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Schweden: Jäger wird der «Menschenjagd» angeklagt

Ein Jäger nimmt einen Jogger ins Visier, streckt ihn nieder und flieht. Jetzt zeigen Ermittlungen: Er hat offenbar schon mehrfach auf Menschen gezielt – und alles gefilmt.
Niels Anner, Kopenhagen
Screenshot des Videos aus der Speicherkarte des Zielfernrohrs des angeklagten Jägers. Bild: Schwedische Polizei

Screenshot des Videos aus der Speicherkarte des Zielfernrohrs des angeklagten Jägers. Bild: Schwedische Polizei

In der Dämmerung eines Morgens im letzten Herbst joggt der Rentner Olle Rosdahl in Südostschweden einer Landstrasse entlang, unweit seines Wohnhauses. Plötzlich fällt ein Schuss, der 78-Jährige wird in der Hüfte getroffen, sackt zusammen. Er schwebt in Lebensgefahr, doch dank der Hilfe eines Nachbarn kommt er rasch ins Spital von Helsingborg und überlebt. Den Schützen findet die Polizei nach einer gross angelegten Suchaktion mit schwerbewaffneten Einheiten und Helikopter erst sieben Stunden später. Er versteckt sich im Unterholz des dichten Waldes, und erklärt, es sei ein schrecklicher Unfall geschehen: Er habe, sagt der Norweger, der wie viele seiner Landsleute nach Schweden auf die Jagd fährt, in seinem mit Wärmesensoren ausgestatteten Zielfernrohr ein Reh gesehen und abgedrückt. Weil diese Art von Jagd im Dunkeln illegal ist, sei er verschwunden, als er Stimmen gehört habe.

Täter verstiess gegen Jagdgesetz

Aufgrund der Ermittlungen glaubt die Polizei aber bald nicht mehr an einen Unfall – und auch nicht an fahrlässige grobe Körperverletzung. Der Norweger wird wegen Mordes angeklagt. Denn auf der Speicherkarte des Zielfernrohrs fanden die Detektive einen kurzen Film, auf dem man eine hohe Gestalt mehr oder weniger deutlich auf zwei Beinen sieht (siehe Bild). Der Sucher folgt ihm eine Zeit lang, dann fällt der Schuss. Der Jäger müsse deutlich gesehen haben, dass er auf einen Menschen zielte, sagte Staatsanwalt Ola Lavie der schwedischen Zeitung «Kvällsposten». Dennoch habe er abgedrückt: «Er schoss, um zu töten», sagte Lavie diese Woche vor Gericht. Er erhielt Unterstützung von einem schwedischen Jagdexperten: Eine Verwechslung, sagte dieser, hätten allenfalls mit einen Bären geschehen sein können. Aber Bären gibt es in dieser Gegend nicht. In der Anklageschrift wird der Norweger laut dem Fernsehsender NRK weiter belastet. So soll er im vergangenen Herbst insgesamt sechs Mal nach Schweden gefahren sein. Das ist für Jäger nicht ungewöhnlich – viele Norweger jagen in der offenen südschwedischen Landschaft, insbesondere nach Wildschweinen. Doch dem 48-Jährigen werden mehrere Verstösse gegen die Jagdgesetze vorgeworfen: So soll er mehrfach illegalerweise nachts gejagt haben und mit unerlaubt grossem Kaliber geschossen haben.

Verteidigung verweist auf fehlendes Motiv

Noch verdächtiger sind weitere sichergestellte Kurzfilme aus der Kamera im Zielfernrohr, die laut Staatsanwaltschaft zeigen, dass der Jäger sein Gewehr immer wieder auch auf andere Menschen gerichtet hatte, sogar auf den Kopf einer Person. Abgedrückt hat er aber in diesen Fällen nicht. Zudem hat er mindestens einmal auf das Haus des Rentners Olle Rosdahl gezielt, den er schliesslich niederstreckte. Ein persönliches Motiv oder eine Beziehung zwischen dem norwegischen Jäger und dem 78-jährigen Opfer, die einen Mordanschlag erklären könnten, hat die Staatsanwaltschaft bisher allerdings nicht gefunden. Die Verteidigung wies auf dieses fehlende Motiv hin. Der Angeklagte, der während der Gerichtsverhandlung immer wieder weinte, wies jede Schuld von sich. Sein Mandant habe, erklärte dessen Anwalt, obwohl er ein erfahrener Jäger sei, beim Blick ins Zielfernrohr einen schrecklichen Fehler gemacht. Hätte er gewusst, dass er einen Menschen beschossen habe, wäre er diesem natürlich zu Hilfe geeilt und hätte sich nicht im Wald versteckt.

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