Deutschland

Schwule werden bis heute kriminalisiert – jetzt fordern sie Rehabilitierung

Homosexualität war in Deutschland bis Mitte der 1990er-Jahre strafbar – nun sollen die Verurteilten rehabilitiert werden.

Christoph Reichmuth, Berlin
Drucken
Teilen
In Deutschland litten ältere Homosexuelle oft ihr ganzes Leben lang unter Restriktionen. Imago

In Deutschland litten ältere Homosexuelle oft ihr ganzes Leben lang unter Restriktionen. Imago

imago/Westend61

Heinz Schmitz*, heute 73, kann sich detailliert an jenen Tag im Februar 1962 erinnern. Mit zitternden Knien stand der damals 18-Jährige vor dem strengen Richter; in fünf Punkten wurde er der sexuellen Unzucht mit Männern für schuldig befunden: «Der Angeklagte strich im Kino einem neben ihm sitzenden Mann wolllüstern über die Knie», hiess es in der Anklageschrift etwa. Oder: «Gegenseitiges Onanieren mit einem Mann in seinem Zimmer.»

Der Pflichtverteidiger, mit dem der Teenager zuvor kein Wort gewechselt hatte, versuchte die Strafe abzumildern, indem er auf die schwierige Beziehung von Schmitz zu seiner Mutter hinwies und daraus herleitete, der junge Mann sei nur deshalb auf die falsche Bahn geraten und in die Homosexualität abgedriftet. Doch die Richter kannten kein Pardon. Heinz Schmitz wurde als «voll zurechnungsfähig» eingestuft und zu sechs Monaten Jugendhaft auf zwei Jahre Bewährung verurteilt.

Drei Wochenenden musste er in Süddeutschland in Einzelhaft verbringen. Die Wärter sagten bei Haftantritt: «Dieses Schwein werden wir gesondert einsperren.» Heinz Schmitz erinnert sich: «Ich fühlte mich alleine gelassen, habe jahrelang nicht einmal mehr gewagt, einen Mann überhaupt anzusehen.»

«Ein Leben im Verborgenen»

Heinz Schmitz hat ein Leben lang unter den Restriktionen gelitten, mit denen Homosexuelle in der Bundesrepublik bis in die 1980er-Jahre zu leiden hatten. Er heiratete mit 22 ein zwei Jahre jüngeres Nachbarsmädchen und wurde Vater zweier Töchter. Heute sagt er, dass er diese Frau damals aus Liebe geheiratet habe. Aber seine Leidenschaft, sein wahres Ich, konnte er jahrzehntelang nie ausleben. «Ich bin heute über 70 Jahre alt. Ich bin nicht glücklich, weil ich nie so leben durfte, wie ich gerne wollte. Es war ein Leben im Verborgenen», sagt Schmitz, der seine Ehe auflöste, als er Ende 30 war und sich anschliessend in einem vertrauten Kreis outete.

Schmitz gilt noch immer als vorbestraft, in seiner Akte ist die vor 54 Jahren ausgesprochene Bewährungsstrafe nach wie vor vermerkt. Nun endlich will Deutschland Männer wie Heinz Schmitz kollektiv rehabilitieren und eine Entschädigung in einen Fonds einer Stiftung einbezahlen, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt.

Mehr als 50 000 Verurteilte

Mehr als 50 000 Männer wurden in der Bundesrepublik für ihre Homosexualität verurteilt. Erst 1994 wurde der aus dem Jahre 1872 stammende und von den Nationalsozialisten verschärfte Paragraf 175 («sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts») aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Doch jene Männer, die damals zu Tätern gemacht wurden, werden bis heute kriminalisiert.

«Der Staat hat Schuld auf sich geladen, weil er so vielen Menschen das Leben erschwert hat», sagt SPD-Justizminister Heiko Maas. Der Paragraf 175 sei von Anfang an verfassungswidrig gewesen, die alten Urteile seien Unrecht. «Sie verletzen jeden Verurteilten zutiefst in seiner Menschenwürde. Diese Schandtaten des Rechtsstaates werden wir niemals wieder ganz beseitigen können, aber wir wollen die Opfer rehabilitieren.» Die Zeit drängt, sagt Markus Ulrich, Sprecher des deutschen Lesben- und Schwulenverbandes (LSD), gegenüber der «Nordwestschweiz». «Es gibt immer weniger Betroffene.» Eine Entschuldigung alleine reiche nicht aus. «Wir wollen die rechtliche Rehabilitierung.»

Widerstand von Konservativen

Ob das Ansinnen wie geplant bis 2017 durchgebracht werden kann, ist fraglich. In konservativen Reihen der Regierungsparteien CDU und CSU drücken einige auf die Bremse. Nicht zuletzt zeigt sich, dass Schwule und Lesben in der Gesellschaft nach wie vor schweren Vorurteilen ausgesetzt sind, obwohl die verkrusteten Strukturen der 1950er- und 1960er-Jahre längst als aufgelöst gelten.

Eine Studie der Universität Leipzig zeigt, dass Homosexualität nach wie vor als nicht normal angesehen wird. 40 Prozent stimmen demnach der Aussage zu, es sei «ekelhaft», wenn sich Schwule oder Lesben in der Öffentlichkeit küssten; jeder Vierte findet Homosexualität generell «unmoralisch». Heinz Schmitz sagt: «Die Realität ist, dass es noch Generationen dauern wird, bis Homosexualität kein Thema mehr ist.»

Bruch mit der Familie

Dass die Rehabilitierung überhaupt zum Politikum werden konnte, ist auch mutigen Männern wie Schmitz zu verdanken. Er spricht mit Zeitungen, tritt in TV-Sendungen auf, er macht seine Geschichte öffentlich, um auf die damalige Ungerechtigkeit hinzuweisen. Diese offensive Art, mit dem Unrecht umzugehen, hat Beziehungen in die Brüche gehen lassen. Die beiden Töchter von Schmitz gingen auf Distanz zu ihm, zu seiner Ex-Frau ist der Kontakt abgebrochen. Aus diesem Grund tritt Schmitz nicht mehr mit seinem richtigen Namen in der Öffentlichkeit auf.

Mit seiner inzwischen verstorbenen Mutter, die ihn 1961 beim Jugendamt denunziert hatte, also für die Verurteilung verantwortlich war, hat sich der vaterlos aufgewachsene Heinz Schmitz vor dem Tod einigermassen versöhnt, wirklich verstehen konnte die Mutter ihren Sohn aber nie. Vor ihrem Tod hatte Heinz Schmitz seine Mutter gefragt, warum sie das damals getan habe. «Ich habe Angst um dich gehabt», gab sie zur Antwort. Es war das einzige Mal, dass die beiden über dieses Thema gesprochen haben.

Heinz Schmitz geht es nicht um Geld als Genugtuung. Ein offizielles Schreiben des Staates, eine Entschuldigung und die Aufhebung des Urteils würden ihm reichen. «Ich wäre glücklich und stolz, dass ich dazu beigetragen habe.»

*Name geändert