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Sebastian Kurz: Ein bisschen Macron, ein bisschen Orbán

Die Österreicher wählen Sebastian Kurz nächste Woche wohl wieder zum Kanzler. Das liegt auch an seiner Wandelbarkeit.
Pascal Ritter
Kurz schwört in Baden bei Wien seine Anhänger auf den Endspurt ein. (Bild: Pascal Ritter)

Kurz schwört in Baden bei Wien seine Anhänger auf den Endspurt ein. (Bild: Pascal Ritter)

Bevor er auftaucht, bittet der Moderator auf der Bühne das Publikum, ein Foto zu machen und es unter dem Moto «Wir für Kurz» auf Instagram oder Facebook zu stellen. Als dann in der Gasse das Gesicht von Sebastian Kurz auftaucht, verstummt die Blasmusik und aus den Boxen dringen elektronische Beats. Er verschwindet in der Menge. Senioren wollen einen Händedruck, junge Frauen in türkisen Windjacken ein Selfie.

Zehn Tage vor den Nationalratswahlen in Österreich hat Sebastian Kurz am Donnerstagabend einen seiner letzten öffentlichen Auftritte in der Kleinstadt Baden vor den Toren Wiens.

Dass seine Rede – auch der Witz, seine Freundin habe sich beschwert, dass er nach der Regierungsauflösung im Mai zu oft zu Hause war – auf weiten Strecken dem entspricht, was er während des Sommers schon auf anderen Volksfestbühnen und Kuhställen im ganzen Land gesagt hat, ist Nebensache. Es geht nun darum, sich gegenseitig auf den Endspurt einzuschwören.

Die Angst vor den Fans, die nicht zur Wahl gehen

Er spüre die Unterstützung bei den Leuten, sagt Kurz. Er höre aber auch oft, das man diesmal «ja eh» gewinne. Seine grösste Sorge gilt längst nicht mehr der Frage, ob ihn genügend Österreicher als Kanzler wollen. Es geht vor allem darum, ob sie auch zur Wahl gehen. «Wer Kurz will, muss Kurz wählen», heisst es denn auch auf seinen türkisen Wahlplakaten.

In einer Mitte September durchgeführten Umfrage kam die Liste Kurz (ÖVP) auf 33 Prozent der Stimmen. Das sind 11 Prozentpunkte mehr als die zweitstärkste Partei: Die Sozialdemokraten kamen auf 22 Prozent. Die ÖVP hat gegenüber der letzten Wahl 2017 noch einmal zugelegt. Damals kam sie auf 31,5 Prozent.

Kurz' Erfolg scheint sich also fortzusetzen. Skandale können ihm nichts anhaben. Das Ibiza-Video, das seinen Koalitionspartner, die rechtsnationale Freiheitliche Partei (FPÖ), als zur Korruption bereite Protztruppe zeigte, führte zwar zum Misstrauensvotum im Parlament, aber nicht zu Wählerverlusten.

Bei den Europawahlen kurz nach Auftauchen des Skandal-Videos gewann die ÖVP. Vor kurzem schrieb die Wiener Stadtzeitung «Falter» nun, dass die ÖVP offenbar bewusst die Wahlkampfkostenlimite von 7 Millionen überschreitet und dies mit kreativer Buchhaltung verschleiert. Zudem zitierte sie genüsslich aus Belegen, die zeigen, dass die Kurz-Partei viel Geld für Sushi, Partys und den Coiffeur des Altkanzlers ausgibt.

Kurz ist es aber gelungen, seine Anhängern glauben zu machen, dass nicht die eigenen undurchsichtigen Buchhaltungspraktiken, sondern das Datenleck und die Berichterstattung der Journalisten problematisch seien.

Kurz' kometenhafter Aufstieg dürfte nach den Wahlen am 29. Oktober also weitergehen. Der heute 33-Jährige wurde im Alter von 24 Jahren Staatssekretär, mit 27 Aussenminister. 2017 wurde er mit 31 zum jüngsten Bundeskanzler, den die Republik je hatte.

Davor gelang es ihm, die konservative ÖVP zu übernehmen und sie zu einer auf seine Person zugeschnittene Partei zu machen. Die traditionelle Farbe Schwarz ersetzte Kurz durch ein frisches Türkis. Auf dem Theaterplatz in Baden präsentierte sich eine Familie, die das ganze Haus mit türkisen Gegenständen dekoriert hat. Neueste Errungenschaft: eine türkise Mikrowelle.

Schwärmerische Biografie lässt das linke Wien lachen

Gleich neben der Wahlkampfveranstaltung am Theaterplatz hält eine Buchhandlung die neueste Biografie über Sebastian Kurz feil. Nach einigen kritischen Publikationen über den Aufstieg des «Wunderkindes» erschien zuletzt die «offizielle Biografie». In einem schwärmerischen Ton zeichnet die Autorin, die davor Bücher über Polizisten und Piloten geschrieben hatte, das Leben des Sebastian Kurz als einzige Erfolgsgeschichte nach.

So kitschig das Buch geschrieben ist – wofür es im Netz kübelweise Häme gab –, trägt es doch einen wahren Kern in sich. Denn nicht nur die Autorin ist Kurz verfallen, sondern auch ein grosser Teil der österreichischen Wählerschaft. Während linksliberale Wiener im Netz noch über Kurz als «Baby auf der Überholspur» lachen, sind dessen Fans schon dabei, Selfies mit ihm ins Netz zu stellen.

Und wenn die Verlierer eine Koalition bilden?

Auf seinem Siegeszug zeigte Kurz unglaubliches Talent zur politischen Fusion Cuisine. Ihm ist es gelungen die Dynamik des frühen Emanuel Macrons mit einem Hauch von Viktor Orbán zu verbinden. Er gibt sich einerseits als Europäer und vermag junge Leute für die Politik zu begeistern. Gleichzeitig ist er stolz darauf, die Balkanroute für Flüchtlinge geschlossen zu haben, und poltert gegen den Islam. Damit holt er sehr unterschiedliche Wählerschichten ab.

Bevor er wieder ins Smartphone-Meer abtaucht, ruft Kurz noch einmal seinen Anhängern zu, auch wirklich zur Wahl zu gehen. Er warnt davor, dass sonst die Sozialdemokraten zusammen mit kleineren Parteien eine Regierung bilden würden.

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