Afrika und Corona
Schutzlos ausgeliefert: In manchen Ländern gibt es kein einziges Beatmungsgerät

Viele Afrikaner machen Europa für die drohende Coronakatastrophe verantwortlich. Bis zu einer Million Menschen könnten auf dem schwarzen Kontinent sterben.

Markus Schönherr, Kevin Capellini und Elias Feroz
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Glück gehabt: Diese Familie in Nigerias Millionenmetropole Lagos konnte ein Hilfspaket des Roten Kreuzes ergattern.

Glück gehabt: Diese Familie in Nigerias Millionenmetropole Lagos konnte ein Hilfspaket des Roten Kreuzes ergattern.

AP (25. April 2020

Afrika, das sind 54 Länder, 1,2 Milliarden Menschen, die Hälfte davon noch keine 20 Jahre alt. Kein Kontinent ist im Schnitt jünger – und kein Kontinent hat verhältnismässig so wenig Menschen, die aus Altersgründen zur Corona-Risikogruppe gehören.

Trotzdem droht Afrika jetzt eine Katastrophe. Die Weltgesundheitsorganisation warnt davor, dass dieses Jahr rund 800000 Afrikaner (doppelt so viele wie sonst) an Malaria sterben könnten, weil der Kampf gegen die Krankheit wegen der Coronakrise weitgehend ruht. Laut der UNO könnten zudem bis zu eine Million Afrikaner dem Coronavirus zum Opfer fallen, weil es vielerorts an medizinischer Versorgung fehlt. Für die elf Millionen Südsudaner stehen gerade mal vier Beatmungsgeräte bereit, in Somalia gibt es gar keines.

Viele Afrikaner machen die Europäer für die Pandemie verantwortlich. Sie seien es, die das Virus und damit das drohende Elend nach Afrika gebracht hätten, glauben die Menschen. Zum neuerdings schlechten Ruf der Westler beigetragen haben kürzlich auch die beiden französischen Ärzte Jean-Paul Mira und Camille Locht, die vor laufender Kamera vorschlugen, den Impfstoff gegen Covid-19 erst in Afrika zu testen, bevor man ihn in europäischen Ländern einsetzt.

Ägyptens Machthaber empfiehlt: Teetrinken

Der Vorschlag der beiden Ärzte hat in den sozialen Medien für grossen Aufruhr gesorgt. Der ehemalige ivorische Fussballstar Didier Drogba bezeichnete die Aussagen via Twitter als «rassistisch» und «erniedrigend». Afrika sei kein Testlabor, sagte Drogba – und sprach Millionen aus der Seele. Andere Exponenten wie etwa Ägyptens Machthaber Abdel Fattah al-Sisi reagierten mit krudem Nationalismus. «Wahren Ägyptern» könne das Virus gar nichts anhaben, tönte al-Sisi. Allen anderen empfahl er als Prävention eine Tasse Tee.

Andere afrikanische Regierungen reagierten mit Ausgangssperren nach europäischem Vorbild. Kenia verlängerte am Wochenende die nächtliche Ausgangssperre um 21 Tage, die Regierung von Nigeria verhängte für mehrere Grossstädte eine totale Ausgangssperre und Uganda schloss sämtliche Schulen, bevor das Land überhaupt einen einzigen Coronafall hatte.

Doch was in Europa gut funktioniert, kann in Afrika schnell zur Katastrophe führen. Denn der grösste Teil der Menschen lebt von der Hand in den Mund. In den Slums von Kenias Hauptstadt Nairobi, zum Beispiel, leben hunderttausende Menschen von gerade mal einem Dollar pro Tag. Und wenn sie nichts verdienen, weil sie zu Hause bleiben müssen, haben sie auch nichts zu Essen.

Delatrixs, eine 20-jährige Coiffeuse aus Nairobi, sagt im Skype-Gespräch mit dieser Zeitung: «Wie soll ich überleben, die Regierung kümmert sich nicht um uns.» Die Stimmung sei angespannt im Kawangware Slum. Es komme immer häufiger zu Diebstählen und Gewalt. «In der Nacht höre ich oft Schüsse der Polizisten, die in die Luft feuern, wenn sie Menschen auf der Strasse sehen», erzählt Delatrixs. Manchmal würden die Polizisten schon schiessen, wenn sie Menschen auf ihren Balkonen sehen, denn selbst das sei in Kenia verboten.

«Überlebenspäckli» nur dank mächtiger Freundin

Um die Gemüter zu beruhigen versprechen die Regierungen Nothilfe. Sie wollen Lebensmittelpackungen verteilen, um so den ärmsten Menschen zu helfen. Doch vielerorts trifft die Nothilfe gar nicht erst ein, erzählt Alexandria, eine junge Radiojournalistin aus Kampala, der Hauptstadt Ugandas. «Die Regierung erklärt den Notstand, das ist ja gut. Aber sie tut das nur für Entebbe (dort liegt der internationale Flughafen) und die Hauptstadt Kampala.» Um das restliche Land, um die restlichen 34 Millionen Einwohner des Landes, würde sich niemand kümmern, sagt Alexandria.

Schlechte Erfahrungen mit der Nothilfe der Regierung hat auch Coiffeuese Delatrixs in Nairobi gemacht. Wo die Nothilfe eintreffe, da geschehe das hauptsächlich dank Beziehungen, erzählt sie. «Seit acht Wochen kann ich nicht mehr arbeiten, ich bin also auf Unterstützung angewiesen. Doch bekommen hätte ich bis heute offiziell überhaupt nichts.» Nur dank einer ehemaligen Schulfreundin, die im kenianischen Innenministerium arbeitet, konnte Delatrixs eines der «Überlebenspäckli» heimlich erhalten. «Ansonsten wäre ich leer ausgegangen und würde irgendwann verhungern.»

Dass Afrika die gewaltige Herausforderung alleine meistern kann, glaubt kaum jemand. Experten wie der südafrikanische Ethiker Kevin Behrens fordern deshalb, dass sich die reichen Industriestaaten trotz ihrer eigenen Corona-Probleme solidarisch zeigen. «Die Verwundbarsten dieser Welt sind unverhältnismässig stark von den Auswirkungen des Virus betroffen», sagt Behrens. «Ich habe die Hoffnung, dass die westliche Welt das rechtzeitig erkennen wird.»

Somalia: So ist die Situation im ärmsten Land Afrikas


Viele Somalis nähmen das Coronavirus nicht ernst, erzählt der somalische Journalist Ahmed Duurow. Schlimmer als die Anschläge, mit denen die Shabaab-Miliz das Land terrorisiert, könne es eh nicht werden, sagten sie sich. Durch den Bürgerkrieg ist das Gesundheitssystem im ärmsten Land Afrikas zusammengebrochen. Auf 50000 Einwohner kommt hier ein Arzt. Laut der UNO hatten schon vor der Coronakrise mehr als vier Millionen Somalis nicht genug zu essen. Jetzt sind die Lebensmittelpreise weiter gestiegen. Das könnten Terrorgruppen ausnutzen, um Menschen mit dem Versprechen von mehr Hilfe auf ihre Seite zu ziehen. Der Bürgerkrieg hat landesweit gut zweieinhalb Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Die meisten Flüchtlingsfamilien müssten auch ohne Covid-19 täglich aufs Neue entscheiden, wer gerettet wird und wer nicht, sagt Ulrike Last von der Hilfsorganisation Handicap International. Bettina Rühl aus Nairobi