Schweizer in Malmö: «Es warten alle nur darauf, dass Schweden bachab geht»

Während in der Schweiz langsam Normalität einkehrt, steigen in Schweden die Corona-Fallzahlen massiv. Der Bieler Multimedia-Produzent Silas Bieri lebt seit Jahren in Malmö. Er erzählt, warum er den Kurs der Regierung trotzdem unterstützt und was ihn wirklich schmerzt.

Adrian Müller / watson.ch
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Der Bieler Silas Bieri lebt seit neun Jahren in Schweden.

Der Bieler Silas Bieri lebt seit neun Jahren in Schweden.

ZVG

Der Bieler Silas Bieri (38) verfolgt seit Wochen den Corona-Sonderweg seiner Wahlheimat Schweden mit Argusaugen. Und nimmt im watson-Interview kein Blatt vor den Bund.

Silas, wie läuft es bei dir gerade in Malmö?

Mir geht es gut. Ich bin als Tontechniker gerade extrem im Schuss. Corona wirbelt meinen Terminkalender total durcheinander. Jede Produktion muss ich immer wieder neu anpassen.

«Kurz vor der Notaufnahme klappte ein Freund fast zusammen. Aber die Ärzte machten keinen Corona-Test.»

Die Corona-Fallzahlen in Schweden sind alarmierend. Wie erlebst du das?

Es ist total logisch, dass die Zahlen jetzt in die Höhe schnellen. Denn bis vor kurzem wurden in Schweden praktisch keine Corona-Tests durchgeführt. Das habe ich selbst miterlebt: Ein guter Freund von mir fühlte sich sehr krank. Der Mitdreissiger konnte kaum mehr gehen, weil er starke Atembeschwerden hatte. Kurz vor der Notaufnahme ist er dann fast zusammengeklappt. Die Ärzte machten aber keinen Corona-Test, weil er nicht zur Risikogruppe gehört. «Rufen Sie eine Ambulanz, wenn es schlimmer wird», sagten sie ihm und schickten ihn nach Hause. Der starke Anstieg der Zahlen bedeutet also nicht wirklich viel. Wir halten uns weiter weiter brav an die Hygiene-Regeln. Sonst kann man nicht viel machen.

Mit der eigenwilligen Corona-Strategie geht Schweden einen Sonderweg. Bei uns sind die Fallzahlen im Keller und Normalität kehrt ein. Bist du neidisch auf die Schweiz?

Neidisch? Im Gegenteil! Es warten doch einfach alle nur darauf, dass Schweden jetzt den Bach runtergeht. Hier haben wir eine Regierung, die Corona nicht nur als gesundheitliches, sondern vielmehr als soziales und wirtschaftliches Problem sieht und dementsprechend handelt. Ich masse mir aber nicht an, zu beurteilen, ob dies der richtige Weg ist. Das werden wir in einigen Monaten sehen.

Im Gegensatz zu den Schweizern können die Schweden aber in Europa nicht frei herumreisen. Also nicht einfach zum Shoppen von Malmö ins dänische Kopenhagen fahren. Wie fühlt sich das an?

In Tat und Wahrheit ist es so: Wir dürfen einfach nicht als Tagestouristen nach Dänemark einreisen. Zur Arbeit oder Durchreise aber schon. Das ist eigentlich identisch mit den Einreisebeschränkungen für andere Europäer. Aber gerade für die Leute hier in Malmö ist es schon speziell. Es ist heftig, dass die Verbindung über die berühmte Brücke nach Kopenhagen an sich gekappt ist. Beide Städte haben normalerweise eine sehr enge Bindung, es ist eine echte «Bromance». Inzwischen ist es für uns aber immerhin wieder möglich, vom Flughafen Kastrup in Kopenhagen abzufliegen. Das ist wichtig, weil es «mein» Flughafen ist. Ich möchte nicht für meine Businesstrips via Stockholm reisen müssen.

Die Kritik gegen den schwedischen «Daniel Koch» Anders Tegnell wächst.

Die Kritik gegen den schwedischen «Daniel Koch» Anders Tegnell wächst.

Keystone

Inzwischen mehren sich in Schweden kritische Stimmen gegen den Laisser-Faire-Kurs der Regierung. Kippt die Stimmung in der Bevölkerung tatsächlich?

Die extremen Rechten ist aus dem Tiefschlaf erwacht und schiessen aus allen Rohren gegen die links-grüne Regierung. Aber die sitzt fest im Sattel. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Stimmung wirklich kippt.

Nun steht bei euch das Mittsommer-Fest vor der Türe. Die Schweden sind als trinkfreudiges Party-Volk bekannt. Was passiert am Freitag?

Da verstehst du was falsch. Mittsommer ist im Grunde genommen ein grosses Familienfest. Natürlich fliesst überall viel Schnaps. Aber das sind keine grossen Parties. Von dem her sollte das kein Problem sein. Ausserdem werden die omnipräsenten Warnungen doch sehr ernst genommen.