaft entscheiden, wollen sie ihr Geschäft einfach fortsetzen. Das Ehepaar Tingey scheint anders als Premierministerin Theresa May auf jedes Szenario vorbereitet zu sein. Ein japanisches Fernsehteam besuchte vor einiger Zeit die Tingeys.

Drohungen und Hassmails erreichten sie danach auf Facebook. «Die Leute meinten, es sei unsere Schuld, wenn Firmen wie Nissan Grossbritannien verlassen», sagt die Britin. Tingey verhehlt nicht, dass sie sich eine Wirkung ihrer Überlebenspakete auf die Brexit-Debatte erhofft. Negative Schlagzeilen im Ausland seien ja vielen Briten unangenehm, meint sie. «Wir sehen das als Chance, das Nachdenken anzuregen. Es gibt so viel Apathie im Land», sagt die Brexit-Gegnerin. Sie erwartet, dass die wahrscheinliche Verschiebung des Austritts das Tor öffnet für ein neues Referendum über den Brexit. «Dann werden die Menschen die wirtschaftlichen Folgen noch deutlicher spüren und für Remain – den Verbleib in der EU – stimmen», ist sie überzeugt.

«Vielleicht sind sie bald als Illegale hier»

Die Londonerin Anja Heilmann würde sich wohl gern eine Scheibe abschneiden von Tingeys Zuversicht. Auch sie hält ein weiteres Referendum derzeit für wahrscheinlicher als jemals zuvor. Dass ein Votum für den Verbleib in der EU sicher wäre, glaubt die 49-Jährige nicht. Heilmann sitzt im Café Le Pain Quotidien an der Tottenham Court Road im zen­tralen Fitzrovia-Distrikt unweit des University College of London. Heilmann lehrt dort öffentliche Gesundheit. Sie und ihr Mann zogen 2006 aus Deutschland nach London. 2019 ist ihr das Land, das sie immer noch ihre Heimat nennt, zu fremd geworden für eine Prognose. Sie beschreibt ihren derzeitigen Gefühlszustand mit den Worten Angst und Trauer. Denn London, betont sie, war bis zum Referendum über den Brexit 2016 der Ort, an dem sie sich als Weltbürgerin richtig und aufgehoben fühlte. Jetzt erscheint ihr Grossbritannien wie ein Liebhaber, dem nach Jahren plötzlich die Hand ausrutscht. Sie erkennt das Land nicht wieder. Dabei fühlt sich Heilmann unter den EU-Ausländern in London noch privilegiert. «Wir leben lange genug hier, also konnten wir die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen», sagt sie. Es sollte noch vor dem 29. März klappen, meint Heilmann. Sie klingt, als ginge es darum, es gerade noch ins Ziel zu schaffen.

Heilmann engagiert sich in der Kampagne «EU-Citizens’-Champion». Sie setzt sich für die Interessen von 3,7 Millionen EU-Bürgern in Grossbritannien ein: polnische Klempner, Software­ingenieure aus Estland oder Akademikerinnen wie Heilmann. Viele Europäer erlebten die letzten Wochen vor dem Brexit als Existenzkrise, sagt sie. Sie verzweifelten bei der Anmeldung für den sogenannten «settled status». So heisst der neue Aufenthaltsstatus für EU-Bürger, die länger als fünf Jahre in Grossbritannien leben. Die Antragsteller müssen einiges per App erledigen. Sie ist aber nur mit dem Android-System, nicht mit einem iPhone kompatibel. Das Hochladen von Dokumenten funktioniere oft nicht, und Hilfe von der Ausländerbehörde gebe es kaum, meint Heilmann. Schlimmer noch, niemand werde benachrichtigt, dass die Beantragung eines «settled status» Vorschrift sei. «Es gibt Europäer, die schon 40 oder 50 Jahre hier leben und gar nicht daran denken, dass sie etwas ändern müssen. Vielleicht sind sie bald als Illegale hier», sagt Heilmann.

Mogelpackung statt Rechte?

Die Brexit-Kampagne vor dem Referendum 2016 und Theresa May selbst hatten versprochen, dass die Rechte von EU-Bürgern auch im Falle eines Austritts aus der EU ohne Abkommen sicher seien. Heilmann und ihr Verband EU-Citizen’s-Champion finden, dass die Rechte, wie May sie versteht, in Wahrheit eine Mogelpackung sind. «Es heisst, dass die Anträge eine Formalie sind. Aber ein Antrag kann abgelehnt werden», sagt Heilmann. Warum verlangt die Regierung von Millionen Menschen, einen Status zu beantragen, wenn dieser doch ausser Frage steht? Heilmann fällt nur eine Antwort ein: Die Briten wollen den EU-Bürgern zeigen, dass sie den Europäern nur eine Gunst gewähren.

Die Deutsche erschreckt der Zungenschlag der konservativen Regierung. Tory-Politiker sprechen von ausländischen Fachkräften als heimatloser Elite, erzählt sie. Wie vaterlandslose ­Gesellen treibe es Leute wie Heilmann aus Sicht der Torys auf der Suche nach den besten Jobs und Lebensbedingungen kreuz und quer über die Landkarte einer globalisierten Welt. Dass London tatsächlich eine der ersten Adressen in der Welt für qualifizierte Arbeitskräfte aus allen möglichen Ländern ist, belegt ja schon der Eindruck bei jeder Fahrt mit der Tube genannten Metro. «Die Torys sehen darin aber nichts Positives», meint die Deutsche. Sicher, in ihrem Umfeld kenne sie niemanden, der ausländerfeindlich sei. «Aber ich bewege mich in meiner Filterblase», sagt sie.

Bei Demonstrationen gegen den Brexit meinte eine Befürworterin des Austritts zu ihr, dass Deutschland doch auch ein schönes Land zum Leben sei, erzählt sie. «Ich bin mir nicht sicher, ob diese Feindseligkeit wieder eingefangen werden kann, selbst wenn der Brexit am Ende gar nicht passiert», fürchtet Heilmann. Manchmal sei ihr morgens zum Weinen, wenn sie aufsteht. «Ich spüre, dass die ­Basis für mein Leben weg ist», sagt sie.

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